Bilanzierung & Controlling
12.11.15

Bis spätestens 2020

Accenture prophezeit totale Disruption der Finanzfunktion

Von Michael Hedtstück

„Die digitale Revolution tötet die Finanzabteilung, wie wir sie kennen“, warnt Accenture. Behält die Unternehmensberatung Recht, steht schon in fünf Jahren in vielen Finanzteams kein Stein mehr auf dem anderen.

FINANCE-TV

"Totale Disruption der Finanzabteilungen bis 2020": Accenture-Berater Christian Campagna verteidigt seine mutige Vorhersage.

Die derzeitige Leistung vieler Finanzabteilungen ist nicht überzeugend, findet die Unternehmensberatung Accenture – insbesondere im Bereich Controlling, wo der „Decision Support“ vielerorts zu wünschen lässt: „Das Forecasting, wie es in vielen Unternehmen jetzt gemacht wird, muss in Frage gestellt werden“, forderte Christian Campagna, der Leiter der globalen CFO-Beratung von Accenture, heute im Interview mit FINANCE-TV. „Viele Unternehmensteile bekommen heute nicht die Entscheidungsunterstützung durch die Finanzabteilung, die sie gerne hätten. Was sie bekommen, sind historische Reportingdaten“, bemängelt der Unternehmensberater.

Das wird Folgen haben, prophezeit Accenture. Geht es nach der Unternehmensberatung, werden die führenden Finanzabteilungen bereits im Jahr 2020 vollkommen anders aussehen als derzeit. „Die digitale Revolution tötet die Finanzabteilung, wie wir alle sie kennen“, glaubt Accenture.

Accenture-Berater Campagna: „Die Technologie explodiert“

Grundlage der erwarteten „disruptiven Veränderung“ ist eine Verlagerung heutiger Kernfunktionen der Finanzabteilung in die einzelnen Unternehmensbereiche hinein: Vor allem die traditionellen Aufgaben der Rechnungslegung und Datenaufbereitung werden demnach aus der Finanzabteilung abwandern, um fortan dezentral von spezialisierten Finanzkräften mit Hilfe automatisierter Roboter-Lösungen in den einzelnen Business-Units erledigt zu werden. „Die technologischen Möglichkeiten explodieren geradezu, vor allem in der schnellen Verarbeitung großer Mengen unstrukturierter Daten“, glaubt Campagna zu beobachten.

Vor wenigen Wochen hatte auch schon der IT-Experte Jörg Vollmer den unmittelbar bevorstehenden Durchbruch der Robotertechnologie im Bereich des Daten- und Dokumentenmanagements vorhergesagt – mit bemerkenswerten Möglichkeiten für Unternehmen, ihre Prozesse zu beschleunigen.

Technologie beendet das Datenmonopol der Finanzabteilungen

Diese Entwicklung dürfte die aktuelle Monopolstellung, die viele Finanzabteilungen derzeit noch als zentrale Anlaufstelle für Datenauswertungen genießen, aufbrechen. Denn in der neuen Welt – so Accenture – wird jeder Mitarbeiter eines Unternehmens direkten Zugriff auf diese Daten bekommen. In personalisierten Cockpits können die Mitarbeiter die für sie relevanten Szenarioanalysen dann einfach selbst durchführen.

Heute gehören solche Analysen noch zu den Kernkompetenzen der Finanzabteilungen, was diese häufig zu Flaschenhälsen macht – mit den entsprechenden Folgen für die Reaktionsgeschwindigkeit der Unternehmen. „In Zukunft ist dafür niemand mehr auf die Finanzabteilung angewiesen“, prophezeit Accenture. Dies pusht die Ertragskraft der Unternehmen: „Dies wird bis 2020 rund 40 Prozent der Kosten eliminieren, die bislang für das Verbuchen und Erfassen von Transaktionen anfallen.“

Exotische Berufsbilder werden die Finanzteams dominieren

Die Mitarbeiter der Finanzchefs werden stattdessen andere Aufgaben bekommen: „Die Finanzabteilungen werden nicht mehr die Ausgaben kontrollieren, Spreadsheets und Reportings erstellen, sondern ein vorausschauendes Analysezentrum sein, das unmittelbar Wert generiert“, glaubt Accenture. Kurz: Die Arbeit wird weniger prozess-, mehr analyseorientiert.    

Die dafür nötige Technologie liefert das Cloud Computing. Auch dies dezentralisiert die Herrschaft über die Zahlen. Entsprechend stark weiten viele CFOs schon jetzt ihre Investitionen in Cloud-Software aus: Laut Schätzungen von Accenture plant jeder dritte CFO, die Cloud-Ausgaben in den nächsten zwei Jahren um mehr als 25 Prozent auszuweiten.  

Der Wandel zum hoch professionalen Zentrum des Unternehmens, zu dem die Mitarbeiter aus allen Bereichen und Funktionen pilgern, um strategische Entscheidungshilfe zu bekommen, dürfte die Bedeutung der Finanzabteilungen einerseits deutlich aufwerten. Auf der anderen Seite dürfe dies aber auch bedeuten, dass die Finanzteams kleiner und heterogener werden. Viele Finanzexperten, die heute das Bild dominieren – vor allem Buchhalter und Controller – werden von der Finanzabteilung in andere Unternehmensbereiche wechseln.

Zuwachs bekommen die Finanzer stattdessen von Nicht-Betriebswirten. „In Zukunft brauchen die CFOs in erster Linie Leute, die Daten modellieren und auswerten können“, sagte Accenture-Berater Christian Campagna, gegenüber FINANCE-TV. Ihm zufolge könnten die Finanzabteilungen künftig von Statistikern, Verhaltensforschern und sogar Anthropologen dominiert werden.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Christian Campagna in der heutigen Sendung von FINANCE-TV: Die ganze Sendung finden Sie hier.