Als ich meine Karriere in der Unternehmensfinanzberatung begann, bestimmten Wandkalender die Büros meiner Kunden: Budgets im Oktober, Forecasts zu Jahresbeginn, monatliches Reporting als Ritual. Der CFO war der Hüter dieses Rhythmus – wie ein Dirigent, der jedes Jahr dieselbe Symphonie mit kleinen Variationen aufführte.
Dies gehört der Vergangenheit an. Die harmonische Vorstellung ist vorbei.
Wir leben in einer Welt, die von extremen Ereignissen geprägt ist: Kriege, Klimakrise, wirtschaftliche Schocks. Der CFO kann nicht länger nach einem festen Notenblatt spielen. Er ist zum Flugkapitän geworden, der Turbulenzen und plötzliche Veränderungen managen muss. Der Treibstoff, um in diesem Bild zu bleiben, sind Daten, die Atmosphäre ist der Kontext: mal klar, mal stürmisch. Anpassungsfähigkeit ist zur Schlüsselkompetenz geworden.
KI als Dampfmaschine unserer Zeit
Technologie wartet nicht. So wie die Dampfmaschine das 19. Jahrhundert revolutionierte, verändert Künstliche Intelligenz (KI) unsere Gegenwart – mächtig, unausweichlich, disruptiv.
Doch KI ist kein Gott. Wenn wir ChatGPT oder Copilot nutzen, erscheint der Hinweis: „KI-generierte Inhalte können fehlerhaft sein.“ In der Wissenschaft nennt man das Residualproblem – es gibt Aufgaben, die KI nie vollständig beherrschen wird und die deshalb weiterhin von Menschen erledigt werden.
Ich erinnere mich an die frühen Schachduelle zwischen Mensch und Maschine. Heute dominieren Engines wie Stockfish oder Alpha Zero. Aber sie sind auf ein Ziel spezialisiert. Die größere Herausforderung, Artificial General Intelligence (AGI), bleibt ungelöst. AGI wäre eine KI mit der Anpassungsfähigkeit eines menschlichen Gehirns. Bis dies möglich ist, bleibt KI vorerst ein Werkzeug, das von Menschen genutzt wird – auch in der Finanzabteilung.
KI verbessert Datenverarbeitung und steigert Automatisierung
In meiner Arbeit als Berater für Performance-Management-Systeme habe ich erlebt, wie die Digitalisierung Kalender in Workflows, Informationen in Daten und Prozesse in Software verwandelt hat. KI ist der nächste Schritt: Sie verbessert die Datenverarbeitung und steigert die Automatisierung.
Im Abschluss-Workflow ist KI bereits ein zentraler Akteur: Intelligente Algorithmen erfassen lokale und gruppenbezogene Daten, reduzieren Fehler und sparen Zeit. KI-gesteuerte Prozesse beschleunigen Transaktions- und Datenprüfungen um bis zu 90 Prozent. KI-Dashboards ersetzen manuelle Analysen, und automatische Erklärungen von Konsolidierungsregeln erhöhen die Transparenz der Datenherkunft.
CFOs müssen den Wandel fördern
KI kann aber eine GuV oder Bilanz nicht ohne menschliche Aufsicht steuern. Auch der CFO bleibt unverzichtbar: als Treiber von Anpassungsfähigkeit und als Investor in KI. Er weist Ressourcen zu, gestaltet die Governance und fördert den Wandel.
Und die nächsten Veränderungen zeichnen sich bereits ab: Heute bitten wir KI, etwas zu tun. Morgen, mit Agentic AI, werden intelligente Agenten Aktionen vorschlagen, Strategien empfehlen und Bedürfnisse antizipieren. Der CFO muss lernen, mit diesen Agenten zu kommunizieren – mit Kontrolle und Weitblick. Am Ende wird es auch bei diesem Umbruch so sein wie immer: Die Zukunft belohnt diejenigen, die sich anzupassen wissen.
Autor
Paolo Guerrieri
Paolo Guerrieri ist Lead Advisor bei CCH Tagetik DACH, Wolters Kluwer, in Zürich.