Beratung mit Blick auf Restrukturierung und Sanierung wächst deutlich – getrieben von wirtschaftlichen Unsicherheiten, Unternehmensstress und der Notwendigkeit, Geschäftsmodelle und Kapitalstrukturen anzupassen. Schieflagen sind an der Tagesordnung und die Insolvenzzahlen in Deutschland bleiben auf hohem Niveau.
Damit steigt auch die Nachfrage nach erfahrenen Sanierungsberatern. Wie haben die Big Four der Wirtschaftsprüfung – EY, Deloitte, KPMG und PwC – darauf reagiert? Wie haben sich die Häuser positioniert? Und wer hat beim Umsatz und bei der Fallzahl die Nase vorn?
All diese Fragen beantwortet die neue Auflage einer jährlichen FINANCE-Umfrage unter den Häusern. Das wichtigste Ergebnis vorweg: Alle großen vier Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaften haben 2025 in Deutschland weiter Personal aufgestockt, sie investieren massiv in ihre Restrukturierungskapazitäten. Dabei verfolgen sie jedoch durchaus unterschiedliche Strategien.
EY-Parthenon mit Wachstumssprung
Den größten Umsatzsprung verzeichnete EY-Parthenon mit einem Wachstum von rund 40 Prozent im Jahr 2025 – deutlich stärker als im Vorjahr mit 20 Prozent. Das Value-Creation-, Turnaround- und Restructuring-Team wurde personell leicht aufgestockt. EY betont dabei wie im Vorjahr, dass man auf Experten aus dem angrenzenden Bereich des Strategie- und Transaktionsgeschäfts zurückgreife.
Prominent ist ein Neuzugang auf Partner-Ebene: Konstantin Pietrek kam 2025 von Roland Berger zu EY-Parthenon. Auch in diesem Jahr hat sich die Beratung schon verstärkt, so etwa im Januar mit Jens Henning Krause, der von PwC kam.
Bei der Anzahl der betreuten Restrukturierungsfälle liegt EY-Parthenon weit vorne mit rund 150 Fällen in Deutschland. „Sowohl die Anzahl als auch der Umfang unserer Fälle sind im vergangenen Geschäftsjahr erneut deutlich gestiegen“, so EY-Parthenon. Besonders stark sei die Nachfrage im Automotive- und Immobiliensektor gewesen, beides Branchen, die unter Transformationsdruck leiden. „Viele Unternehmen stehen unter massivem Zeitdruck“, erklärt Sandra Krusch, Managing Partner EY-Parthenon Deutschland. „Genau deshalb wird integrierte Beratung immer wichtiger.“
Der typische Restrukturierungskunde von EY-Parthenon weise eine Umsatzgröße von 100 Millionen Euro bis zu mehreren Milliarden Euro auf und befinde sich in einer Ertrags- oder Liquiditätskrise, heißt es bei EY. Auch insolvente Unternehmen und Liquidationen gehörten zum Mandatsportfolio. Tendentiell sei die Anzahl der Restrukturierungskunden im oberen Bereich der Bandbreite gestiegen. EY-Parthenon plane, den Umsatz im Bereich Performance & Restructuring in Deutschland bis 2030 zu verdoppeln.
Deloitte verstärkt den Südwesten
Wettbewerber Deloitte hat seinen Wachstumskurs ebenfalls fortgesetzt und legte beim Personal im Bereich Turnaround & Restructuring um rund 10 Prozent zu. Ein besonderer Coup gelang dem Beratungshaus im vergangenen Juni, als Deloitte Meritus Business Advisors aus Esslingen am Neckar (bei Stuttgart) übernahm: Mit Jens Zimmermann kam dadurch ein erfahrener Partner samt komplettem Team an Bord. „Deloitte hat sich damit im Südwesten von Deutschland deutlich verstärkt und zusätzliche Kompetenzen aufgebaut“, so das Beratungshaus. In der Region sind viele Automobilzulieferer und Maschinenbauer aktiv, die derzeit mit Transformationen und einem schwierigen Marktumfeld kämpfen.
Deloitte betreute im Jahr 2025 rund 60 Fälle – und damit ein Fünftel mehr als im Jahr 2024 (50 Fälle). Einer der prominentesten Fälle war die Meyer Werft, die das Beratungshaus bei der Sanierung begleitete. Der Fokus von Deloitte liegt auf Corporates mit einem Umsatz zwischen 100 Millionen Euro und 2 Milliarden Euro. Für 2026 geht Deloitte von einer „stabilen bis leicht wachsenden Nachfrage“ aus.
