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Collateral Transformation: Neues Risiko im Finanzsystem

Morgan Stanley, JP Morgan, Goldman Sachs: Die Wall-Street-Größen haben einen riskanten Weg gefunden, mit der Derivateregulierung Geld zu verdienen.
Thinkstock / Getty Images

Die neuen Regeln für den außerbörslichen OTC-Handel mit Derivaten sind noch nicht einmal richtig umgesetzt, da haben die Banken bereits Wege gefunden, um die Vorschriften auszuhebeln. Die Tricks der Banken schaffen neue systemische Risiken, die im schlimmsten Fall sogar einen finanziellen Weltenbrand wie 2008 auslösen könnten.

Diese Gefahr entsteht, weil alle wichtigen neuen Regelwerke wie EMIR, Dodd Frank  oder Basel III eines gemeinsam haben: Derivatehändler und Banken benötigen künftig in gewaltigem Ausmaß erstklassige Sicherheiten, mit denen sie ihre riskanten Geschäfte unterlegen beziehungsweise Liquiditätspuffer in den Bilanzen bilden müssen. In Frage kommen hierfür nur hochliquide Vermögenswerte, also vor allem Staatsanleihen bester Bonität.

Der Weltwährungsfonds IWF und Finanzmarktexperten schätzen, dass der zusätzliche Bedarf an sicheren Assets weltweit mehrere Billionen Dollar erreichen könnte (siehe Grafik) – so viel gibt der Markt aber vermutlich gar nicht her. Deshalb wollen einige Großbanken die drohende Knappheit mit neuartigen Swap-Geschäften beheben – der so genannten „Collateral Transformation“, zu Deutsch: „Wertpapiertransformation“.

Die Banken bieten Marktteilnehmern, die knapp an Safe Assets sind, erstklassige Sicherheiten im Tausch gegen Wertpapiere mit schlechterer Bonität an. „Sollten systematisch Assets schlechterer Bonität in Anleihen mit akzeptabler Sicherheit getauscht werden, dann könnte dies möglicherweise neue Risiken hervorrufen“, warnt Bärbel Wahle, die bei der HSBC für die Betreuung von Finanzinstituten verantwortlich ist.

Manmohan Singh, Senior Economist beim IWF, fühlt sich an die „Situation vor der Finanzkrise“ erinnert. Damals nutzten Banken exzessiv die Verbriefung von Subprime-Hypotheken, um Risiken zu verstecken und auf den Finanzmärkten abzuladen. Jetzt dient die Collateral Transformation womöglich dazu, Risiken im OTC-Derivatehandel umzuschichten und zu verbergen. 

Das 1-Billion-Dollar-Geschäft

In den USA ist das verpflichtende Clearing bei den ersten Derivateklassen bereits angelaufen, darunter Fixed-to-Floating Swaps, Forward Rate Agreements und CDS auf amerikanische und europäische Indizes. In der EU wird EMIR voraussichtlich Ende 2013 oder Anfang 2014 in Kraft treten.

Die Ratingagentur Moody’s prognostiziert, dass die Banken in Europa nach dem Inkrafttreten von EMIR zusätzliche Sicherheiten in Höhe von 700 Milliarden bis 1,2 Billionen US-Dollar benötigen. Noch erheblich höher ist der Bedarf in den USA. Die amerikanische Aufsichtsbehörde OCC beziffert das Volumen auf 2 Billionen Dollar.

Obendrein treibt auch Basel III die Nachfrage nach Safe Assets in die Höhe. Dafür benötigen die Banken laut einer Schätzung des IWF weltweit liquide Sicherheiten von 2 bis 4 Billionen Dollar, um die vorgeschriebenen Liquiditätspuffer anzulegen.

Summa summarum benötigen die Finanzinstitute infolge von Basel III, EMIR und Dodd Frank in den nächsten Jahren also voraussichtlich erstklassige Sicherheiten in Höhe von mindestens 5 Billionen Dollar. In Frage kommen hierfür eigentlich nur Anleihen mit einem Triple- oder Double-A-Rating. Auf den ersten Blick sind solche Bonds reichlich vorhanden: Die Staatsanleihen von OECD-Ländern, die mindestens mit einem AA bewertet werden, haben laut IWF ein Volumen von insgesamt 33 Billionen Dollar.

