Sustainable Finance ist mit einem weltweiten Volumen von 760 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 und einem prognostizierten Volumen von bis zu 2 Billionen US-Dollar 2021 stark wachsend. Unter Sustainable Finance versteht man Finanztransaktionen, die Umwelt-, soziale und Unternehmensführungsaspekte (ESG) berücksichtigen. Während zunächst zweckmittelgebundene Anleihen und Darlehen den Markt dominierten, gewinnen inzwischen andere Formen wie Sustainable Supply Chain Finance an Bedeutung.
„Der Markt muss neue Standards entwickeln.“
Letztere ermöglicht Unternehmen die Steuerung ihrer Lieferkette anhand bestimmter ESG-Kriterien ihrer jeweiligen Nachhaltigkeitsstrategie. Mit Supply Chain Finance (SCF) als Instrument der Working-Capital-Optimierung können Abnehmer Liquidität in der Lieferkette freisetzen, indem eine Bank die Verbindlichkeiten gegenüber den Lieferanten zwischenfinanziert.
Mit Hilfe dieser Struktur kann der Abnehmer nun Anreize für die Verbesserung der ESG-Performance seiner Lieferanten setzen, indem unter einem Sustainable-SCF-Programm den Lieferanten mit starker ESG-Performance Vorteile wie geringere Finanzierungskosten und Priorität in der Rechnungsabwicklung eingeräumt werden. So können Lieferanten eine zusätzliche Reduktion der Marge erhalten, wenn sie bestimme Umweltziele in der Produktion und Logistik, aber auch gewisse Sozial-, Beschäftigungs- und Arbeitsschutzstandards einhalten oder verbessern.
Das nachhaltige Verhalten von Lieferanten kann mit Nachhaltigkeitsratings oder Kennzahlen gemessen werden. Sustainable SCF verspricht somit Vorteile für alle Beteiligten. Die Abnehmer optimieren ihr Working Capital, während sie Anreize für nachhaltiges Verhalten entlang ihrer Lieferkette setzen und damit die eigenen Ziele besser erreichen können. Gleichzeitig tragen sie durch die Anbindung von Unternehmen mit gutem Management zur Stabilisierung ihrer Lieferkette bei.
Reputationsgewinn für alle Akteure
Die Lieferanten profitieren von einem verbesserten Zugang zum Working Capital, verbunden mit der Möglichkeit, ihre ESG-Aktivitäten zu finanzieren und im Unternehmen umzusetzen. Für die Banken bietet Sustainable SCF die Möglichkeit, ein neues Produkt anzubieten, sich damit von den Wettbewerbern abzuheben und dabei den Anteil von nachhaltigem Geschäft zu erhöhen, was die Nachhaltigkeitsziele der Bank stärkt. Zudem können alle Akteure Reputationsgewinne erwarten.
Doch bei der Implementierung von Sustainable SCF warten einige Herausforderungen. Viele Unternehmen sind derzeit dabei, sich dem Thema Nachhaltigkeit durch die Formulierung von Anforderungen an sich selbst und die Lieferkette zu nähern. Die Umsetzung von Sustainable SCF erfordert jedoch die Zusammenarbeit vieler Unternehmensbereiche.
Eine weitere Hürde ist eine standardisierte Definition von Nachhaltigkeit und deren Messbarkeit. Dabei können Ratings und an die Nachhaltigkeitsstrategie von Abnehmern angepasste Kennzahlen die Messbarkeit des Fortschritts ermöglichen. Der Markt muss jedoch Standards entwickeln, um deren Verlässlichkeit und Transparenz sicherzustellen. Die Flexibilität in der Ausgestaltung von Sustainable-SCF-Transaktionen und neue Technologien in der Datenverarbeitung ermöglichen Lösungen, um die Nachhaltigkeit in der Lieferkette zu verbessern.
Autor
Dr. Katrin Piazolo ist Bankprokuristin bei der Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale in Frankfurt am Main.
Kontakt: katrin.piazolo[at]helaba.de
Jasmin Rehne ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die Themen Controlling, Gehalt und Personal. Sie hat in Marburg Sprache und Kommunikation studiert. Neben ihrem Studium arbeitete Jasmin Rehne bereits als studentische Hilfskraft bei FINANCE.
