Im Börsenjahr 2022 sind neue Herausforderung für die Finanzstrategen institutioneller Investoren dazugekommen: die Inflation diesseits wie jenseits des Atlantiks auf 40-Jahres-Hoch, geopolitische Konflikte, negative Renditen, erhöhte Volatilität. Institutionelle Investoren sehen sich vor dem Hintergrund der turbulenten Märkte verstärkt mit den grundsätzlichen Fragen konfrontiert, wie sie ihre Finanzierungsziele erreichen und ihre Portfolios zukunftsfähig ausrichten können.
Fragen stellen sich hinsichtlich der Liquiditätspositionen, der mittelfristigen Finanzplanung und der Absicherung finanzieller Risiken. Zudem gewinnt die Integration von ESG-Aspekten in das Kapitalmanagement auch für institutionelle Investoren zunehmend an Bedeutung.
ETFs bieten vielfache Vorteile
Die Verschiebung hin zu ESG-konformen Investments ist kein randständiges Phänomen, sondern ein epochales Ereignis an den Kapitalmärkten, mit dem sich gerade auch Treasurer auseinandersetzen. Dass das Thema Nachhaltigkeit mittlerweile bei institutionellen Anlegern nicht nur angekommen, sondern in den Brennpunkt gerückt ist, belegt eine Reihe von Studien und Umfragen aus jüngster Zeit. Klimarisiken werden heute auch als Investment-Risiken verstanden. Anleger erkennen, dass Unternehmen mit gutem ESG-Profil besser positioniert sein dürften, um Klimarisiken zu managen und von den Chancen des Übergangs zu einer Wirtschaft mit Netto-Null-Emissionen zu profitieren.
Um weite Teile oder möglicherweise ganze Portfolien effizient an die aktuellen Herausforderungen anpassen und zudem nach ESG-Kriterien ausrichten zu können, kann sich ein Blick auf börsengehandelte Indexfonds (Exchange-traded Funds, ETFs) lohnen. Diese bieten Vorteile im Hinblick auf Wertentwicklung, Kosten, Liquidität und Zielportfolio. Die Orientierung an Stilfaktoren kann darüber hinaus bei der Kapitalanlage helfen, sich bietende Chancen auch in derzeitigen Marktverhältnissen zu nutzen und die Risiken verantwortungsvoll zu handhaben. Faktorbasierte Anlagestrategien nutzen historisch nachweisbare Renditetreiber, um ihre Portfolios auszurichten.
Doch die Palette ESG-konformer Anlagemöglichkeiten für institutionelle Investoren ist noch vielfältiger. Alternative Investments gewinnen an Bedeutung. So erhöht etwa der Übergang zu klimaneutralem Wirtschaften den Bedarf an Investitionen in Infrastruktur und Energie. In diesem Segment lassen sich ESG-Strategien umsetzen, und die Nachfrage nach entsprechenden Lösungen steigt. Der „Investor Outlook Alternative Assets“ zum zweiten Halbjahr 2021 des Datenanalysehauses Preqin ergab, dass für mehr als drei Viertel der Anleger in alternative Anlagen die Rolle von ESG oder die ESG-Kapazitäten in den vergangenen zwölf Monaten zugenommen haben.
Investoren nutzen alternative Anlagen zur Diversifizierung oder als Quelle für Einkommen und Renditen. Aktive Fonds und spezielle Angebote für Investments in alternative Anlagen bieten geeignete Lösungen mit ausgewogenem Chancen-/Risikoprofil und darüber hinaus zur Erfüllung von Nachhaltigkeitsansprüchen.
Weniger bekannt, aber zunehmend interessant für Investoren, die ihren Liquiditätspositionen einen wesentlichen Wert beimessen, ist der Ansatz, die Integration von ESG-Kriterien auch ins Liquiditätsmanagement einzubeziehen. Dazu ist es erforderlich, die Bedürfnisse und Prioritäten des Anlegers klar herauszuarbeiten, um dann bargeld-spezifische Anlagemöglichkeiten zu identifizieren, die die wachsende Nachfrage der Anleger etwa nach Geldmarktprodukten bedienen und zugleich deren ESG-Prioritäten entsprechen.
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Autoren:
Hamed Mustafa ist Leiter Institutional Sales Deutschland im Bereich ETF und Index-Investing bei BlackRock in Frankfurt am Main.
Lothar Dussmann ist Head of Cash Sales Continental Europe bei BlackRock in Frankfurt am Main.