Big-Four-Ranking Audit: EY muss abreißen lassen

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Hinter PWC ist ein Dreikampf entbrannt: Wer hat die Nase vorn? Fotos: Felix Geringswald, OlekAdobe, MOZCO Mat Szymański, kittyfly - stock.adobe.com
Hinter PWC ist ein Dreikampf entbrannt: Wer hat die Nase vorn? Fotos: Felix Geringswald, OlekAdobe, MOZCO Mat Szymański, kittyfly - stock.adobe.com

Während die erste Welle der Prüferrotation vorübergezogen ist und sich dadurch besonders im Dax 40 die Kräfteverhältnisse verschoben haben, bleibt PwC weiterhin unangefochtener Marktführer in der Wirtschaftsprüfung. Die Gesamtleistung des Big-Four-Hauses in diesem Segment betrug 917 Millionen Euro. Die Wirtschaftsprüfung steuert damit 30 Prozent zur Gesamtleistung über alle Geschäftsbereiche hinweg bei. Aufgrund einer zum Geschäftsjahr 2023/2024 neu eingeführten Organisationsstruktur ist die Gesamtleistung nicht mit der des Vorjahres vergleichbar.

Das Wachstum resultierte laut PwC vor allem aus der Unterstützung der Mandanten in der Finanz- und Nachhaltigkeitsberichterstattung sowie dem Gewinn neuer Mandate. Neue Prüfmandate gewann das Big-Four-Haus unter anderem bei den beiden Dax-Konzernen Mercedes-Benz und Beiersdorf. Damit wird PwC ab der kommenden Berichtssaison 16 Prüfmandate im Dax40 halten – mehr als jede andere WP-Gesellschaft. Insgesamt prüfte PwC im abgelaufenen Geschäftsjahr von 258 Unternehmen mit öffentlichem Interesse (PIE) die Jahres- und/oder Konzernabschlüsse – drei weniger als im Vorjahr.

Besonders das Mandat bei Mercedes dürfte sich bei PwC direkt in den Einnahmen bemerkbar machen. KPMG, die bisher die Bilanzen des Autobauers geprüft hatten, bekamen dafür zuletzt ein Gesamthonorar von 34 Millionen Euro, was es zu einem der lukrativsten Mandate im Dax macht. Beiersdorf zahlte seinem Wirtschaftsprüfer EY zuletzt ein Gesamthonorar in Höhe von 2,7 Millionen Euro.

Verlieren wird PwC dagegen das Mandat bei der Allianz. Der Versicherungsriese hat die Mandate zur Prüfung der Jahres- und Konzernabschlüsse für die Dachgesellschaft Allianz SE sowie zahlreiche Tochtergesellschaften planmäßig für 2027 ausgeschrieben, 2026 wird PwC zum letzten Mal die Abschlüsse prüfen. Das Gesamthonorar dafür betrug zuletzt 25,4 Millionen Euro.

Zur Diskussion steht zudem die Prüfung beim Agrarkonzern Baywa. Dort hatte nach der angekündigten Bilanzkontrolle der Bafin die Abschlussprüferaufsichtsstelle (Apas) ein berufsrechtliches Verfahren gegen PwC eingeleitet. Der Aufsichtsrat des kriselnden Unternehmens soll nun überlegen, auf der nächsten Hauptversammlung einen neuen Abschlussprüfer vorzuschlagen. PwC ist seit 2021 bei Baywa tätig und stellte für die Prüfung des Jahresabschlusses 2023 2,4 Millionen Euro in Rechnung.

KPMG verringert Rückstand auf PwC

Wie auch im vergangenen Jahr landete KPMG wieder auf dem zweiten Platz im Audit-Ranking. Die Gesamtleistung lag bei 770 Millionen Euro und damit 7,7 Prozent über dem Vorjahr. KPMG konnte damit den Rückstand auf PwC etwas verkürzen. Der Anteil der Wirtschaftsprüfung an der Gesamtleistung betrug 29,6 Prozent.

