Nachhaltigkeitskriterien, oft unter dem Kürzel ESG (Environmental, Social, Governance) zusammengefasst, gewannen in den vergangenen Jahren erheblich an Bedeutung, insbesondere im Anleihenmarkt. Grüne, soziale und nachhaltige Bonds etablierten sich als zentrale Finanzierungsinstrumente zur Umsetzung von Unternehmenszielen mit ökologischer und sozialer Relevanz. Doch jüngste Entwicklungen deuten darauf hin, dass dieser Trend zuletzt an Dynamik verloren hat – aus ökonomischen, politischen und ideologischen Gründen.
Ein Indiz hierfür ist das rückläufige Emissionsvolumen von ESG-Anleihen. Während bis 2021 eine starke Dynamik zu beobachten war, zeigt sich seit 2022 eine gewisse Sättigung des Bondmarktes. Laut Zahlen von Sustainable Fitch lag das globale Emissionsvolumen von ESG-labelled Bonds im ersten Halbjahr 2025 ganze 25 Prozent unter dem Vorjahresniveau, bei Corporate Bonds sogar 36 Prozent niedriger.
Investoren agieren wieder stärker risikoorientiert, was angesichts geopolitischer Unsicherheiten nachvollziehbar ist. In diesem Umfeld, gepaart mit einem deutlichen Nachfrageüberhang, verlieren „weiche“ Faktoren wie Nachhaltigkeit oft an Gewicht. Das „Greenium“, der Finanzierungsvorteil grüner Anleihen, ist vielfach nicht mehr klar messbar. Auch der Markt für ESG-Loans schwächelt: Das Volumen von Sustainability-linked Loans, also Darlehen, deren Konditionen an die Erreichung festgelegter Nachhaltigkeitsziele gekoppelt sind, geht laut Marktbeobachtern zurück. Unternehmen hinterfragen zunehmend den Aufwand zur Zieldefinition und Berichterstattung, besonders bei gleichzeitig steigenden Finanzierungskosten.
Die Europäische Union (EU) versucht, mit der Taxonomie und dem EU Green Bond Standard, der Ende 2024 eingeführt wurde, Transparenz und Glaubwürdigkeit zu stärken und Greenwashing-Risiken zu minimieren. Doch viele Treasurer zögern, da der regulatorische Mehraufwand gegenüber den etablierten Green-Bond-Principles der International Capital Markets Association (ICMA) von Investoren bislang wenig honoriert wird.
Gegenwind für ESG
Zudem formiert sich politischer Widerstand, vor allem in den USA. ESG-orientierte Fonds sehen sich wachsendem Druck ausgesetzt, teils mit regulatorischen Einschränkungen. In Teilen der Finanzwelt etabliert sich ein bewusst Anti-ESG-orientierter Kurs („Anti-Woke Investing“).
Auch Unternehmen setzen sich kritischer mit nachhaltigen Finanzierungen auseinander. Während ESG-Faktoren lange als Differenzierungsmerkmal galten, schauen einige Unternehmen wieder stärker auf die kurzfristige Aufwand-Nutzen-Analyse. Dennoch sehen die meisten Unternehmen ESG-Finanzierungen nach wie vor als fundamentalen Bestandteil.
Damit bleibt Nachhaltigkeit ein strategischer Wachstumstreiber für Investoren und Banken. Viele europäische Geldhäuser verfolgen ambitionierte Nachhaltigkeitsziele. Es wäre daher voreilig, von einem generellen Bedeutungsverlust der Nachhaltigkeit in der Unternehmensfinanzierung zu sprechen. Vielmehr sehen wir aktuell eine Phase der Konsolidierung und Neujustierung. ESG-Finanzierungen sind Ausdruck des strukturellen Wandels in der Finanzwelt, der sich, beeinflusst durch das politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umfeld, in Wellenbewegungen vollzieht. Entscheidend wird sein, ob es gelingt, die ESG-Integration transparent, glaubwürdig und wirtschaftlich tragfähig zu gestalten.
Autor
Marco Dillmann
Marco Dillmann ist Head of DCM Corporates Germany bei BBVA in Düsseldorf.