Risiko & IT
28.07.17

Risikomanagement überprüfen

So können Unternehmen ihr Türkei-Geschäft absichern

Von Desirée Backhaus

Hermes-Bürgschaften für Türkei-Exporte stehen auf dem Prüfstand, auch private Versicherer werden vorsichtiger. Was bedeutet das für deutsche Unternehmen, die in dem Land auch künftig Geschäfte machen wollen?

ferhatcankurt/iStock/Thinkstock/Getty Images

Das Türkei-Geschäft bereitet den deutschen Unternehmen schon länger Sorge. Jetzt spitzt sich der politische Konflikt zu.

Unternehmen müssen ihr Risikomanagement im Hinblick auf das Türkei-Geschäft überdenken. Das gilt insbesondere für Firmen, die ihre Lieferungen und Leistungen mit sogenannten Hermes-Deckungen absichern: Außenminister Sigmar Gabriel hatte in der vergangenen Woche angekündigt, man werde die staatlichen Exportgarantien für das Türkei-Geschäft „auf den Prüfstand stellen“.

Auf Anfrage von FINANCE machte das für die Garantien zuständige Bundeswirtschaftsministerium keine Angabe, ob aktuell noch neue Deckungen für Türkei-Projekte vergeben werden. Auch ob Unternehmen, die über bestehende Absicherungen für Projekte in der Türkei verfügen, nun befürchten müssen, dass diese gekündigt werden, ließ das Ministerium offen.

Ein Sprecher sagte lediglich, „die Bundesregierung prüft derzeit, ob und inwieweit beim Thema Wirtschaftshilfen beziehungsweise Exportförderungen Anpassungen vorgenommen werden sollen.“ Wann mit einer Entscheidung zu rechnen ist, will man in Berlin nicht sagen.

Unternehmen setzen im Türkei-Geschäft auf Hermes-Deckungen

Aus politischer Sicht ist das nachvollziehbar. Die Regierung will den Druck auf die Türkei erhöhen, aber noch nicht alle Register ziehen. Für die betroffenen Unternehmen bedeutet dieses Vorgehen eine hohe Unsicherheit: Viele Exporteure nutzen die staatliche Absicherung, um sich vor Zahlungsausfällen ihrer ausländischen Abnehmer zu schützen. Oft geht es dabei um mittel- bis langfristige Projekte.

In der Türkei hatten Unternehmen Ende 2016 Forderungen im Volumen von 8,9 Milliarden Euro über Hermes-Deckungen abgesichert. Damit rangiert das Land auf Platz 3 hinter den USA und Russland. Das Neugeschäft belief sich in den sechs Monaten dieses Jahres auf 680 Millionen Euro. Das ist deutlich weniger als im vergleichbaren Zeitraum 2014 und 2015, aber mehr als 2016. Damals lag das Neugeschäft im ersten Halbjahr bei 590 Millionen Euro.

Private Kreditversicherer werden restriktiver

Das Problem: Der Rückzug des Bundes trifft die Unternehmen in einer Lage, in der sich auch private Kreditversicherer schwerer tun, Türkei-Geschäfte abzusichern. „Wir sind bei der Limitvergabe restriktiver geworden und prüfen die Anfragen unserer Kunden noch genauer“, bestätigt ein Sprecher des Kreditversicherers Coface auf Anfrage von FINANCE.

Die Folge: Einige Unternehmen können nur geringere Volumen absichern, müssen einen höheren Selbstbehalt akzeptieren oder höhere Prämien zahlen.

Das gilt nicht nur für klassische Exportkreditversicherungen, die Unternehmen vor einem Ausfall ihres Kunden schützen und deshalb stark auf das individuelle Kreditprofil schauen. Wer jetzt Versicherungen gegen politische Risiken in der Türkei abschließen will, ist ebenfalls spät dran. Diese Versicherungen greifen etwa dann, wenn politische Umwälzungen zu Zahlungsausfällen oder Unterbrechungen der Lieferkette führen. Auch wenn Sanktionen oder Embargos die Erfüllung bestehender Verträge verhindern oder Unternehmen enteignet werden, springt die Versicherung ein.

Marsh: Versicherer scheuen sich neue Risiken einzugehen

„Wir beobachten bereits seit Monaten ein sehr selektives Underwriting für mittel- bis langfristige Türkei-Risiken“, sagt Tobias Federkeil, Leiter Politische Risiken bei dem Industrieversicherungsmakler Marsh Deutschland. Mit der Zuspitzung der vergangenen Woche könnte sich diese Zurückhaltung nochmals verschärfen, vermutet der Experte.

„Die Deckungskapazitäten der Versicherer sinken – nicht nur, weil das Länderrisiko gestiegen ist, sondern auch, weil viele Versicherer bereits ein hohes Exposure in der Türkei aufgebaut haben“, sagt Federkeil. Jetzt seien sie zum Teil nicht mehr bereit, neue Risiken auf die Bücher zu nehmen, während Unternehmen dies verstärkt nachfragen: „Die Zahl der Absagen ist daher in den vergangenen Monaten gestiegen.“ Das gelte insbesondere für Unternehmen, die in konfliktträchtigen Regionen im Osten des Landes oder in risikoanfälligen Branchen wie etwa im Energiesektor tätig seien.

Unternehmen halten sich mit Investitionen zurück

Allerdings sorgen die Terrorismusgefahr und die schwächelnde Wirtschaft in der Türkei kombiniert mit der angespannten politischen Lage auch dafür, dass Exporte und Direktinvestitionen deutscher Unternehmen in dem Land zurückgehen. Einigen Firmen ist das Risiko schlicht zu hoch. Entsprechend geringer fällt auch die Nachfrage nach Absicherungen aus, wie private Kreditversicherer feststellen.

„In den vergangenen Wochen haben wir im Neugeschäftsbereich in Deutschland nur vereinzelt Anfragen von Unternehmen erhalten, die ihre Forderungen aus Lieferungen und Dienstleistungen für türkische Firmen versichern möchten“, erklärt Thomas Langen, Senior Regional Director Deutschland, Mittel- und Osteuropa bei dem Kreditversicherer Atradius. Bei Bestandskunden sei die Nachfrage dagegen konstant geblieben. Atradius versichere „unverändert“ sowohl wirtschaftliche als auch politische Risiken in der Türkei.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de