Im Dax konnte KPMG mit neun Prüfmandaten seine Position als zweitstärkste Prüfgesellschaft halten, muss sich den zweiten Platz jedoch mit Deloitte teilen, die ebenfalls bei neun Unternehmen die Abschlüsse prüft. Ab 2026 wird KPMG die Abschlüsse beim größten Rückversicherer der Welt, der Munich Re, prüfen. Der noch aktuelle Wirtschaftsprüfer EY bekam dafür zuletzt ein Gesamthonorar von 16,4 Millionen Euro, was das Mandat zu einem der lukrativsten im Dax macht. Zeitgleich wird KPMG allerdings das Mandat bei Qiagen an EY verlieren.

Noch besser sieht es eine Börsenliga darunter aus. Im MDax sieht sich KPMG als Marktführer unter den Prüfern. Mit Freenet, Gerresheimer und Nordex kamen vergangenes Jahr drei neue Mandate neu hinzu. Damit prüft KPMG in diesem Börsensegment nach eigenen Angaben 36 Prozent der Unternehmen. Insgesamt prüfte KPMG im abgelaufenen Geschäftsjahr 142 Unternehmen von öffentlichem Interesse, das waren zwölf weniger als im Vorjahr.

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EY büßt im Audit Boden ein

Während EY im Vorjahr noch mit KPMG nahezu gleichauf gelegen oder sogar leicht die Nase vorn hatte – EY weist nur den Umsatz aus, KPMG nur die Gesamtleistung –, musste es im abgelaufenen Geschäftsjahr 2023/2024 (Ende: 30. Juni) abreißen lassen. In diesem erzielte EY einen Umsatz von 720 Millionen Euro, immerhin knapp 27,7 Prozent des Gesamtumsatzes. Da EY Anfang 2024 die Geschäftsbereiche neu strukturiert hat, sind die alten Zahlen nicht direkt vergleichbar.

Der lange Schatten des Wirecard-Skandals macht sich jedoch noch immer bemerkbar. Nach Bekanntwerden des Skandals gewann EY kein bedeutendes PIE-Mandat mehr, seit März 2024 gilt das Annahmeverbot neuer Prüfmandate. Das Big-Four-Haus lebt seit 2020 in der Wirtschaftsprüfung mehr oder weniger von der Substanz. Aufgrund der verpflichtenden Prüferrotation schrumpft die Zahl der PIE-Mandate jedes Jahr, ohne dass neue hinzukommen.

Im Dax prüfte EY im vergangenen Jahr nur noch sechs Unternehmen und fiel damit hinter die übrigen Big Four PwC, KPMG und Deloitte zurück. Insgesamt verlor EY im abgelaufenen Geschäftsjahr zwölf weitere PIE-Mandate und prüft damit nur noch 100 Unternehmen von öffentlichem Interesse.  

Ein weiteres Prüfmandat, das EY verloren hat, ist das bei ProSiebenSat.1. Dort hatte die Apas ein berufsrechtliches Verfahren eingeleitet, nachdem bekannt geworden war, dass die ProSiebenSat.1-Töchter Mydays und Jochen Schweizer mit dem Verkauf von Gutscheinen gegen das Zahlungsdienstaufsichtsgesetz (ZAG) verstoßen haben. Das Unternehmen wurde darauf durch einen internen Hinweis aufmerksam. Der Medienkonzern musste die Veröffentlichung des Jahresabschlusses und die Hauptversammlung verschieben.

EY hatte die bisherigen Jahresabschlüsse uneingeschränkt testiert. Bilanzexperten sind sich uneins, ob dieser spezielle Fall EY hätte auffallen müssen, der Aufsichtsrat des Medienkonzerns hielt es dennoch für richtig, die Abschlussprüfung erneut auszuschreiben. Den Jahres- und Konzernabschluss 2024 wird nun PwC prüfen.

