Deutschland hat sich das Ziel gesetzt, im Jahr 2045 treibhausgasneutral zu sein. Dabei spielt der effiziente Umbau der Energieversorgung eine zentrale Rolle. Auf den Energiesektor entfallen laut Statistischem Bundesamt 40 Prozent der CO2-Emissionen der deutschen Wirtschaft. Das macht ihn zum Wirtschaftszweig mit der höchsten Emissionsintensität.
Die EU-Strategie „Global Gateway“ soll auf europäischer Ebene als Impulsgeber dazu beitragen, Energie, Verkehr und Digitales zu vernetzen. Um Finanzierungslücken zu schließen und den erheblichen Investitionsaufwand zu stemmen, müssen die Konzepte von Politik, Banken und Unternehmen eng verzahnt werden. Allein in Deutschland wird der Investitionsbedarf für den Ausbau von Strom-, Wärme-, Wasserstoff- und CO2-Netzen von der Bundesnetzagentur auf mindestens 600 Milliarden Euro geschätzt. Bei Verzögerungen ist mit Mehrkosten und Nachteilen im internationalen Wettbewerb zu rechnen.
ECAs können wertvollen Beitrag leisten
EU-weit gilt es, nicht nur neue Energiequellen inner- und außerhalb des Binnenmarkts zu erschließen, sondern auch den Zugang zu Rohstoffen sicherzustellen und die Transportwege und -netze in Europa volkwirtschaftlich effizient zu erneuern und auszubauen. Die europäischen Export Credit Agencies (ECAs) können dabei mit erweiterten Garantieprogrammen zur Exportförderung und Rohstoffversorgung einen wertvollen Beitrag leisten. Ihr Wirkungsgrad und Anwendungsbereich wird durch die Einbettung in „Global Gateway“ vergrößert werden.
Private Banken können unter staatlichen ECA-Deckungen ihren Unternehmenskunden die für den Energieumbau erforderlichen großvolumigen und langfristigen Kreditmittel zur Verfügung stellen. Das Projekt- und Kreditrisiko wird gemeinsam von Unternehmen, Banken und ECAs getragen. Die federführende ECA kann ihr Risiko zusätzlich mit anderen europäischen ECAs und privaten Kreditversicherern im Rückversicherungsmarkt teilen. Dabei werden Risiken minimiert, indem Energieprojekte von erfahrenen Banken und ECAs vor Finanzierungsabschluss fundiert analysiert werden.
Durch diese Kooperation sinken auch die Kosten für die involvierten Staatshaushalte. Auf diese Weise kann der Energie- und Industrieumbau fahrplanmäßig gelingen und deutsche und europäische Schlüsselindustrien können weiterhin erfolgreich im internationalen Wettbewerb agieren.
Vorzeigeprojekt H2 Green Steel
Die Anfang 2024 abgeschlossene 4,2 Milliarden Euro schwere Finanzierung des schwedischen Projekts H2 Green Steel belegt, wie Banken, ECAs und andere Förderinstitutionen zusammenwirken können, um ein Stahlwerk zu ermöglichen, das künftig weitgehend CO2-freien Stahl produzieren soll. Das Kapital dafür wird unter anderem von einem Bankenkonsortium bereitgestellt, unterstützt durch eine schwedische Riksgälden-Garantie und eine deutsche Euler-Hermes-ECA-Deckung. Hinzu kommt eine Bezuschussung aus dem EU Innovation Fund.
Auch Kreditmittel für den internationalen Rohstoffhandel können von ECA-Deckungen profitieren. So stellt die 2023 erfolgte Kreditvergabe an den niederländischen Rohstoffhändler Trafigura langfristig mit sicher, dass in Europa ansässige Hersteller mit den erforderlichen Rohstoffen versorgt sind und die Herstellung zunehmend energieschonend unter Einsatz erneuerbarer Energien erfolgt. Europäische ECAs wie die deutsche Euler Hermes oder die italienische SACE unterstützen solche Finanzierungen mit ihren Förderprogrammen.
Autor
Klaus Mai
Klaus Mai ist Senior ECA Advisor bei der Hypovereinsbank/Unicredit in München.