Die Automobilindustrie ist prädestiniert für Supplier-Finance-Angebote, da aufgrund bestehender Fertigungs- und Logistikprozesse bereits eine tiefgreifende Integration und Automatisierung des Purchase-to-pay-Prozesses existiert. Faktoren wie Just-in-time-Delivery und höchster Qualitätsanspruch führen zu einer erhöhten Störanfälligkeit mit negativen Auswirkungen auf die gesamte Lieferkette. Somit ist die finanzielle Leistungsfähigkeit der gesamten Supply Chain ein Erfolgsfaktor.
Die ehemalige Daimler AG hat diese Faktoren schon vor vielen Jahren erkannt und im Zuge der Finanzkrise 2009 ein Supplier-Finance-Programm für die Lieferanten der Produktionsstätten in Deutschland aufgelegt, das jedoch aufgrund stetig wachsender Anforderungen nach einigen Jahren bereits an seine Grenzen stieß. Insbesondere die mangelnde Skalierbarkeit im Hinblick auf Jurisdiktionen und Währungen in Verbindung mit technischen Limitierungen bei der ERP-Integration führte sowohl bei Lieferanten als auch bei internen Stakeholdern zu rückläufiger Akzeptanz. Hinzu kamen Aspekte wie zunehmender Finanzierungsbedarf sowie der Wunsch nach einer breiteren Einbindung bestehender Finanzierungspartner.
Vor diesem Hintergrund führte Daimler Ende 2019 ein zusätzliches Supplier-Finance-Programm in Deutschland ein, das auf einer bankenunabhängigen Supplier-Finance-Plattform implementiert wurde. Beide Programme liefen zunächst parallel, um die Akzeptanz aller Stakeholder sowie eine reibungslose Prozessautomatisierung zu testen. Nach der erfolgreichen Pilotphase trieb das Unternehmen bereits ab dem ersten Quartal im Jahr 2021 die Skalierung voran, indem das Onboarding neuer Lieferanten der Daimler AG ausschließlich auf der neuen Plattform stattfand. Parallel dazu wurden Tochtergesellschaften der Daimler AG und mit wachsendem Finanzierungsbedarf weitere Finanzierungspartner in die neue Lösung integriert. Diese schrittweise Skalierung war problemlos möglich, weil der gewählte Plattformansatz eine klare Trennung der technischen Integration von der Finanzierung und dem Onboarding der Lieferanten vorsieht.
Neuausrichtung des Programms
Im Jahr 2021 hat die Daimler AG die Ausgliederung des Lkw-Geschäfts bekanntgegeben und diese im Dezember 2021 vollzogen. In der Folge musste das bestehende Supplier-Finance-Programm in rechtlicher, technischer und organisatorischer Sicht ebenfalls neu ausgerichtet werden. Im Wesentlichen umfasste dies den Abschluss neuer Verträge mit bestehenden Lieferanten und Finanzierungspartnern sowie die Neuausrichtung der IT-Prozesse.
Sämtliche Maßnahmen mussten pünktlich zum Ausgliederungsstichtag abgeschlossen sein, um die reibungs- und lückenlose Finanzierung für alle Lieferanten sicherzustellen. Die Ausgliederung war ebenfalls der Anlass, das ursprüngliche Supplier-Finance-Programm der einstigen Daimler AG auf die neue Plattform zu übertragen. Auch diese Migration erforderte eine exakte Planung und eine professionelle Projektsteuerung, um einen reibungslosen Übergang im geplanten Zeitrahmen zu gewährleisten.
Nach Abschluss dieser Maßnahmen hat Mercedes-Benz ab dem ersten Quartal im Jahr 2022 die Skalierung des Supplier-Finance-Angebots massiv vorangetrieben. Hierzu wurden die Produktionsstätten in Ungarn und den USA in das Reverse-Factoring-Angebot einbezogen. Darüber hinaus wurde durch eine besondere Task-Force die Anzahl der Lieferanten-Onboardings deutlich erhöht.
Autor
Michael Piel ist VP Corporate Advisory bei der CRX Markets AG in München.
piel@crxmarkets.com