Stark gestiegene Zinsen, signifikant gesunkene Pensionsverpflichtungen: Für viele Pensionseinrichtungen hat sich die Ausgangssituation in einer historisch einzigartigen Dynamik verbessert. Beispielsweise stieg der durchschnittliche Ausfinanzierungsgrad der Dax-Pensionswerke im Bilanzjahr 2022 auf ein neues Allzeithoch von 80 Prozent – das entspricht einem Plus von 8 Prozentpunkten im Vergleich zum Vorjahreswert, was ebenfalls ein Novum bedeutet.
Verbesserte Ausfinanzierungsgrade
Um die Signifikanz zu verdeutlichen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit: Ende 2012 lag der durchschnittliche Ausfinanzierungsgrad der Dax-Pensionswerke bei 61 Prozent und verbesserte sich schrittweise auf 72 Prozent per Ende 2021. Dies entspricht einem Plus von 11 Prozentpunkten über einen Zeitraum von neun Jahren.
Analysiert man die Treiber dieser Verbesserung, so zeigt sich, dass bis Ende 2021 hohe Kapitalmarktrenditen und Dotierungen in Milliardenhöhe ursächlich für die schrittweise Verbesserung waren. Die signifikante Verbesserung im Bilanzjahr 2022 war hingegen der Passivseite der Pensionsbilanz geschuldet: Liability-Gewinne in einer noch nie dagewesenen Dimension überkompensierten die größtenteils enttäuschenden Kapitalanlageergebnisse deutlich.
Deutsche Pensionskassen mit hohem Risiko sinkender Zinsen
Mit Blick nach vorn ist es zumindest fragwürdig, ob Dotierungen von den Trägerunternehmen in naher Zukunft angesichts aufziehender Wolken am Konjunkturhimmel weiterhin eine (ein-)kalkulierbare Größe sein werden oder ob vielmehr – konträr zur Vergangenheit – Rentenrückerstattungen in Zukunft eine bedeutendere Rolle einnehmen werden, um das operative Geschäft zu entlasten.
Kurzum zeichnet sich die Ausgangssituation wie folgt: Einerseits befindet sich ein zunehmender Anteil an Pensionseinrichtungen in der (unerwartet) komfortablen Situation der Voll- oder sogar Überdeckung, und De-Risking ist in einem historischen Kontext „billig“. Andererseits sind deutsche Pensionseinrichtungen im internationalen Vergleich überproportional dem Risiko sinkender Zinsen ausgesetzt. Entsprechend erscheint es opportun, nun entschlossen De-Risking-Maßnahmen zu ergreifen.
Viele unternehmensspezifische Fragestellungen
Allerdings ist De-Risking nicht gleich De-Risking. Stehen bilanzielle Überlegungen im Vordergrund? Oder die Liquiditätsplanung? Oder eine Kombination aus beidem? Diese und weitere unternehmensspezifische Fragestellungen sind bei der Neuausrichtung der Kapitalanlage für Unternehmen von zentraler Bedeutung.
Autor
Wolfgang Murmann ist Geschäftsführer der Niederlassung Deutschland von Insight Investment in Frankfurt am Main.
wolfgang.murmann@insightinvestment.com