Schiffbruch auf hoher See

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Fehlschläge bei der Anbindung von Windparks in der Nordsee kosten Siemens 800 Millionen Euro.
Siemens

Die Herausforderungen beim Bau von Offshore Windparks führen bei vielen Unternehmen zu einer Neubewertung der hochgepriesenen Zukunftsbranche. Ende April überraschte Siemens mit der Meldung, dass Fehlschläge bei der Anbindung von Windparks in der deutschen Nordsee dem Unternehmen bis zu 800 Millionen Euro kosten werden. Wegen des Debakels auf hoher See musste der Konzern sein Gewinnziel für das Gesamtjahr kassieren. „Wir müssen uns eingestehen, dass wir die Komplexität der Projekte unterschätzt haben“, räumte Siemens-Finanzchef Joe Kaeser während eines Conference Calls mit Analysten ein. Man habe sich zu viel auf einmal vorgenommen. Insgesamt vier Offshore-Windparks baut Siemens vor der deutschen Küste und hat große Probleme mit der Stromanbindung zum Festland.

Unrealistische Ausbauziele

Der finanzielle Schiffbruch von Siemens nährt einmal mehr Zweifel, wie realistisch die hochfliegenden Pläne für den Ausbau der Offshore-Windenergie in Europa sind. Nirgendwo auf der Welt gibt es so ehrgeizige Ausbaupläne wie in Europa. Vor allem Deutschland und Großbritannien machen Tempo. Die Briten wollen bis zum Ende des Jahrzehnts ihre Offshore-Kapazität von 2 Gigawatt auf 18 Gigawatt verneunfachen. Geht es nach Premier David Cameron wird die Nordsee zum „weltweit führenden Standort für erneuerbare Energien“. Deutschland plant bis zum Jahr 2020 mit 10 Gigawatt Windkraftleistung aus dem Meer. Bislang sind gerade einmal knapp 200 Megawatt am Netz. Unerreichbar seien die Ausbauziele, heißt es schon heute hinter vorgehaltener Hand.

Wie hoch die wirtschaftlichen Hürden für die Offshore-Windkraft sind, zeigt sich exemplarisch in Großbritannien. An den Küsten der britischen Insel sind Baurechte für Windparks mit einer Kapazität von 32 Gigawatt vergeben. Doch ob diese jemals gebaut werden ist keineswegs sicher. Größtes Hindernis auf dem Weg in die Offshore-Ära ist das fehlende Geld. Viele Banken mussten ihr Engagement bei der Finanzierung solcher Projekte wegen bilanzieller Engpässe stark zurückgefahren. Nach aktuellen Zahlen von Deallogic ist das Volumen ausgereichter Projektfinanzierungen im ersten Quartal dieses Jahres weltweit auf 64,6 Milliarden US-Dollar zurückgegangen. Das ist rund ein Drittel weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Es fehlt an Planungssicherheit

Der Markt dürfte weiter schrumpfen, erwarten Banker, denn das traditionelle Konzept der Projektfinanzierung – langfristige, niedrigverzinste Darlehen die aus den Cashflows des Projekts bedient werden – funktioniere nicht mehr. Auch weil die Wahrscheinlichkeit, dass es am Ende wesentlich teurer kommt hoch ist. Das zeigt das Beispiel des Offshore-Windparks Bard 1 in der Nordsee: Seit dem Start im März 2010 hat der Anlagenbauer Bard seine Kosten stetig nach oben korrigieren müssen. Statt ursprünglich 1 Milliarde Euro soll der Windpark nun mehr als 1,7 Milliarden Euro kosten. Inzwischen regiert dort die italienische UniCredit. Deren deutsche Tochter HVB hatte das Projekt 2007 mit einem Milliardenkredit finanziert. Das Projekt hinkt dem Zeitplan aber soweit hinterher, dass im vergangenen Jahr bereits 425 Millionen Euro abgeschrieben werden mussten.

Darüber hinaus fehlt es potentiellen Investoren an Planungssicherheit. So will die britische Regierung das Förderregime für erneuerbare Energien radikal umbauen. Das schafft immense Unsicherheit. Mit General Electric und dem koreanischen Anbieter Doosan haben erst kürzlich zwei Investoren den geplanten Bau neuer Fabriken für Windkraftanlagen in Großbritannien abgeblasen. Auch Shell macht inzwischen dicke Fragezeichen hinter seinem Offshore-Engagement. Simon Henry, Finanzvorstand des Energiemulties, sagte jüngst, Shell könne die immensen Investitionen in Offshore-Windkraft nicht rechtfertigen. Die Wirtschaftlichkeit von Windkraft auf hoher See gebe das zum jetzigen Zeitpunkt nicht her.

andreas.knoch[at]finance-magazin.de