PwC plant doppelten Umsatz
Das Big-Four-Haus PwC verfolgt indes ambitionierte Wachstumspläne und plant, den Umsatz im Bereich Performance & Restructuring in Deutschland bis 2030 zu verdoppeln. Um wie viel genau PwC im vergangenen Jahr das Geschäft steigern konnte, teilte die Beratung aber nicht mit. PwC hat den Restrukturierungsbereich international neu ausgerichtet und verfügt nach eigenen Angaben mittlerweile über das „weltweit größte Restrukturierungsteam“, sagt Daniel Steiner, der den Bereich in Deutschland leitet.
Der Fokus von PwC liegt auf Corporates mit einem Umsatz zwischen 500 Millionen und 10 Milliarden Euro. „Für uns ist weniger die Umsatzgröße entscheidend als die Komplexität der Situation“, so PwC. Das Beratungshaus konzentriert sich auf komplexe und internationale Fälle mit hoher Stakeholder-Bedeutung. PwC machte keine konkreten Angaben zur Anzahl der betreuten Mandate, verwies aber auf prominente Fälle wie Webasto, für das PwC das Sanierungsgutachten erstellte.
KPMG setzt auf Wachstum
Kommen wir zum letzten Mitglied der Big Four: KPMG wuchs nach eigenen Angaben 2025 erneut im zweistelligen Prozentbereich und setzt dabei konsequent auf organisches Wachstum. „Externe Partnerzugänge gab es im vergangenen Jahr nicht. Unser Wachstum planen wir gezielt aus den eigenen Reihen heraus“, betont das Beratungshaus. Das Restrukturierungsteam blicke optimistisch in die Zukunft: „Auch für 2026 sehen wir eine weiterhin starke Nachfrage und gehen von weiterem Wachstum aus.“
KPMG verzeichnete laut eigenen Angaben eine deutliche Zunahme von Mandaten im Segment oberhalb von 500 Millionen Euro Umsatz. Das Kundenportfolio reiche von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von rund 20 Millionen Euro bis hin zu Konzernen mit bis zu 20 Milliarden Euro Umsatz.
KPMG hielt sich bei der konkreten Fallzahl bedeckt. Das Beratungshaus erklärte lediglich, dass die Fallzahlen aus den Vorjahren bestätigt werden konnten. Zum Vergleich: 2024 war KPMG in rund 150 Fällen tätig – womit das Haus ähnlich wie EY-Parthenon zu den aktivsten Beratern gehören würde. „Wir möchten betonen, dass es nicht allein auf die Anzahl der Fälle ankommt, sondern vielmehr auf deren Umfang“, so KPMG. Der Umfang von Großmandaten habe im vergangenen Geschäftsjahr deutlich zugenommen.
Alle Big-Four-Häuser blicken also „bullish“ auf das Jahr 2026 und rechnen mit anhaltend hoher Nachfrage nach Restrukturierungsberatung. Die Investitionen in Personal und Expertise zeigen: Die Beratungen haben das Restrukturierungsgeschäft als strategisches Wachstumsfeld identifiziert.
Ausblick für 2026 zu optimistisch?
Angesichts der wirtschaftlichen Herausforderungen, mit denen viele Unternehmen konfrontiert sind – vom strukturellen Wandel in der Automobilindustrie über die Immobilienkrise bis hin zu Lieferkettenproblemen –, dürfte die Nachfrage nach professioneller Sanierungsberatung hoch bleiben. Allerdings meint ein Branchenkenner, dass viele Häuser in den vergangenen beiden Jahren ambitionierte Wachstumsraten geplant hätten – und Gehälter erhöht hätten, die jetzt erst einmal verdient und in „produktive Auslastung“ übersetzt werden müssten. Außerdem sei die Wettbewerbsintensität hoch, weil neue Anbieter wie etwa Interpath in den Markt drängten. Das erhöhe den Druck auf die Preise und die Nachfrage nach guten Leuten.
Sicher ist: Die Big Four werden auch 2026 um die lukrativsten Mandate kämpfen. Während EY-Parthenon mit einem hohen Umsatzsprung punktet, setzt Wettbewerber Deloitte auf strategische Übernahmen im Südwesten. PwC positioniert sich mit seiner internationalen Neuausrichtung für komplexe Großmandate, und KPMG bleibt seiner Strategie des organischen Wachstums treu.
Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Backhaus ist spezialisiert auf die Themen Restrukturierung, Transformation, Zahlungsverkehr und Cash Management. Sie hat Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln studiert. Sarah Backhaus arbeitete während ihres Studiums unter anderem für Onlinemagazine von Gruner + Jahr und schrieb als freie Journalistin für die Handelszeitung, faz.net und Impulse.