Doch hiervon ist nur ein kleiner Teil auf dem Markt verfügbar. Die US-Treasuries beispielsweise liegen größtenteils bei der Federal Reserve und den Notenbanken in China, Japan und Brasilien sowie bei ausländischen Investoren, die die Titel langfristig halten. Obendrein könnten einige OECD-Staaten ihre guten Bonitätsnoten verlieren. „Die Safe Assets werden immer weniger. Angebot und Nachfrage geraten aus dem Gleichgewicht“, bilanziert Silvio Andrae, Risikoexperte beim Deutschen Sparkassenverband.

Mindestens sieben Banken mischen mit

Längst hat die Wall Street die Geschäftsmöglichkeit entdeckt, die sich darin verbirgt: Um den drohenden Mangel an Sicherheiten zu beheben, die von den Clearing-Häusern akzeptiert werden, können sich Derivatehändler die benötigten Safe Assets bei bestimmten Banken im Tausch gegen mindergute Wertpapiere besorgen: Banken verleihen Wertpapiere für einen fixen Zeitraum und kassieren dafür Gebühren und Zinsen.

Mindestens sieben Finanzinstitute bieten in den USA bereits das „Upgrading“ von Sicherheiten an. Neben Goldman Sachs, Morgan Stanley und anderen großen Namen der Wall Street zählt auch die Deutsche Bank dazu. Besonders aggressiv vermarkten offenbar die Bank of America, die Bank of New York Mellon und JP Morgan die neue Form der Wertpapierleihe.

Zu den Kunden, die Collateral Transformation in Anspruch nehmen, gehören Versicherungen, Pensionskassen und Vermögensverwalter. Sie haben weltweit Billionen an Kundengeldern in Bonds angelegt, bei denen eine Absicherung gegen Kursverluste ratsam erscheint. Wollen sie für diesen Zweck Kreditausfallversicherungen (CDS) erwerben, müssen sie die Transaktionen künftig über Clearinghäuser abwickeln und hierbei Margins hinterlegen.

Die Verleiher gehen freilich ein hohes Risiko ein. Geht ein Derivatehändler pleite, kann sich das Clearinghaus an den überlassenen Sicherheiten schadlos halten. Die Bank, die dem Händler die Wertpapiere geborgt hat, bliebe dann auf wenig soliden Pfändern sitzen, die sich womöglich weder bei der EZB gegen frisches Geld einwechseln noch ohne große Wertverluste auf dem Markt verkaufen ließen.

„Wir schichten schlichtweg operationelle Risiken um, wenn wir eine Form von Sicherheit in eine andere verwandeln“, verteidigt Richie Prager, Leiter der Handelsabteilung beim New Yorker Vermögensverwalter Black Rock, die sich entwickelnde Praxis. Kritischer beurteilt Anat Admati, Finanzprofessor an der kalifornischen Stanford University, die Lage. Die Collateral Transformation „riecht nach Ärger“, meint der Forscher. „Der Grund für die Regulierung des Derivatemarktes ist ja gerade, dass hier zahllose Risiken verborgen sein können. Jetzt werden diese Risiken einfach woanders hin verlagert.“

Womöglich häufen die Banken, die den Wertpapiertausch anbieten, in ihren Bilanzen Hunderte Milliarden minderguter Staatspapiere, illiquider Corporate Bonds, problematischer Hypotheken, ausfallbedrohter Schiffskredite, riskanter Aktien und anderer Aktiva an, deren Wert in einer Krise besonders schnell dahin schmelzen würde.

Obendrein verfügen nicht alle Banken, die Collateral Transformation anbieten, über eine überzeugende Eigenkapitalausstattung. Bei der Deutschen Bank beträgt das haftende Eigenkapital lediglich 57 Milliarden Euro – dies sind nicht einmal 3 Prozent der gesamten Aktiva. Nicht viel besser sieht es an der Wall Street aus: Die sieben Banken, die in den USA bereits Wertpapiertransformation betreiben, weisen ein Eigenkapital von zusammen knapp 700 Milliarden Dollar aus.

redaktion[at]finance-magazin.de

Info

Dies ist die Kurzversion einer umfassenden Analyse der Gefahren, die sich aus der „Collateral Transformation“ ergeben. Die ausführliche Version mit weiteren Hintergründen finden Sie in der aktuellen Ausgabe von FINANCE.