Grant Thornton USA auf Konsolidierungskurs – auch in Deutschland?

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Grant Thornton USA hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Landesgesellschaften übernommen. Foto: mino21 - sock.adobe.com
Grant Thornton USA hat in den vergangenen Monaten zahlreiche Landesgesellschaften übernommen. Foto: mino21 - sock.adobe.com

Der 31. Mai 2024 wird als Wendepunkt in die Geschichte des Grant-Thornton-Netzwerks eingehen. An diesem Tag gab die größte Landesgesellschaft des Verbunds den Einstieg von New Mountain Capital bekannt. Für den Deal wurde das US-Prüfgeschäft von den Nicht-Prüfungsdienstleistungen abgetrennt, um Interessenkonflikte zu vermeiden.

Der Private-Equity-Investor sowie der kanadische Investmentfonds CDPQ und das aus Michigan stammende Family-Office OA Private Capital als Minderheitseigner übernahmen 60 Prozent der Anteile für einen kolportierten Kaufpreis von 1,4 Milliarden Euro. Über einen Management-Dienstleistungsvertrag sollen beide Einheiten verbunden bleiben.

„Mit dieser zusätzlichen Unterstützung, darunter Zugang zu verbesserter Technologie und anderen Ressourcen, sehen wir großes Potential, unsere derzeitigen Leistungsfähigkeiten schnell auszubauen und unseren Kunden einen noch besseren ganzheitlichen Support sowie eine noch bessere Umsetzung zu bieten“, sagte Jim Peko, damals noch Chief Operating Officer, heute CEO der neuen Beratungseinheit Grant Thornton Advisors bei Verkündung des Deals.

Grant Thornton will digitale Transformation anschieben

Neben der Erweiterung der Plattform will Grant Thornton USA auch in Technik investieren, vor allem in Künstliche Intelligenz (KI). Im Frühjahr kündigte die Gesellschaft den Rollout von CompliAI, einer eigenen KI-Anwendung an, ohne jedoch einen genauen Betrag zu nennen.

Seit diesem Tag ist Grant Thorntons US-Gesellschaft auf einem rasanten Konsolidierungskurs und fügt reihenweise weitere Landesgesellschaften zu einer multinationalen Plattform zusammen. Den Start machten im Oktober 2024 die Netzwerkgesellschaften in Irland, aus den Bermudas, der Isle of Man und Gibraltar.

Im April 2025 folgten die Landesgesellschaften in den Vereinigten Arabischen Emiraten, in Luxemburg und den Kaimaninseln, im Mai folgte Grant Thornton in den Niederlanden und im Juni die Gesellschaften in der Schweiz, Liechtenstein und den Kanalinseln. Die neue multinationale Plattform von Grant Thornton USA umfasst damit nun 60 Niederlassungen auf drei Kontinenten mit rund 13.500 Mitarbeitern.

Tiefere Zusammenarbeit durch multinationale Plattform

Doch welchen Vorteil haben die bisher unabhängigen Netzwerkgesellschaften durch den Zusammenschluss mit Grant Thornton Advisors? „Durch den Zusammenschluss mit Grant Thornton Advisors haben wir Zugang zu mehr finanziellen und personellen Ressourcen, und können somit unsere Wachstumsstrategie deutlich schneller vorantreiben“, teilt Grant Thornton Schweiz/Liechtenstein auf FINANCE-Anfrage mit.

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Next Seven

Der Wirtschaftsprüfermarkt ist im Umbruch – das beeinflusst auch die „Next Seven“, das Verfolgerfeld der „Big Four“ KPMG, PwC, Deloitte und EY. Alles zu Strategie, Personalien oder Mandatswechsel bei RSM Ebner Stolz, BDO, Rödl & Partner, Forvis Mazars, Baker Tilly, Grant Thornton oder DHPG können Sie hier nachlesen.

