Die vergangenen drei Jahre haben für deutsche Unternehmen erhebliche Veränderungen mit sich gebracht. Nach der Corona-Pandemie sowie der darauffolgenden Lieferketten- und Energiekrise kam es zu einer anhaltend hohen Inflation. Diese führte sowohl zu einem Anstieg der Working-Capital-Bedürfnisse von Unternehmen als auch der Refinanzierungszinsen. Da gleichzeitig Banken seit Jahren konservativer bei der Kreditvergabe werden, ist es für Unternehmen deshalb heute wichtiger denn je, die eigenen Finanzierungsmöglichkeiten zu kennen.
Finanzierungsmöglichkeiten in Zeiten des Wandels
Auch in den nächsten Monaten ist von einer anhaltend erhöhten Inflation und Zinsbelastung bei Refinanzierungen auszugehen. In den kommenden Jahren werden zusätzliche Belastungen durch den Fachkräftemangel, die Notwendigkeit der Diversifikation der Lieferketten und eine häufigere Unternehmensnachfolgesituation hinzukommen.
Gleichzeitig ist durch die verschärfte Regulierung der Bankenbranche in den vergangenen Jahren und den Zinsanstieg seit 2021 die Unternehmensrefinanzierung schwieriger geworden. CFOs und Treasurer schauen daher immer öfter nach Möglichkeiten, die eigene Finanzierungsstruktur zu diversifizieren.
Debt Funds und Stretched-Senior-Finanzierungen
Beispielsweise ist es durch die Etablierung von Debt Funds (Kreditfonds) und Stretched-Senior-Finanzierungen für Unternehmen möglich geworden, weitgehend tilgungsfrei zu finanzieren. Dies eröffnet zusätzliche Handlungsmöglichkeiten für Investitionen während der Kreditlaufzeit. Kreditfonds können dabei bestehende Bankenfinanzierungen ablösen oder ergänzen, etwa in einer zusätzlichen Tranche innerhalb einer bestehenden Konsortialfinanzierung.
Bei der Unternehmensnachfolge hingegen kann durch den Einsatz von Mezzanine-Kapital inzwischen häufig verhindert werden, dass der bestehende Eigentümerkreis durch den Verkauf von Unternehmensanteilen die Kontrolle des Unternehmens an externe Investoren abgeben muss. Immer häufiger werden Debt Advisors bei Refinanzierungen eingesetzt, um den Finanzierungsprozess sicher zu steuern und einen Wettbewerb zwischen den Finanzierungsparteien zu erzeugen und so die besten Konditionen für das Unternehmen zu sichern.
Optimierung des Working Capital
Bei der Optimierung der Finanzierungsstruktur hat die Verbesserung des Working Capital an Bedeutung gewonnen. So ist der Leitsatz „Cash is King“ zurück auf der Agenda der CFOs und Treasurer. Ein effizientes Working Capital Management reduziert die Kapitalbindung im Unternehmen, setzt Liquidität frei und sorgt für eine umfassende Transparenz über relevante Prozesse.
Erfolgsfaktoren für das Working Capital Management liegen in der Verbesserung der End-to-End-Prozesse bei Lieferantenverbindlichkeiten, Beständen und Kundenforderungen. Ein wichtiger Treiber ist dabei die Etablierung einer Cash Governance, zu der etwa der Einsatz von operativen Working Capital Dashboards, Leitplanken in Form von Richtlinien und Vorgaben oder die Etablierung von Cash Offices zählen.
Externe Unterstützung und digitale Tools
Externe Spezialisten können helfen, die Cash-Transformation im Unternehmen gezielt voranzutreiben. Durch den Einsatz digitaler Tools können Schwachstellen in den relevanten End-to-End-Prozessen in kurzer Zeit identifiziert und Cash-Potentiale nachhaltig realisiert werden.
Durch die Nutzung von direkten Finanzierungsinstrumenten des Umlaufvermögens, also durch die Kombination aus Warenlagerfinanzierung, Factoring und auch Reverse Factoring, kann die Liquidität des laufenden Geschäfts zusätzlich deutlich verbessert werden.
Autor
Philipp Widmaier ist Head of Debt Advisory bei Goetzpartners.
philipp.widmaier@goetzpartners.com
Stephan Dellermann ist Partner bei Goetzpartners.
stephan.dellermann@goetzpartners.com