Der Volkswagen-Konzern präsentiert ein weiteres Puzzlestück seiner tiefgreifenden Restrukturierung: Für das Werk in Osnabrück, über dessen Zukunft seit 2024 verhandelt wird, ist eine Lösung gefunden.
Der Deal sieht vor, dass der israelische Finanzinvestor Aurelius Capital als Mehrheitseigentümer die Volkswagen Osnabrück GmbH übernimmt. Das Land Niedersachsen, das rund 12 Prozent am Volkswagen-Konzern hält, soll als Minderheitsgesellschafter einsteigen.
Teile für „Iron Dome“ aus Deutschland?
Am Montag habe man sich auf entsprechende Eckpunkte verständigt, teilte Volkswagen mit. Das Werk in Osnabrück soll demnach schrittweise zu einem „Kompetenzzentrum für Sicherheits- und Verteidigungslösungen“ weiterentwickelt werden.
Als erstes Ankerprojekt ist eine Kooperation mit dem israelischen Rüstungskonzern Rafael Advanced Defense Systems, dem Produzenten des Raketenabwehrsystems „Iron Dome“, angedacht. Dabei geht es um eine mögliche Fertigung von Systemen und Komponenten für Luftverteidigungssysteme für Deutschland und Europa.
Künftige Gesellschaftsstruktur ist noch offen
Endgültig geschlossen ist der M&A-Deal noch nicht. Auch wann er über die Bühne gehen kann, ist unklar. So sind bei der künftigen Gesellschaftsstruktur noch Fragen offen. Unter anderem müssen Verantwortlichkeiten sowie die wirtschaftliche und organisatorische Ausgestaltung noch geklärt werden. Auch die üblichen Gremienbeschlüsse und behördlichen Prüfungen stehen noch aus.
Daniela Cavallo, Vorsitzende des Konzern- und Gesamtbetriebsrats von Volkswagen, sprach dennoch von einem „wichtigen Meilenstein“. Mehr als 1.200 Menschen erhielten eine Perspektive an ihrem Standort. Gleichzeitig betonte sie aber auch: „Über die jetzt vereinbarten Punkte hinaus arbeiten wir weiter an einer Lösung, um am Ende für die gesamte Stammbelegschaft eine Perspektive am Standort sicherzustellen.“ Wie viele Arbeitsplätze genau erhalten bleiben, dürfte auch von konkreten Fertigungsprojekten und Partnerschaften abhängen.
Volkswagen sucht Lösungen für deutsche Werke
Volkswagen hatte 2024 entschieden, die Fahrzeugfertigung in Osnabrück im Sommer 2027 auslaufen zu lassen, sich aber gegenüber den Arbeitnehmern vertraglich verpflichtet, eine Anschlusslösung für den Standort zu finden. Derzeit zählt VW in Osnabrück laut Betriebsrat rund 1.800 Beschäftigte.
Konzernchef Oliver Blume dürfte die Einigung auch strategisch gelegen kommen: In den harten Verhandlungen um den Sanierungsplan betonte er zuletzt immer wieder, dass es für Werke intelligentere Lösungen gebe, als sie zu schließen. Wie eine solche Lösung aussehen kann, konnte er heute mit der Eckpunkte-Vereinbarung für das Werk in Osnabrück zeigen.
Aurelius Capital investiert in Technologie und Verteidigung
Dort liefen zuletzt Kleinserien und Spezialfahrzeuge vom Band. Auf dieser Expertise will der Käufer Aurelius Capital aufbauen. In einem Statement betonte Managing Director Tomer Jacob eine „langjährige Erfahrung bei anspruchsvollen Produkten, präzise Fertigungsabläufe und hohe Qualität sowie eingespielte Teams und eine starke Tradition“.
Aurelius Capital ist eine internationale Investmentgesellschaft mit Hauptsitz im israelischen Tel Aviv. Sie investiert in Technologieunternehmen mit Fokus auf Verteidigung, Cybersicherheit, Künstliche Intelligenz und kritische Infrastruktur.
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) begründete den Einstieg des Landes als Minderheitsgesellschafter neben dem Standorterhalt auch mit der Sicherheitslage: Deutschland und Europa müssten unabhängiger werden, betonte er. „Niedersachsen will dazu beitragen, dass daraus Wertschöpfung und sichere Beschäftigung entstehen.“
Volkswagen-Aufsichtsrat segnet Sanierungsplan einstimmig ab
Weiterhin offen ist hingegen die Zukunft anderer deutscher Standorte im Volkswagen-Verbund. So existieren für die Werke in Emden, Zwickau und Hannover sowie für das Audi-Werk in Neckarsulm bislang keine Pläne für eine weitere Nutzung, wenn dort sukzessive zwischen 2031 und 2034 die aktuellen Produktionen auslaufen.
Am vergangenen Donnerstag hatte der Volkswagen-Aufsichtsrat einstimmig einen Sanierungsplan des Vorstands abgesegnet, in dessen Zuge weltweit weitere 50.000 Stellen abgebaut werden sollen. Die Entscheidung kam überraschend, da in den Tagen und Wochen davor die Fronten verhärtet schienen.
Lena Scherer ist Redakteurin bei FINANCE. Sie hat Publizistik, Anglistik und Komparatistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studiert und nebenbei für verschiedene Redaktionen gearbeitet. Bevor sie zu FINANCE kam, war sie mehr als acht Jahre lang beim Branchen-Fachdienst buchreport aktiv, zuletzt als Co-Chefredakteurin. Dort hat sie unter anderem Marktanalysen vorgenommen sowie die Bereiche Fachinformation, Recht/Wirtschaft/Steuern und Digitales betreut.
