Stahlunternehmen stehen in der Lieferkette zahlloser Industrien weit vorn. Als emissionsintensive Branche sind es Stahlunternehmen bereits gewöhnt, mit den Chiffren Scope 1 und 2 umzugehen. Erstere dokumentiert die direkten Emissionen, etwa über das Bürogebäude, Firmenfahrzeuge oder Fabriken, Letztere die Emissionen durch eingekaufte Energie wie Strom, Dampf, Wärme oder Kühlung.
Im Scope 3 werden Emissionen erfasst, die außerhalb des Unternehmens etwa durch die Entsorgung, vor allem aber auch in der Lieferkette entstehen. Mit der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) wird die Veröffentlichung der Scope-3-Emissionen für rund 15.000 deutsche Unternehmen ab 2025 verpflichtend. Damit steigt nicht nur der Druck für Stahl- und energieintensive Unternehmen, Transparenz zu zeigen, sondern auch Einsparungen vorzuweisen und klimafreundlichere Varianten anzubieten, weil sich Abnehmer entlang der Lieferketten die Emissionen ihrer Zulieferer zurechnen lassen müssen.
Dabei fallen Stahl- und andere energieintensive Unternehmen besonders ins Gewicht. Neben der Umstellung der Produktionsrouten auf emissionsärmere Varianten, sind die Nutzung recycelter Produkte oder der Einkauf grüner Energie weitere Ansatzpunkte.
Klimaneutralität erfordert massive Investitionen
Doch neben der Vermeidung von Emissionen hilft mitunter auch eine kluge Verwendung nicht benötigter Energie: Das Stahlunternehmen Georgsmarienhütte speist Abwärme ins Fernwärmenetz der gleichnamigen Stadt und nutzt sie, um mit Turbinen Strom zu erzeugen, der wiederum für die Weiterverarbeitung von Stahl benötigt wird. Dadurch verringert das Unternehmen seinen CO2-Fußabdruck um 1.500 Tonnen pro Jahr.
Welche Wege auch gewählt werden: Auf dem Weg der Transformation sind Investitionen in Millionenhöhe, in manchen Fällen sogar in Milliardenhöhe notwendig. Schätzungen zufolge müsste die deutsche Privatwirtschaft pro Jahr 120 Milliarden Euro in die Klimaneutralität investieren. Weltweit sind bis 2030 pro Jahr Investitionen in Höhe von rund 1,4 Billionen Euro notwendig.
Kriterien bei der Kreditvergabe
Die Vergabe von Krediten an energieintensive – und damit häufig emissionsintensive – Unternehmen folgt besonderen Regeln, denn Banken sind vom Regulator dazu angehalten, Nachhaltigkeitsrisiken in ihrem Risikomanagement zu reflektieren. Erstens berücksichtigen Banken quantitativ auch physische Umwelt- und Transitionsrisken, die das Geschäftsmodell bedrohen und bei energieintensiven Sektoren beträchtlich sein können.
Zweitens sind viele Banken selbst Net-Zero-Verpflichtungen bis zum Jahr 2050 eingegangen. Die CO2-Emissionen von Kunden sind sogenannte finanzierte Emissionen der Banken im Sinne von Scope 3. Die Reduktion von Emissionen ist darum insbesondere bei CO2-intensiven Unternehmen ein zunehmend wichtiger Faktor für die Kreditvergabe. Für diese Branchen setzen Banken immer häufiger neue Zielpfade in Richtung Net Zero fest.
Drittens achten Banken darauf, dass Unternehmen auch Fortschritte in ihrer Transformation zu mehr Nachhaltigkeit machen und die Finanzierungen im Einklang mit ihren Nachhaltigkeitszielen stehen. Dafür eignen sich oft besondere Kredite, konkret sogenannte Sustainability-linked Loans, die an Nachhaltigkeitskriterien geknüpft werden. Dadurch beziehen Unternehmen weitere Abteilungen in die Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie ein und verankern das Thema noch tiefer in der Organisation. Auch der Außenwelt zeigen die Unternehmen, dass sie ihre Nachhaltigkeitsambitionen und deren Umsetzung von Banken messen lassen.
Autor
Marcus Thiel
Marcus Thiel ist Leiter Nachhaltige Unternehmenskredite bei der Deutschen Bank AG.