„Die Pleite von Senvion wird nicht die letzte sein“, lautete die Überschrift in einem großen Wirtschaftsmagazin 2019. Die Insolvenz des Hamburger Windradherstellers war tatsächlich nur der Auftakt einer Krise der deutschen Windkraftunternehmen. Als dann der politische Umschwung hin zum Ausbau der erneuerbaren Energien kam, reagierten Warenkreditversicherer zurückhaltend. Die gerade erst erlebte Krise war noch zu präsent. Für ein Unternehmen wie KGW, spezialisiert auf Stahlrohrtürme für Windenergieanlagenhersteller, wurde es daher schwierig, die eigenen Risiken abzusichern.
Anbieter ziehen sich zurück
KGW, so schien es, musste sich bei der Anfrage eines wichtigen Kunden daher zwischen zwei Übeln entscheiden: auf einen großen, wichtigen Auftrag verzichten oder voll ins eigene Risiko gehen. Das Problem trifft nicht nur KGW und die Windbranche. In vielen Segmenten stehen Unternehmen derzeit unter Druck. Die Rückzahlung von Corona-Finanzhilfen belastet die Liquidität nach einer schwierigen Konjunkturphase und angesichts hohen Energiekosten weiter. Das schlägt sich in den Insolvenzquoten nieder, die so hoch sind wie seit Jahren nicht.
Die Warenkreditversicherer schauen daher besonders sorgfältig hin und haben über die Jahre ihre Limite immer weiter gesenkt. Einer Ausweitung der Limite stehen sie entsprechend sehr reserviert gegenüber.
KGW, selbst nicht direkt von der Krise in der Windenergiebranche betroffen, hätte nur einen Bruchteil der Forderungssumme absichern können. Das Einzelrisiko war zu groß, denn die Situation beim Kunden erschien branchenbedingt finanziell zu unsicher. Die Folgen einer Ablehnung dieses Großauftrags wiederum wären aber nicht nur für KGW erheblich gewesen. Auch die Region rund um den Unternehmenssitz in Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern hätte gelitten, wichtige Arbeitsplätze wären gefährdet gewesen.
Brief ans Ministerium findet Gehör
KGW wollte eine Lösung zur Risikoabsicherung finden. Ein Brief an das Wirtschaftsministerium stieß auf offene Ohren: Das Land war bereit, mit einer Landesbürgschaft Hilfe zu leisten. Doch diese Lösung ist ursprünglich auf Banken zugeschnitten, die sich gegen die Insolvenz von Kreditnehmern absichern wollen. Im Fall von KGW ging es jedoch darum, sich über einen Kreditversicherer gegen das Risiko der Nichtzahlung durch einen Kunden abzusichern.
Das stellte eine besondere Herausforderung dar, denn Kreditversicherer arbeiten normalerweise ohne Sicherheiten. Der Standardtext der Landesbürgschaft passte daher nicht. Die Aufgabe bestand darin, den Bürgschaftstext so zu ändern, dass er für einen Kreditversicherer als Sicherheit akzeptabel ist und die Pflichten erfüllbar bleiben. Zusammen mit einem Bürgschaftsexperten und dem Mandatar des Landes wurde der Text so angepasst, dass die Anforderungen von allen Beteiligten, also von Land, KGW und Kreditversicherer, erfüllt waren. Dank der gemeinsam gefundenen Lösung konnte KGW den wichtigen Großauftrag annehmen, ohne ein existenzbedrohendes Risiko einzugehen.
Noch ist diese Sonderlösung ein Unikat, aber sie könnte zur Blaupause für andere infrastrukturkritische Fälle werden. Die Chancen stehen gut, dass weitere Bundesländer die Lösung als modernes Instrument der Wirtschaftsförderung einsetzen.
Autor
Daniel Hoffmann, Viktor Margaritopoulos
Daniel Hoffmann ist Kaufmännischer Leiter des Gesellschafters der KGW Schweriner Maschinen- und Anlagenbau GmbH in Schwerin.
Viktor Margaritopoulos ist Leiter Kreditversicherung DACH bei der Gracher Kredit- und Kautionsmakler GmbH & Co. KG in Trier.