Das Biotechnologie-Unternehmen Qiagen bereitet sich auf eine historische Übernahme vor: Ein Konsortium um den Finanzinvestor EQT will den Dax-Konzern für von der Börse nehmen. Wie aus einer offiziellen Pressemitteilung hervorgeht, bietet das Konsortium 46,50 Euro je Aktie in bar damit bewertet EQT den Konzern mit 10,8 Milliarden Euro (12,1 Milliarden US-Dollar), einschließlich einer Nettoverschuldung von rund 1,1 Milliarden US-Dollar. Im vergangenen Geschäftsjahr hatte das Unternehmen weltweit mehr als 2,1 Milliarden US-Dollar (1,8 Milliarden Euro) Umsatz erzielt.
Marktbeobachter sehen die geplante Übernahme als Meilenstein: Sie gilt als die bislang größte Public-to-Private-Transaktion von EQT in der DACH-Region und könnte zugleich die erste Übernahme eines Dax-Unternehmens durch einen Private-Equity-Investor überhaupt darstellen.
Qiagens CFO Roland Sackers begrüßt das Übernahmeangebot und bewertet den Deal als „attraktive Prämie“ für die Aktionäre.
Mit EQT gewinne der Life-Science-Anbieter „einen starken Partner, der unsere strategischen Prioritäten und unsere Vision für die Zukunft teilt.“ Man habe mehr Möglichkeiten, neue Chancen wahrzunehmen und Kompetenzen weiterzuentwickeln, so der seit 22 Jahren bei Qiagen tätige CFO Sackers weiter.
Vorstand und Aufsichtsrat hätten sich nach „umfassender Prüfung“, wie es vom Unternehmen heißt, für das Angebot von EQT entschieden. Interessenten habe es wohl auch andere gegeben – man habe „Gespräche mit strategischen und finanziellen Interessenten“ geführt, heißt es in der Mitteilung. Namen werden keine genannt, aber Medienberichten zufolge soll auch der Finanzinvestor KKR ein Angebot in den Ring geworfen haben.
Konsortium: EQT bietet mit Adia und CPP
Das Angebot stellt eine Prämie von 40,3 Prozent auf den Schlusskurs vom 8. Juli dar – die Aktie wurde damals zu 33,15 Euro je Aktie bewertet. Verglichen mit dem volumengewichteten Durchschnittskurs der letzten drei Monate vor Bekanntwerden des Angebots beträgt die Prämie 46,9 Prozent.
Der schwedische Finanzinvestor ist im Life-Science-Sektor erfahren. EQT hat weltweit bereits über 30 Milliarden Euro in mehr als 210 Healthcare-Unternehmen eingebracht. Bekannt sind etwa SPT Labtech oder Galderma.
Mit im Boot von EQT sind zwei gewichtige Partner: der Staatsfonds von Abu Dhabi, die Abu Dhabi Investment Authority (ADIA), sowie der kanadische Pensionsfonds, CPP Investments, die sich an der Übernahme beteiligen. Ziel sei es, das seit 1996 im Prime Standard gelistete Unternehmen als privates Unternehmen neu auszurichten und langfristig zu stärken. Das Konsortium plant dabei, Qiagen unter dem bestehenden Markennamen und mit der aktuellen Managementstruktur weiterzuführen.
Bereits jetzt sind alle finanziellen Mittel für den Deal gesichert. Verbindliche Eigen- und Fremdkapitalfinanzierungen der Bieterin garantieren die Finanzierung des Kaufpreises sowie der Transaktionskosten, heißt es in der Unternehmensmitteilung.