EY gewinnt neue PIE-Mandate

Doch für EY ist Licht am Ende des Tunnels erkennbar. Für die kommende Rotationswelle, die 2026 mit der Vergabe des Bayer-Mandats beginnen wird, darf EY wieder mandatiert werden. Mit dem Gewinn des Mandats bei der Deutschen Bank-Tochter DWS konnte EY schon ein PIE-Mandat gewinnen. Allerdings wird das Big-Four-Haus laut DWS nicht die Tochtergesellschaften und Fonds prüfen, die Schadensersatzklagen gegen Wirecard gestellt haben. DWS will damit mögliche Interessenkonflikte vermeiden.

Schon ab dem kommenden Jahr wird EY zudem die Bilanzen des Dax-Konzerns Qiagen prüfen. Möglich macht es die spezielle Unternehmenskonstellation mit den Niederlanden als Unternehmenssitz. Außerhalb Deutschlands greift die Apas-Sperre nicht. Mit Qiagen als „Eisbrecher“ will EY in den kommenden Jahren wieder Boden gut machen auf KPMG und PwC sowie gleichzeitig Deloitte hinter sich lassen.

Deloitte rückt von hinten näher heran

Die in der Wirtschaftsprüfung kleinste der Big Four erzielte im abgelaufenen Geschäftsjahr einen Umsatz von 645 Millionen Euro und wuchs damit um 12,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Wirtschaftsprüfung trug somit ein Viertel zum Gesamtumsatz bei.

Für Wachstum sorgten die Mandatsgewinne der vergangenen Jahre, die sich mittlerweile in Umsätzen materialisieren. Deloitte prüft mittlerweile bei neun Unternehmen in der höchsten deutschen Börsenliga die Jahres- und Konzernabschlüsse. Das sind aktuell Bayer, Brenntag, Deutsche Post, Deutsche Telekom, Merck und Rheinmetall, im abgelaufenen Geschäftsjahr kamen die Prüfmandate von BASF, Infineon und RWE hinzu. Noch vor sieben Jahren prüfte Deloitte mit Bayer nur ein Unternehmen aus dem Dax.

Umsatz und Gesamtleistung in der Wirtschaftsprüfung

Wirtschafts-prüferUmsatz*/
Gesamt-leistung** 2034/2024 in Mio. Euro
Anteil Audit Gesamt-umsatz
in %
Zunahme
in %
Zahl der
PIE-Mandate
+/-
PwC917**30,7n.M.258-3
KPMG770**29,67,7142-12
EY720*27,7n.M.100-12
Deloitte64525,012,5101+14
Quelle: Unternehmensangaben

Doch auch unterhalb der obersten deutschen Börsenliga konnte Deloitte einige Mandate gewinnen, unter anderem bei ING, Schmitt + Sohn Aufzüge, Basler, Cewe, Mister Spex, Nagel Group, N26, Rutronik, Voith und der All For One Group. Insgesamt prüft Deloitte nun 101 Unternehmen von öffentlichem Interesse. Das sind 14 PIE-Mandate mehr als im Vorjahr, Deloitte ist damit die einzige Big-Four-Gesellschaft, die im abgelaufenen Geschäftsjahr PIE-Mandate hinzugewinnen konnte.

Allerdings wird Deloitte in den nächsten Jahren zeigen müssen, ob es die gute Performance im Audit wird beibehalten können. Der Chemiekonzern Bayer, mit dessen Mandatsgewinn Deloitte vor sieben Jahren die Aufholjagd auf PwC, EY und KPMG begann, muss die Abschlussprüfung für 2027 neu ausschreiben und läutet damit die nächste Rotationswelle ein.

Die Big Four prüften im abgelaufenen Geschäftsjahr 601 Unternehmen von öffentlichem Interesse. Damit lag die Zahl der PIE-Mandate bei den vier Branchengrößen erneut niedriger: Im Geschäftsjahr 2022/2022 waren es noch 614, im Geschäftsjahr 2021/2022 637 PIE-Mandate.

Das dürfte einerseits am vermehrten Hunger der Next Six nach PIE-Mandaten liegen, aber auch an EYs Neuannahmeverbot. Die kommenden Jahre werden zeigen, wie nachhaltig dieser Trend sein wird.

Info

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.