Unternehmen müssen sich zunehmend mit Nachhaltigkeit auseinanderzusetzen. Während die meisten Firmen zunächst ihre eigenen, direkten ESG-Daten sammeln und verbessern, bemühen sich einige Konzerne zunehmend, auch negative Umwelt- und Sozialeffekte in der Wertschöpfungskette zu identifizieren und zu minimieren.
Eine nachhaltige Lieferkettenfinanzierung (Sustainable Supply Chain Finance, SSCF) ermöglicht es Unternehmen, etablierte Strukturen wie beispielsweise Reverse Factoring, Dynamic Discounting oder Payment Solutions mit Nachhaltigkeitselementen zu kombinieren. So schaffen sie finanzielle Anreize für Lieferanten, soziale und ökologische Ziele umzusetzen. Der Fokus auf ESG in der Finanzierung stärkt dabei die gesamte Wertschöpfungskette zum Nutzen aller Beteiligten. SSCF kann in unterschiedlichen Ausprägungen strukturiert werden.
Bisher wurden vor allem ESG-Ratings der Lieferanten als Kriterium für nachhaltige Lieferkettenfinanzierungen genutzt. Eine Verbesserung des ESG-Ratings führt dann beispielsweise zu günstigeren Finanzierungskosten. Diese Ratings basieren auf externen ESG-Ratings oder unternehmensinternen ESG-Scorings für die Lieferanten.
Neue Richtlinien mit ESG-Bezug
Im März 2023 hat die Loan Market Association (LMA) neue nachhaltigkeitsbezogene Leitlinien für die Kreditvergabe, die Sustainability Linked Loan Principles, veröffentlicht. Diese Leitlinien verdeutlichen, dass die LMA die Nutzung von ESG-KPIs für nachhaltige Finanzierungen gegenüber ESG-Ratings präferiert. Es gilt abzuwarten, ob ESG-Ratings der Lieferanten in nachhaltigen Lieferkettenfinanzierungen langfristig im Fokus stehen.
Denn auch die International Chamber of Commerce (ICC) hat ein Projekt initiiert, um Standards für nachhaltige Handelsfinanzierungen zu definieren. Danach werden alle Elemente der zugrunde liegenden Transaktion beurteilt. Dazu zählen neben dem Lieferanten und der Ware oder Dienstleistung auch der Käufer und der Transport.
ESG-KPIs als zentrale Faktoren
Neben ESG-Ratings dürfte der Fokus künftig stärker auf ESG-KPIs in nachhaltigen Lieferkettenfinanzierungen liegen – sowohl ökologische als auch soziale KPIs können zentral werden. Insbesondere KPIs, die dem Zulieferer Anreize bieten, Treibhausgasemissionen zu reduzieren und entsprechende Ziele zu erreichen, könnten zur Erreichung des 1,5-Grad-Klimaziels beitragen. Immer mehr Unternehmen lassen sich von der Science Based Targets Initiative ihre Emissionsreduktionsziele verifizieren. Diese decken zumeist auch die Emissionen der Wertschöpfungskette ab. Aus diesem Grund steigt der Druck auf Lieferanten, sich selbst solch ein Ziel zu setzen.
Für SSCF können einzelne ESG-KPIs einbezogen werden. Die Beurteilung kann aber ebenso auf mehreren Kennzahlen basieren. Dazu zählen etwa Arbeitskonditionen, das Erntemanagement oder Umwelteinflüsse. Durch das Inkrafttreten des deutschen Lieferkettengesetzes und die in Zukunft relevante Corporate Sustainability Due Diligence Directive der EU rücken soziale Aspekte der Lieferkette verstärkt in den Fokus. So werden Arbeits- und Menschenrechtsstandards vermehrt Einzug in Lieferkettenfinanzierungen finden.
Die Implementierung nachhaltiger Lieferkettenfinanzierungen mit klar definierten und ambitionierten Zielen kann die ESG-Bestrebungen von Lieferanten unterstützen und dazu beitragen, gemeinsam diese Herausforderungen zu meistern.
Autor
Dirk Fehring ist Senior Director im Bereich Working Capital Solutions bei der Raiffeisen Bank International AG in Düsseldorf.
Jasmin Schnarr ist Senior Sustainable Finance Manager im Bereich Sustainable Finance bei der Raiffeisen Bank International AG in Wien.