Störungen der weltweiten Lieferketten, ein verändertes Nachfrageverhalten und explodierende Energiepreise haben zu rasanten Preisanstiegen geführt. Dies dürfte das Inflations- und Zinsumfeld längerfristiger verändern. Entsprechend reagierten die Zentralbanken mit einem deutlichen Kurswechsel, wenngleich anfangs noch zögerlich. Während in der Vergangenheit die zukünftige Inflationsrate oft überschätzt worden war, wurde der historische Preisauftrieb 2022 von vielen deutlich unterschätzt. So haben beispielsweise Ende 2021 die Prognosen im Median für das Jahr 2022 eine Inflation in Deutschland von knapp über 2 Prozent vorhergesagt. Dies zeigt, wie schwierig es ist, die zukünftige Inflationsrate abzuschätzen – insbesondere in einem volatilen makroökonomischen Umfeld.
Inflationsrisiken sind berechenbar
Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, auf eine mögliche Spannbreite der Inflationsrate in den kommenden Jahren zu blicken. So lässt sich abschätzen, ob der Preisanstieg für längere Zeit über bestimmten Grenzwerten liegen wird. Mit einer Quantilsregression lässt sich eine mögliche Asymmetrie der Aufwärts- und Abwärtsrisiken berücksichtigen. Das Modell basiert auf verschiedenen weltwirtschaftlichen Szenarien oder aktuellen Markterwartungen.
Angenommen, das Inflationsrisikomodell für Deutschland beinhaltet beispielsweise die Inflationsrate, die Veränderung des Bruttoinlandsprodukts, den 3-Monats-Zinssatz und eine Energiepreisvariable. Letztere setzt sich als gewichtetes Mittel aus dem Rohölpreis und dem Gaspreis in Euro zusammen. Im Prognosezeitraum bedingen bestimmte Annahmen bezüglich der anderen Variablen die Inflationsprognose. Für das Baseline-Szenario wird unterstellt, dass sich Bruttoinlandsprodukt und Zinsen gemäß der durchschnittlichen Vorhersage von Prognostikern entwickeln. Die Energiepreise folgen den aktuellen Öl- und Gas-Futures vom September 2022.
Inflation auch 2023 über 4 Prozent
Die Ergebnisse zeigen, dass die Inflation in der zweiten Jahreshälfte 2022 zuerst wieder anziehen dürfte. Eine Rate von über 8 Prozent im dritten Quartal ist dem Modell zufolge nahezu garantiert. Im weiteren Verlauf ist eine gewisse Entspannung zu erwarten. Diese entsteht durch Basiseffekte – die Preise steigen von bereits erhöhten Niveaus weniger stark – und als Reaktion auf eine gedämpfte Nachfrage und die restriktivere Geldpolitik. Allerdings besteht noch eine sehr beträchtliche Chance, dass die Inflationsrate auch Ende 2023 über 4 Prozent liegt. Dagegen liegt die Wahrscheinlichkeit von weniger als 2 Prozent Inflation bei unter 5 Prozent.
In einem Alternativszenario gehen wir etwa aufgrund eines sehr kalten Winters von kurzfristig noch höheren Energiepreisen und einer schwächeren wirtschaftlichen Dynamik aus. Dies macht eine Inflationsrate von über 8 Prozent in den nachfolgenden Quartalen wahrscheinlicher. Die Wahrscheinlichkeit einer Inflationsrate von weniger als 2 Prozent Ende 2023 beträgt wie im anderen Szenario weniger als 5 Prozent.
Alles in allem zeigt sich, dass der derzeit historisch hohe Preisauftrieb in Deutschland zwar bis Ende 2023 zurückgehen dürfte, sich aber höchstwahrscheinlich weiter deutlich über dem Zielwert der Zentralbank von 2 Prozent befinden wird. Dies erhöht auch die Wahrscheinlichkeit von weiteren Zinsschritten der Europäischen Zentralbank im kommenden Jahr.
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Martin Ademmer ist Economist bei Bloomberg in Frankfurt am Main.
Christian Weber ist EMEA Market Specialist FI bei Bloomberg in London.