Das Baugewerbe gehört zu den umsatzstärksten Branchen in Deutschland. Laut dem Statistischen Bundesamt wurden zuletzt 12 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bauinvestitionen verwendet. Und an weiterem Bedarf mangelt es nicht. Vor allem in den Städten fehlen Wohnungen, die Verkehrsinfrastruktur muss vielerorts modernisiert werden – eigentlich gute Voraussetzungen für die Branche und ihre Zulieferer.
Doch während sie noch gut durch die Pandemie gekommen ist, belasten die Branche seit Ende 2022 vor allem Kosten-, Preis- und Zinssteigerungen. Das bekam auch ein mittelständischer Bauzulieferer zu spüren, der rund 600 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftet, aber einen deutlichen Nachfragerückgang verzeichnete.
Um das Geschäft zu stabilisieren, definierte das Management ein umfangreiches Maßnahmenpaket. Neben diversen Effizienzmaßnahmen konnte mit der Einführung von Factoring, also dem Verkauf offener Kundenforderungen, kurzfristig eine weitere Finanzierungssäule etabliert werden.
Cash is King
Factoring zeigt besonders in wirtschaftlich angespannten Zeiten seine Stärken. Die Gründe sind vielfältig:
Zum Ersten gilt – salopp formuliert – „Cash is King“ oder auch: „Nur Bares ist Wahres.“ Unternehmen, die Factoring nutzen, müssen nicht auf die Begleichung von Rechnungen in ferner Zukunft warten. Stattdessen überweist der Factoringpartner in aller Regel sofort bis zu 90 Prozent des Forderungsbestands. Der restliche Betrag folgt abzüglich einer Factoringgebühr, sobald der Abnehmer seine Rechnung bezahlt oder einen Insolvenzantrag gestellt hat. Factoring sorgt also für mehr Liquidität.
Zum Zweiten eliminiert Factoring das Risiko von Zahlungsausfällen: Verkaufte Forderungen sind selbst im Fall einer Insolvenz des Kunden vollumfänglich geschützt. Gerade für Firmen, die in Krisenbranchen liefern, kann dies ein signifikanter Vorteil sein.
Und zum Dritten stellt Factoring auf die Verität, also den Wertgehalt der Forderungen ab. Das ist ein klarer Gegensatz zum Kredit der Hausbank, bei dem die Bonität über die Konditionen entscheidet beziehungsweise darüber, ob überhaupt ein Kredit bewilligt wird.
All diese Vorteile können Unternehmen nutzen, um ihren Cashflow positiv zu beeinflussen und finanzielle Puffer aufzubauen. Das wiederum ist die Basis, um dringend nötige Investitionen zu stemmen und handlungsfähig zu bleiben.
Gewappnet für die Zukunft
Soweit die Theorie. Ein Blick auf das eingangs erwähnte Beispiel zeigt, wie das Konzept in der Praxis aufgehen kann. Das besagte Unternehmen finanziert monatlich einen großen Anteil seiner Forderungen mit Factoring vor. Diese zusätzliche Liquidität verhilft zu mehr Spielraum und Entscheidungsfreiheit. So kann sich das Unternehmen aktiv für die Zukunft wappnen – die Prognosen gehen 2025 schließlich wieder von einem Anstieg der Umsätze aus.
Gestützt wird die Entwicklung voraussichtlich durch einen zunehmenden Bedarf an energetischen Sanierungen von bestehenden Gebäuden. Gute Aussichten also für Unternehmen, die genügend Liquidität haben, um die steigenden Umsätze zu finanzieren. Die Erfahrung zeigt: Es gibt immer Firmen, die als Gewinner aus einer Branchenkrise kommen.
Autor
Bernd Renz
Bernd Renz ist Commercial Director Factoring bei der Targobank in Mainz.