Außerdem profitiere Grant Thornton Schweiz/Liechtenstein von einer gesteigerten Wettbewerbsfähigkeit, könne das Dienstleistungsangebot erweitern, und somit den Kunden einen noch besseren Service anbieten. Die multinationale Plattform innerhalb des Grant Thornton Netzwerks arbeite deutlich enger zusammen als die übrigen Netzwerkfirmen.

„Ziel ist es, dass mit vereinten Kräften – respektive auch mehr Ressourcen – durch New Mountain Capital in Themen wie technologische Entwicklung oder KI entsprechend investiert werden kann“, teilt Grant Thornton Schweiz/Liechtenstein weiterhin mit.

Rödl & Partner als Vorbild

Solch eine grenzüberschreitende Partnerschaft sei nicht neu, sagt Branchenexperte Jörg Hossenfelder vom Analysehaus Lünendonk & Hossenfelder. „Rödl & Partner ist ähnlich aufgebaut. Anders als andere Wirtschaftsprüfungs– und Beratungsgesellschaften gehört Rödl & Partner keinem internationalen Netzwerk an, sondern unterhält internationale Standorte. Das ist deren USP“, so Hossenfelder.

Der Vorteil einer solchen Struktur: „Über eine multinationale Plattform lassen sich international tätige Kunden besser betreuen sowie Entscheidungen einfacher und schneller umsetzen“, erklärt Hossenfelder. Das Geschäft lasse sich zudem besser skalieren, es ließten sich Prozesse optimieren und effizienter gestalten, etwa durch Shared und Managed Services. Und angesichts der zunehmenden Bedeutung von Digitalisierung und KI besonders wichtig: Größere Investitionen lassen sich besser stemmen“, sagt Hossenfelder.

Was macht Grant Thornton Deutschland?

Laut Informationen der „Financial Times“ soll Grant Thornton Advisors auch Interesse an der deutschen Netzwerkgesellschaft haben. Damit wäre die Plattform auf den drei größten westlichen Märkten vertreten. Grant Thornton Deutschland wollte das Gerücht nicht kommentieren. Sollte es sich jedoch bewahrheiten, wäre Grant Thornton Deutschland damit Bestandteil einer globalen Organisation. „Die Gesellschaft könnte sich künftig auch um größere Mandate bewerben“, glaubt Hossenfelder.

Der Beitritt zu einer multinationalen Plattform wie der von Grant Thornton oder auch RSM US bedeutet aber auch ein Verlust an unternehmerischer Freiheit. „Die Ländergesellschaften müssen wissen, dass sie mit solch einem Beitritt Selbstständigkeiten abgeben und sie ein stärkeres Controlling und Reporting erwartet“, so Hossenfelder.

Aufgabe der unternehmerischen Freiheit

Hellmuth Wolf von der Personalberatung Signium kann sich vorstellen, dass solch ein Schritt nicht jedem Partner gefallen wird. „Der eine oder andere Partner wird seine unternehmerische Freiheit nicht aufgeben wollen. Auch kulturell kann der Fit schwierig werden, wenn plötzlich ein monatliches Reporting verlangt wird“, so Wolf.

Hossenfelder begrüßt die Entwicklung: „Für den Berufsstand und auch für die Big Four kann es nur gut sein, wenn es mehr Player auf dem Markt gibt, die um die großen Tickets konkurrieren.“ Auch die Mandanten dürften es begrüßen, wenn sie mehr Auswahl als nur die vier großen Prüfungs- und Beratungsgesellschaften hätten. Besonders in der Steuerberatung könnte hier eine ernsthafte Alternative zu den Big Four heranwachsen, ist Hossenfelder überzeugt. „In der Wirtschaftsprüfung dürfte für die ganz großen Mandate, wie etwa bei der Deutschen Bank, indes noch die Manpower fehlen.“

Grant Thornton in Deutschland wollte sich gegenüber FINANCE nicht zu den Entwicklungen bei Grant Thornton Advisors und den möglichen Auswirkungen für die deutsche Landesgesellschaft äußern.

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.