Qiagen setzt auf die Vorteile einer privaten Eigentümerschaft: mehr Flexibilität und Raum für Innovationen sowie eine gezielte Strategieausrichtung. CEO Jonathan M. Pratt sieht in der Übernahme eine außergewöhnliche Chance: „Als privates Unternehmen können wir schneller handeln, unsere Ressourcen effizienter einsetzen und dadurch unsere langfristigen Ziele besser verfolgen.“
Übernahme von Thermo Fisher scheiterte
Während der Coronavirus-Pandemie stand das bei Düsseldorf ansässige Unternehmen in seiner Blüte. Zu diesem Zeitpunkt waren seine Geräte, die anhand von Blut oder Speichel Infektionskrankheiten, Krebs oder Tuberkulose diagnostizieren können, vielgefragt. Aufgrund des wirtschaftlichen Aufschwungs lehnten die Aktionäre damals ein von der US-Konkurrenz, Thermo Fisher, unterbreitetes Übernahmeangebot für einst 11,3 Milliarden Euro als zu niedrig ab.
Mit dem Abklingen der Pandemie geriet das Geschäft der Branchehedoch unter Druck, da die Lagerbestände vieler Kunden noch gut gefüllt waren und dadurch kaum neuer Bedarf entstand.
Nach dem gescheiterten Übernahmeangebot von Thermo Fisher führte Qiagen mehrere Verhandlungen mit Wettbewerbern, darunter dem US-Unternehmen Bio-Rad Laboratories. Auch der französische Konkurrent Biomerieux sowie der amerikanische Diagnostikkonzern Quidel wurden zuvor als potenzielle Partner für eine Fusion gehandelt. Allerdings blieb es bei Gesprächen – keine der Verhandlungen mündete in eine Transaktion.
Qiagen-Aktie gewinnt nach Kaufangebot
Den Aktionären scheint das Angebot zu gefallen. Die Qiagen-Aktie machte einen regelrechten Sprung nach oben, nachdem das Angebot bekannt wurde. Am Donnerstagvormittag pendelt sich die Aktie bei rund 45 Euro je Aktie ein, was einem Plus von über 5 Prozent zum Vortag bedeutet. Noch im Mai verzeichnete die Aktie ihren schwächsten Wert der vergangenen Jahre von 27,56 Prozent je Aktie.
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Die Transaktion steht unter dem Vorbehalt regulatorischer Genehmigungen und der Zustimmung der Aktionäre. Das Angebot soll eine Mindestannahmeschwelle von 50 Prozent des Kapitals plus einer Aktie vorsehen. Eine außerordentliche Hauptversammlung soll während der ersten Angebotsfrist stattfinden, um über die für die Übernahme erforderlichen Beschlüsse abzustimmen.
Prominente Berater mit im Boot
Der Deal wird von internationalen Top-Kanzleien und Banken strukturiert: Der Übernahmekandidat wird rechtlich von den internationalen Kanzleien De Brauw Blackstone Westbroek, Linklaters und Davis Polk & Wardwell beraten. Perella Weinberg agierte als Finanzberater des Aufsichtsrats. Moelis & Company sowie Goldman Sachs treten als Finanzberater auf.
Die US-Kanzlei Milbank berät EQT mit einem großen internationalen Team unter der Leitung von Steffen Oppenländer, Christoph Rothenfußer und Philipp Klöckner in allen rechtlichen Aspekten der Transaktion. Zusätzlich beraten rechtlich auch Stibbe und Paul Weiss. Morgan Stanley und Jefferies fungieren als leitende Finanzberater.
Clifford Chance berät den Staatsfonds von Abu Dhabi als indirekten Co-Investor ebenfalls mit einem indirekten Team unter der Leitung der deutschen Partner Thomas Krecek und Christian Vogel. Und Freshfields berät den kanadischen Pensionsfonds CPP Investments zu allen rechtlichen Belangen.
Esra Laubach ist Redakteurin bei FINANCE und widmet sich schwerpunktmäßig den Themen Transformation, Restrukturierung und Recht. Sie ist Sprach- und Kommunikationswissenschaftlerin. Vor FINANCE war sie rund fünf Jahre als Legal-Journalistin für den Juve Verlag in Köln tätig, wo sie auch ihr journalistisches Volontariat absolvierte. Esra Laubach arbeitete während ihres Studiums multimedial u.a. für das ARD-Morgenmagazin, mehrere Zeitungen und moderierte beim Hochschulradio Kölncampus.
