Angesichts der Börsenturbulenzen sowohl Anfang August als auch im September, die durch womöglich unbegründete Rezessionsängste in den USA hervorgerufen wurden, blicken Investoren mit Sorgenfalten auf die konjunkturelle Entwicklung der Eurozone. Hier signalisieren diverse Frühindikatoren, dass sich die für das zweite Halbjahr erwartete Konjunkturbelebung voraussichtlich weiter verzögern wird.
Immerhin verzeichnete die Wirtschaft in der Europäischen Union im zweiten Quartal ein bescheidenes, aber positives Wachstum von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal, das zudem leicht über dem erwarteten Wachstum von 0,2 Prozent lag. Allerdings sparen die Verbraucher noch immer auf Rekordniveau und die Regierungen haben begonnen, ihre Ausgaben zu beschränken, um Haushaltsdefizite zu verringern.
Die Aufschlüsselung nach Ländern ist zudem enttäuschend: Während das Wachstum in Frankreich mit 0,3 Prozent und vor allem in Spanien mit 0,8 Prozent gegenüber dem Vorquartal stärker als erwartet ausfiel, wächst die Sorge um Deutschland. Das größte Mitgliedsland der Europäischen Union bleibt mit einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 0,1 Prozent zum Vorquartal das Schlusslicht unter den größten Staaten des Euroraums und bremst damit das Gesamtergebnis. Insbesondere die Ausrüstungs- und Bauinvestitionen waren in Deutschland rückläufig.
Trotz der derzeitigen Fragmentierung dürften die BIP-Wachstumsraten im europäischen Währungsraum in den kommenden Quartalen jedoch stabil im positiven Bereich bleiben. Darauf deutet zumindest der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex (PMI) der Eurozone hin. Dieser stagnierte zwar im August bei 45,8 Punkten und blieb damit den 22. Monat in Folge unter der Wachstumsmarke von 50 Punkten, dennoch geht der Markt davon aus, dass der zusammengesetzte PMI in den kommenden Monaten wieder anziehen wird. Spanien dürfte an dieser Entwicklung weiterhin einen großen Anteil haben. Hier ist der entsprechende PMI nach wie vor sehr robust und das BIP-Wachstum dürfte auch im dritten Quartal 2024 stark ausfallen.
Gegenwind lässt nach
Die Wachstumsdynamik ist zwar insgesamt eher schwach, allerdings war dies das zweite positive Quartal in Folge, das nach mehr als einem Jahr der Stagnation die Hoffnung auf einen Konjunkturaufschwung aufrechthält. Der Gegenwind lässt nach, die Inflationsdynamik schwächt sich ab und die Löhne und Gehälter sind insbesondere in Deutschland zuletzt wieder stärker gestiegen als die Preise, so dass die Reallohnzuwächse positive Impulse vom privaten Verbrauch nach sich ziehen dürften.
Zudem dürfte die Europäische Zentralbank ihre Geldpolitik weiter lockern. Nach den Zinssenkungen im Juni, September und Oktober erwartet der Markt eine weitere Senkung im Jahr 2024. Bis Mitte nächsten Jahres sind an den Finanzmärkten dann bis zu vier zusätzliche Zinssenkungen von jeweils 25 Basispunkten eingepreist, was die Konjunktur weiter unterstützen und auch den europäischen Aktienmärkten Rückenwind verleihen sollte.
Die Gewinnwachstumserwartungen bleiben trotz aktueller Konjunktursorgen robust. Der Konsens erwartet für 2024 ein Wachstum im mittleren einstelligen Prozentbereich und für 2025 ein Wachstum von über 10 Prozent. Noch immer handeln die europäischen Aktienindizes tendenziell unter ihren historisch durchschnittlichen Fundamentalbewertungen und bleiben damit durchaus attraktiv.
Autor
Tobias Friedrich
Tobias Friedrich ist Senior Manager Products & Markets bei Santander Asset Management Germany.