Die rasante Expansion des Elektrofahrzeugmarktes, insbesondere in China, hat für einen klassischen disruptiven Moment in der Automobilindustrie gesorgt. Dies ermöglichte es neuen Akteuren, erhebliche Marktanteile zu gewinnen. Bei der Entwicklung von Elektrofahrzeugen rückte die Software als Schlüsselfaktor für Leistung und Benutzererlebnis in den Mittelpunkt des Automobildesigns. Mit neuen Fahrzeugarchitekturen wollen die führenden europäischen Hersteller den verlorenen Boden bei den Elektrofahrzeugen nun zurückgewinnen.
Software Defined Vehicles (SDVs) haben den Schwerpunkt des Automobildesigns von mechanischen Funktionen auf softwaregesteuerte Innovationen verlagert. Im Gegensatz zu herkömmlichen Fahrzeugen verwenden SDVs zentralisierte Computerplattformen und modulare Software, um alles von der Fahrdynamik bis zum Infotainment zu verwalten. Die Fahrzeuge können durch Software-Upgrades neue Funktionen bekommen. Auch die Leistung oder Sicherheit lässt sich mit weniger physischen Eingriffen verbessern. Erfolgsentscheidend ist es, dass die Computerplattformen immer komplexere Fahrfunktionen und perspektivisch autonomes Fahren unterstützen.
Aufstieg chinesischer Autohersteller
Aufstrebende chinesische Anbieter haben sich in der Herstellung von SDVs rasant weiterentwickelt, indem sie Architekturen, Betriebssysteme und KI-gesteuerte Plattformen entwickelt haben. Dadurch konnten sie ihren großen Marktanteil bei Elektrofahrzeugen in China sowie eine Marktposition in Europa im Wettbewerb mit europäischen Herstellern aufbauen. In China liegt der Anteil von Elektrofahrzeugen an den Neuzulassungen bei nahezu 50 Prozent. Infolge der rasant zunehmenden Durchdringung lokaler Akteure ist der Marktanteil der ehemals dominierenden nicht-chinesischen Hersteller auf weniger als 35 Prozent gesunken.
Investitionen und Wettbewerbsdruck begrenzen Margenentwicklung
Die Antwort der europäischen Hersteller besteht darin, verstärkt in die Architektur und das Softwaredesign von Elektrofahrzeugen sowie in strategische Technologiepartnerschaften zu investieren. So stellte BMW beispielsweise in diesem Jahr seine neue SDV-Architektur, die „Neue Klasse“, vor. Bei der Entwicklung der neuen Plattform für automatisiertes Fahren hat sich BMW mit Qualcomm und Amazon Web Services zusammengetan, was den technologischen Wandel des modernen Automobilbaus demonstriert. Mercedes-Benz wiederum hat Allianzen mit Qualcomm und Nvidia geschlossen, um Infotainment, Konnektivität und autonomes Fahren voranzutreiben.
Der Mobilitätsmarkt ist heute ein Raum für die Entwicklung disruptiver Technologien und Geschäftsmodelle. Der Verbraucher hat bei Marken, Technologie, Ausstattung und Diensten mehr Auswahl als je zuvor. Hinzu kommt, dass kürzere Entwicklungszyklen das schnelle Bereitstellen neuer Technologien ermöglichen. Wir gehen davon aus, dass all das die Industrie auch in den nächsten Jahren prägen und den Wettbewerb weiter verschärfen wird. Dies wird das Potential der großen Hersteller für eine deutliche Verbesserung ihrer finanziellen Performance mittelfristig begrenzen. Längerfristig könnte dies den Weg zur Konsolidierung ebnen – wenn finanziell schwächere Akteure, die entweder Skaleneffekte nicht realisieren oder Innovationen nicht auf den Markt bringen können, nicht mehr in der Lage sind, den Kräften des Marktes standzuhalten.
Autor
Tuomas Erik Ekholm
Tuomas Erik Ekholm ist Senior Vice President Sector Lead Corporate Ratings bei Morningstar DBRS in Frankfurt am Main.