Diese KI-Tools nutzen Finanzabteilungen täglich

Artikel anhören
Artikel zusammenfassen
Teilen auf LinkedIn
Teilen per Mail
URL kopieren
Drucken
81 Prozent der Finance-Profis nutzen KI-Tools mehrmals pro Woche. Doch welche Tools werden am meisten genutzt? Photo Agency - stock.adobe.com
81 Prozent der Finance-Profis nutzen KI-Tools mehrmals pro Woche. Doch welche Tools werden am meisten genutzt? Photo Agency - stock.adobe.com

Für einen Großteil der Finanzabteilungen gehört die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz (KI) mittlerweile zum Alltag. Laut einer Studie der Ausgabenmanagement-Plattform Moss nutzen 81 Prozent der befragten Finance-Profis KI mehrmals pro Woche, davon 53 Prozent sogar täglich.

Arno Schleussner, CFO von Moss, vermutet jedoch, dass diese Zahlen zu niedrig angesetzt sind und die Realität in Finanzabteilungen nicht vollständig wiedergeben. „Wenn man sich umschaut, wie heute in Finanzfunktionen gearbeitet wird, ist KI nach meinem Empfinden bereits überall etabliert. Wir unterschätzen die Transformation noch, die gerade stattfindet“. Doch auf welche Tools setzen Corporate-Finance-Abteilungen?

Info

Corporate Finance: Zwischen ChatGPT und Spezial-Lösungen

Hier liefert die Befragung, an der vor allem mittelständische Unternehmen teilgenommen haben, spannende Einblicke. Finanzexperten setzen bei KI demnach vor allem auf Big Tech aus den Vereinigten Staaten und weniger auf europäische Alternativen wie Mistral oder Open-Source-LLMs aus China, die als deutlich günstiger gelten. 53 Prozent der Befragten der Moss-Studie nutzen ChatGPT, sowohl beruflich als auch privat. Auf dem zweiten Rang liegt Claude mit 41 Prozent.

Eine kleine Überraschung gibt es jedoch im rein professionellen Kontext: Microsoft Copilot, eigentlich nicht als Speerspitze der KI-Bewegung bekannt, liegt mit 30 Prozent hier vorne, gefolgt von Google Gemini mit 29 Prozent. ChatGPT und Claude folgen mit 24 und 18 Prozent auf den Plätzen drei und vier.

Der Erfolg von Copilot und Gemini dürfte dadurch bedingt sein, dass Microsoft mit seinen Office-Programmen und auch Google bei Unternehmen etablierter sind. Die Einführungsschwelle für ihre KI-Angebote ist deutlich niedriger. Darüber hinaus sind die Tools laut Schleussner oft bereits integriert und stehen Nutzern im Rahmen der entsprechenden Dokumentenverarbeitungs-Suite direkt zur Verfügung.

Arno Schleussner, CFO bei Moss, Foto: Moss

Wo Big Tech an seine Grenzen stößt

Finanzexperten erhoffen sich langfristig anscheinend vor allem durch spezialisierte KI-Plattformen einen großen Nutzen. 56 Prozent der Befragten gaben an, dass sie vor allem spezialisierten Fintechs beim Bauen von KI-Tools für den Finanzbereich vertrauen. Auf Big Tech setzen langfristig nur 29 Prozent der Befragten. Diese Aussage ist mit einer gewissen Vorsicht zu genießen, da Moss selbst eine KI-Plattform im Finanzbereich anbietet.

Info

Nichtsdestotrotz ist der Finanzbereich hochspezialisiert. Tools wie ChatGPT und Claude seien vor allem dort gut, wo Standardaufgaben gefragt sind, sagt CFO Schleussner. Das sei etwa der Fall, wenn es darum gehe, ein Excel-Modell zu bauen oder Ergebnisse zu berechnen und sie im Anschluss zu interpretieren.

„Wir unterschätzen die Transformation noch,
die gerade stattfindet“

Arno Schleussner, CFO bei Moss

Doch sobald es um komplexe Finance-Prozesse geht, mit gesetzlichen Anforderungen oder regulatorischen Vorschriften, stießen diese Sprachmodelle an ihre Grenzen, so der CFO. Sie könnten diese Anforderungen interpretieren, aber in der Regel nicht End-to-End abbilden. „Das ist genau die Schwierigkeit für Finance-Teams: Die Verknüpfung von generischen mit spezialisierten Lösungen künftig zu schaffen“, erklärt der Moss-CFO.

Ein Kernproblem vieler Finanzprofis ist damit indes nicht gelöst: fehlendes Vertrauen. 69 Prozent der Befragten sind der Studie zufolge zurückhaltend, wenn es darum geht, sensible Daten mit KI-Tools zu teilen. Das gilt auch dann, wenn sie mit Firmenlizenzen arbeiten. Nur 25 Prozent gaben an, dass die Enterprise-Lösung ihres Arbeitgebers ihre Bedenken vollständig beseitigt.

Die Hauptsorgen der Befragten lägen dabei in Datenschutz- und Sicherheitsbedenken, nicht-überprüften, kritischen Entscheidungen durch KI sowie fehlender Regulierung und Kontrolle.

Ein Rahmenwerk ist zwingend erforderlich

Wer trägt letztlich also die Verantwortung? Finanzchef Schleussner findet darauf eine klare Antwort: „Das Rahmenwerk, welche Tools zur Verfügung stehen und welche genutzt werden, schafft erst einmal das Unternehmen. Jeder einzelne Mitarbeiter muss diese Richtlinien dann befolgen.“

Viele Unternehmen hätten diese Frameworks jedoch noch nicht etabliert. Sie haben auch keine Verträge abgeschlossen, um die Tools über Unternehmensaccounts zur Verfügung zu stellen. Das habe unmittelbare Folgen, erklärt Schleussner weiter: Mitarbeiter würden vorsichtiger bei der Auswahl der Daten, die sie nutzen. Auch die laut Studie rege Nutzung der privaten Accounts im beruflichen Kontext deutet darauf hin, dass Finanzexperten nicht die Ressourcen zur Verfügung haben, die sie bräuchten.

Vertrauen in KI-Tools entsteht durch Aufklärung

Die Lösung sieht Schleussner in gezielter Aufklärung. „Sie ist immer dann erfolgreich, wenn man aufzeigt, warum etwas funktioniert und warum etwas nicht funktioniert.“ Er erklärt: „Wenn man sich vorstellt, dass der persönliche KI-Agent die gleichen Berechtigungen hat wie man selbst, wird auch der richtige Umgang mit vertraulichen Daten leichter verständlich: Der KI-Agent sollte den gleichen Vorgaben unterliegen wie ein menschlicher Kollege“, erklärt der CFO.

Grundsätzlich geht Schleussner davon aus, dass es künftig weniger spezialisierte Rollen innerhalb von Finance geben wird. Stattdessen sieht der CFO eine Konvergenz der Profile. Konkret bedeutet das: Ein Accountant macht nicht mehr nur Accounting und ein FP&A-Analyst nicht mehr nur Financial Planning & Analysis. Es entstünden Teams von Generalisten, die unterschiedlich spezialisierte Agenten nutzten und koordinierten.

Laut CFO Schleussner ist insgesamt inzwischen mehr Realismus in die KI-Debatte in Finanzabteilungen eingezogen. „Weder werden alle Prozesse zu Big Tech migriert noch werden KI-Agenten Finanzprozesse komplett übernehmen“, so sein Zwischenfazit.