Es sind herausfordernde Zeiten für Unternehmen: Die Rezessionsgefahr hält an, und es vollziehen sich tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Die weltweit zunehmenden geopolitischen Spannungen und vor allem die wachsende Rivalität mit China führen zu einer Neuausrichtung globaler Lieferketten. Und über allem stehen der Klimawandel und die Energiewende: Sie bringen politische Eingriffe in die Wirtschaft mit sich, stellen die Legitimation globaler Wirtschaftskreisläufe zunehmend in Frage und führen zu einer wachsenden Nachfrage nach neuen nachhaltigen Dienstleistungen und Gütern.
Im Transport- und Logistiksektor, dem Nervensystem der globalen Wirtschaft, werden die Herausforderungen besonders sichtbar. Aus ihnen entstehen neue Anforderungen in allen Unternehmensbereichen, auch im Treasury. Das ist zunächst einmal der steigende Investitionsbedarf. Im Automobil- und Luftfahrtsektor muss die Produktpalette künftig vor allem energieeffizient und schadstoffarm sein. Im Automobilsektor geht es dabei nicht allein um die Umstellung auf Elektroantriebe. Die Entwicklung von Batterien und der Aufbau einer Ladeinfrastruktur schaffen enormen Finanzierungsbedarf.
ESG bringt neue Geschäftsmodelle
Neben diesen Investitionen im Kerngeschäft entstehen rund um den Automobilsektor neue Geschäftsmodelle. Die mögliche Nutzung von Autobatterien als Stromspeicher bringt neue Abrechnungs- und Zahlungsmodelle wie „Pay per Use“ oder „In-Car-Payments“ mit sich. Das Treasury muss Wege finden, um solche mitunter stark schwankenden Zahlungsströme abzubilden.
Im Luftfahrtsektor wiederum spielt die Umstellung auf energieeffizientere Flugzeugmodelle eine Rolle und muss finanziert werden. Hinzu kommen steigende Kosten für Treibstoffe. Nachhaltige synthetische Antriebsstoffe können zwar den Schadstoffausstoß wesentlich verringern, sind aktuell in der Produktion aber mehrfach teurer als fossiles Kerosin. Und auch Ausgleichssysteme wie der Europäische Emissionshandel (EU-EHS) dürften die Kosten nach oben treiben. Damit ist absehbar, dass die Flugpreise steigen werden. Das dürfte auf Dauer auch Auswirkungen auf die Geschäftsmodelle von Fluggesellschaften haben und andere Finanzierungsstrukturen nach sich ziehen.
Nachhaltigkeit gewinnt an Bedeutung
Eine nachhaltige Ausrichtung ist dabei aber nicht nur ein Kostentreiber. Auf der Refinanzierungsseite kann ein verbessertes Nachhaltigkeitsprofil kostensenkend wirken. Denn um die CO2-Bilanz des eigenen Kreditportfolios zu optimieren, verknüpfen immer mehr Banken ihre Finanzierungskonditionen mit dem Erreichen nachhaltiger Ziele. Ob nun Green Loans oder Green Bonds und grüne Schuldscheine zur Finanzierung konkreter Projekte mit ESG-Bezug – auch im Transport- und Logistiksektor gewinnen nachhaltige KPIs an Bedeutung. Bei Schiffsfinanzierungen etwa zeichnet sich ab, dass Finanzierungszusagen und -konditionen künftig verstärkt davon abhängen werden, ob Kreditnehmer eine klare Strategie zur Reduzierung der CO2-Emissionen vorweisen können.
Aber wie lassen sich KPIs entwickeln, die umsetzbar sind und wirkliche Veränderungen bewirken? Banken können über ihre Rolle als Finanziers hinaus helfen, aus der Menge an verfügbaren Daten entsprechende KPIs abzuleiten und deren Einhaltung zu überwachen. Mit der Verzahnung unterschiedlicher Expertisen kann das Treasury zudem einen deutlichen Mehrwert innerhalb des Unternehmens bieten.
Autor
Hugo Kanters ist Head Transport & Logistic Sector bei ING Deutschland in Frankfurt am Main.
hugo.kanters@ing.de