Indien hat sich in den vergangenen Jahren als die am schnellsten wachsende Volkswirtschaft der G20 etabliert und seine robuste Dynamik auch dann beibehalten, als die globalen Märkte mit Inflation, volatilen Energiepreisen und geopolitischen Herausforderungen zu kämpfen hatten. Bis zum Ende dieses Jahrzehnts wird sich das Bruttoinlandsprodukt Indiens voraussichtlich auf rund 6 Billionen US-Dollar (rund 4,3 Billionen Euro) verdoppeln und das Land damit zur drittgrößten Volkswirtschaft der Welt machen.
Boom des Binnenkonsums erwartet
Das ist nicht nur auf die Dimension des indischen Marktes zurückzuführen. Indien durchläuft einen historischen Wandel vom Status eines Landes mit niedrigen mittleren Einkommen zu einem Staat mit hohen mittleren Einkommen. Eine solche Entwicklung löst in der Regel einen Boom des Binnenkonsums aus und schafft neue Möglichkeiten für Handel und Investitionen. Prognosen zufolge könnte der Konsum der privaten Haushalte bis 2030 das Niveau der gesamten heutigen indischen Wirtschaft erreichen. Das unterstreicht den Einfluss einer schnell wachsenden Mittelschicht und deren Nachfrage nach Dienstleistungen, Konsumgütern und Infrastruktur.
Die Grundlagen für Indiens Aufstieg liegen in einem Jahrzehnt der Reformen und umsichtigen Wirtschaftspolitik. Die Haushaltskonsolidierung hat die Wirtschaft gestärkt, die Devisenreserven sind weiterhin hoch und politische Stabilität hat die Glaubwürdigkeit der Politik erhöht. Die Bilanzen der Unternehmen sind so gesund wie seit der globalen Finanzkrise nicht mehr, was Raum für Investitionen schafft. Höhere Infrastrukturausgaben haben den Weg für private Investitionen geebnet, die rasche Digitalisierung hat zu Produktivitätssteigerungen und finanzieller Teilhabe geführt. Gleichzeitig haben Fortschritte bei der Armutsbekämpfung und beim Zugang zu Basisdienstleistungen die soziale Resilienz gestärkt.
Wachstum bringt Herausforderungen mit sich
Indien profitiert auch von seiner Fähigkeit, globale Unsicherheiten in Chancen zu verwandeln. Firmen weltweit überdenken ihre Lieferketten und verfolgen eine „China-plus-eins“-Strategie. Die Größe des Landes, sein Reformkurs und sein Lokalisierungsstreben machen Indien zu einem naheliegenden Ziel. In der 15. jährlichen Umfrage von Standard Chartered unter Herstellern in der Greater Bay Area (China) nannten 47 Prozent der Befragten den großen Binnenmarkt Indiens als einen wichtigen Faktor – doppelt so viele wie im Vorjahr.
Es bleiben jedoch Herausforderungen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Entwicklung von Qualifikationen müssen mit einer jungen, dynamisch wachsenden Bevölkerung Schritt halten, insbesondere in einer digitalen und KI-gesteuerten Wirtschaft. Regionale Ungleichheiten, Einkommensunterschiede und Klimarisiken müssen adressiert werden, um inklusives und nachhaltiges Wachstum zu schaffen. Eine anhaltende Reformdynamik sowie langfristige Investitionen in Infrastruktur und Bildung sind entscheidend, um das Vertrauen der Investoren zu erhalten.
Für Europa geht es um eine Beteiligung an Indiens Entwicklung. Die Verbindung zwischen Europa und Indien bietet ein enormes Potential: Europa bringt Kapital, Technologie und Know-how im Bereich Nachhaltigkeit mit, während Indien Größe, eigenes technologisches Know-how, Nachfrage und eine dynamische Basis für Produktion und Dienstleistungen bietet. Eine engere Zusammenarbeit kann Investitionen in Infrastruktur, erneuerbare Energien und digitale Konnektivität beschleunigen und neue Chancen für Unternehmen und Finanzinstitute eröffnen.
Autor
Madhur Jha
Madhur Jha ist Global Economist und Head of Thematic Research bei Standard Chartered.