Karl-Josef „Karl-J.“ Kraus ist am 6. Oktober im Alter von 73 Jahren gestorben. Der frühere Partner von Roland Berger und Vizepräsident des Senats der Wirtschaft Deutschland gehörte zu den Persönlichkeiten, die die Restrukturierungsberatung in Deutschland über Jahrzehnte geprägt haben.
Sein beruflicher Weg führte den Anfang Oktober verunfallten Kraus von der Beratung in die unternehmerische Tätigkeit. Als Grandseigneur der deutschen Wirtschaft bleibt sein Name besonders verbunden mit den wirtschaftlichen Umbrüchen nach der deutschen Wiedervereinigung.
Auf der Karriereplattform „Linkedin“ erscheinen zahlreiche Gedenk-Postings an den Mann, der als „gradliniger Ratgeber und loyaler Wegbegleiter“ beschrieben wird, und auf dessen Lehren viele etablierte Berater ihre Karriere begründet sehen.
Kraus war 29 Jahre bei Roland Berger
Nachdem sich Kraus bei Fichtel & Sachs (Fella-Werke) erst als Assistenz der Geschäftsführung und später als Marketingleiter behauptete, wechselte er 1981 zu Rolang Berger. Zunächst betreute er Projekte im Maschinenbau. Mit der wachsenden Zahl von Unternehmen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten wurde die Sanierung zu seinem Schwerpunkt. 1986 wurde er zum Partner ernannt.
Von 1992 an war Kraus Mitglied des Management Committees. In dieser Funktion begleitete das internationale Wachstum der Beratung. Zwischen 1998 und 2003 saß Kraus, der auf Linekdin als „Glücksfall für Roland Berger“ beschrieben wird, dem Management Committee vor. Nach seinem Ausscheiden aus dem operativen Geschäft stand er über viele Jahre dem Aufsichtsrat vor. In seinen Teams arbeiteten zahlreiche Berater, die später selbst in der Restrukturierungsbranche bekannt wurden.
Treuhandanstalt: Sanierung unter Zeitdruck
Nach dem Fall der Mauer gehörte er zu den Mitgestaltern der Treuhandanstalt in Berlin, die das Vermögen der ehemaligen DDR aufnahm, verwaltete und verwertete. Aus eigener Initiative zog er nach Ost-Berlin, um sich am wirtschaftlichen Aufbau der neuen Bundesländer zu beteiligen. Das beschreibt der Senat der Wirtschaft in seinem Nachruf. Über viele Jahre begleitete er Unternehmen durch schwierige Umbruchphasen, restrukturierte Betriebe, half, wirtschaftliche Existenzen zu sichern, und schuf neue Perspektiven.
Seine Leitsätze wie „Keine Sanierung ohne Strategie“ und „Ehe die Qualität leidet, leidet der Berater“ prägten seine Projektarbeit. Er hat sich und andere in dieser Zeit nicht geschont, heißt es in einem Nachruf, weil in der Krise nur der Erfolg zählt.
Kraus war ein Mann klarer Worte
Weggefährten schildern Kraus als fordernden Berater, der Ergebnisse und die Umsetzung vereinbarter Maßnahmen konsequent einforderte. In Lenkungskreisen ging es ihm vor allem um Liquidität, wirtschaftliche Kennzahlen und konkrete Fortschritte. Auch gestandenen Industriemanagern habe er keinen Platz für politische Spiele und Schönreden gegeben. Klartext war angesagt und vor allem das wirksame Handeln. Im Zweifel standen auch einmal personelle Konsequenzen auf höchster Ebene an. Entweder ändern sich die Zahlen oder die Köpfe ganz oben – auch das gehört zur Restrukturierung.
Für seine Teams und auch für viele Manager galt er nicht nur als Anführer in herausfordernden Projekten. Er sei ein guter Freund gewesen, auf den man sich stets verlassen konnte. Sein Wort galt, heißt es in einem persönlichen Nachruf.
Engagement im Senat der Wirtschaft
Auch nach seiner Zeit im operativen Geschäft blieb Kraus der Wirtschaft verbunden. Er arbeitete als Unternehmer und Investor, veröffentlichte Fachbeiträge und übernahm gelegentlich Aufgaben in schwierigen Restrukturierungsfällen.
Als Vizepräsident und Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses engagierte sich Kraus zudem im Senat der Wirtschaft Deutschland. Die Organisation würdigte ihn als langjährigen Wegbegleiter, der ihre Entwicklung von Beginn an mitgestaltet habe.
Karl-J. Kraus hinterlässt Spuren in der deutschen Unternehmensberatung und bei den Menschen, mit denen er zusammenarbeitete. Sein berufliches Wirken fiel in eine Zeit tiefgreifender wirtschaftlicher Veränderungen – und war von dem Anspruch getragen, für Unternehmen auch in der Krise eine Perspektive zu finden.
Esra Laubach ist Redakteurin bei FINANCE und widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Transformation, Restrukturierung und Recht. Sie ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin. Vor FINANCE war sie rund fünf Jahre als Legal-Journalistin für den Juve Verlag in Köln tätig, wo sie auch ihr journalistisches Volontariat absolvierte. Esra Laubach arbeitete während ihres Studiums multimedial u.a. für das ARD-Morgenmagazin, mehrere Zeitungen und moderierte beim Hochschulradio Kölncampus.
