Der reichste Finne: Vom Farmer zum europäischen Industriellen

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Antti Herlin ist Vorstandsvorsitzender von Kone. Auf der F.A.Z.-Konferenz sprach er über seine Vision von Europa. Foto: Johannes Jost
Antti Herlin ist Vorstandsvorsitzender von Kone. Auf der F.A.Z.-Konferenz sprach er über seine Vision von Europa. Foto: Johannes Jost

Er beginnt seine Rede auf Deutsch. Das sei „etwas eingerostet“, räumt Antti Herlin ein – und entschuldigt sich gleichzeitig schmunzelnd bei seiner ehemaligen Deutschlehrerin. Der Unternehmer wechselt dann gleich ins Englische, zur „Lingua Franca des Wirtschaftslebens“. Der Mann, der da spricht, kommt aus Finnland. Mit einem Vermögen von rund 4 Milliarden US-Dollar gilt er Forbes zufolge als reichster Finne, der mit dem Aufzugsanlagen- und Fahrtreppenproduzenten Kone reich geworden ist.

Herlin sei ein überzeugter Europäer, so kündigt ihn die Moderatorin zuvor an. Antti Herlin wird im November 1956 auf einem Bauernhof geboren, sein ursprünglicher Lebensplan ist einfach: Er will Landwirt werden, ein Traum, der Wirklichkeit wird. Seine ersten zehn Berufsjahre verbringt er als Farmer und Viehzüchter. Zwar ist er das heute nicht mehr, seine Liebe zur Natur und sein Verständnis für sie aber sind geblieben. Sie ist auch der Grund, warum er sich heute um das Klima sorgt.

Heute steht er auf der Bühne, als ehemaliger Farmer und als traditioneller europäischer Industrieller. Er ist Vorstandsvorsitzender von Kone, einem Unternehmen, das sein Urgroßvater vor mehr als 100 Jahren erwarb. Es ist heute in fast 70 Ländern tätig, beschäftigt 60.000 Mitarbeitende und bewegt täglich über zwei Milliarden Menschen. Durch Aufzüge, Rolltreppen und Türen.

Auf der F.A.Z.-Europakonferenz, die am 9. September 2026 stattgefunden hat, spricht Herlin über Europas Resilienz in einer neuen Weltordnung. 58 Prozent der europäischen Primärenergie seien importierte fossile Brennstoffe. Dies offenbare eine „enorme Verwundbarkeit“, sagt er und fügt hinzu: „Europa erwärmt sich unter allen Kontinenten am schnellsten“. Daran lässt auch der Europäische Klimazustandsbericht 2026 keinen Zweifel. Die daraus entstehenden wirtschaftlichen Kosten sind enorm.

Trotz aller Herausforderungen biete Europa jedoch Chancen und das Potenzial, „ein widerstandsfähiger und starker Elektrokontinent zu werden“, sagt Herlin weiter. Seine Antwort lautet: Elektrifizierung – nicht nur als Klimaagenda, sondern auch und vor allem als Industrieagenda. Die Kosten für Solarenergie, Windenergie und Batterien seien dramatisch gesunken, während das alte fossilbasierte System zunehmend volatiler werde. Elektrifizierung bedeute niedrigere Energiekosten, mehr Energiesicherheit und eine stärkere Industrie. Herlin sieht darin keine Belastung, wie vielleicht mancher in der deutschen Automobilindustrie, sondern eine Wettbewerbschance.

Seinen Beweis liefert er aus dem eigenen Land. Finnland habe eines der ehrgeizigsten Klimaziele. Das Land gründete 2014 eine Klimaführungskoalition und strebt bis 2035 Netto-Null-Emissionen an. Einst hätten finnische Industrielle vor europäischer Klimapolitik gewarnt und den Emissionshandel als „puren Wahnsinn“ bezeichnet, so Herlin. Heute ist Windkraft Finnlands zweitgrößte Stromquelle, mehr als die Hälfte der Neuwagen fährt elektrisch und die Strompreise gehören zu den niedrigsten in ganz Europa.

Seine Botschaft an das Publikum der F.A.Z. Konferenz ist klar: Er verlangt mehr Elektrifizierung statt fossiler Abhängigkeit, um Verwundbarkeiten zu reduzieren. Dazu brauche es Investitionen und eine verlässliche Politik, die Investoren das Vertrauen geben, zu handeln, unterstreicht Herlin. Er appelliert daran, die „Treiber der Modernisierung“ zu erhalten, allen voran das Europäische Emissionshandelssystem (EU-ETS). „Wenn wir einen Schutzschild um das Bestehende errichten, aber den politischen Antrieb für Erneuerung entfernen, wird die EU es versäumen, sich zu reformieren.“ Vorreiter dürften nicht bestraft werden, betont Herlin, indem die Spielregeln geändert werden, nachdem sie investiert haben.

Drei Viertel der Europäer sehen die EU als Stabilitätsanker in einer unruhigen Welt. Nach Ansicht des Kone-Vorstands dürfe Europa sich nicht vor die falsche Wahl stellen lassen: Klimaambition oder Wettbewerbsfähigkeit. Beides gehöre zusammen, bekräftigt er.

Am Ende wird er wieder persönlich. Jeder Familienunternehmer habe dasselbe Ziel: das Unternehmen der nächsten Generation in einem besseren Zustand zu übergeben, als man es übernommen hat. Mit Kone fühlt sich Herlin zuversichtlich. Beim Planeten Erde hingegen habe man „dramatisch versagt“. Europa müsse jetzt am Steuer sitzen, damit sich der unvermeidliche Wandel gestalten lasse.