Restrukturierung: Welches Big-Four-Haus liegt vorne?

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Die Big-Four-Häuser sind im Restrukturierungsmarkt unterschiedlich stark aufgestellt. Foto: Deloitte, MOZCO Mat Szymański - stock.adobe.com, Ricochet64 - stock.adobe.com, Stasys - stock.adobe.com, Montage: FINANCE
Die Big-Four-Häuser sind im Restrukturierungsmarkt unterschiedlich stark aufgestellt. Foto: Deloitte, MOZCO Mat Szymański - stock.adobe.com, Ricochet64 - stock.adobe.com, Stasys - stock.adobe.com, Montage: FINANCE

Die Insolvenzzahlen und Krisenfälle in der deutschen Wirtschaft steigen, gute Restrukturierer sind gefragt. Deshalb versuchen die Beratungen, ihre Einheiten aufzustocken. Neben zahlreichen anderen Beratungshäusern sind vor allem die Big Four der Wirtschaftsprüfung – EY, Deloitte, KPMG und PwC – aus der deutschen Restrukturierungsszene nicht wegzudenken. Wie sich ihre Schwerpunkte und das Personal verändert haben, zeigt eine neue FINANCE-Umfrage.

Ein Ergebnis ist klar: Alle Big-Four-Beratungen haben im vergangenen Jahr Personal aufgestockt, wenn auch unterschiedlich stark. So stellte Deloitte bis Ende 2024 zehn neue Experten im Bereich Turnaround & Restructuring ein. „Das liegt auch daran, dass wir bei Bedarf auf Kollegen aus anderen Bereichen zurückgreifen“, kommentiert das Beratungshaus. Insgesamt arbeiten rund 200 Professionals in dem Segment.

Schon im Jahr 2023 hatte das Beratungshaus 15 Mitarbeiter in diesem Bereich eingestellt – ein Zuwachs von rund 8 Prozent gegenüber dem Vorjahr 2022. Im November 2024 wurde zum Beispiel Benjamin Thelen als Partner ernannt, er war vorher Strategy Principal Director bei Accenture. Er soll Deloitte bei der operativen Restrukturierung durch seine Expertise bei den Themen Pricing und Sales stärken.

EY stockte personell auf

Ähnlich wie Deloitte stockt auch die Strategieberatung von EY auf. In der Einheit EY-Parthenon bündelt das Big-Four-Haus seine Restrukturierungsaktivitäten. Die Beratung hat das Team im Bereich Value Creation, Turnaround & Restructuring für Unternehmens- und Private-Equity-Kunden um zehn Personen vergrößert. EY-Parthenon erklärt ähnlich wie Deloitte, dass der Bereich nur „leicht aufgestockt“ wurde, weil die Beratung auf Experten aus angrenzenden Bereichen des Strategie- und Transaktionsgeschäfts zurückgreifen konnte.

Zu den Neuen zählen seit April 2024 zwei weitere Partner: Maximilian Dressler (vorher Roland Berger) und Christian Wilkens (vorher Iqvia). Außerdem wurde Alexander Jaroschinsky im Sommer 2024 zum Partner im Bereich Value Creation, Turnaround & Restructuring befördert, er ist spezialisiert auf Restrukturierungen im Automotive-Sektor.

So sind die Big Four in der Restrukturierung aufgestellt

Das ist aber nicht alles: EY-Parthenon hat sich insgesamt neu aufgestellt. Seit April ist der gesamte EY-Geschäftsbereich Strategy and Transactions unter der Marke EY-Parthenon vereint. Das heißt, die Experten aus der Strategieberatung sowie dem Transformations- und Restrukturierungsgeschäft arbeiten nun mit den Transaktions- und Corporate-Finance-Teams.

„Restrukturierungskunden haben jetzt auch direkten Zugang zu Corporate-Financeund M&A-Dienstleistungen“, erklärte EY-Parthenon gegenüber FINANCE. Dadurch ist der Bereich massiv gewachsen: In Deutschland arbeiten rund 1.000 Mitarbeiter in dem zusammengewachsenen Bereich. 2023 zählte die Beratung im DACH-Raum im Bereich Value Creation, Turnaround & Restructuring 250 Mitarbeiter. Geführt wird EY-Parthenon seit Januar dieses Jahres von Sandra Krusch, Managing Partner und Private Equity Leiterin Europe West.

KPMG und PwC wachsen stärker

Ein größeres Wachstum als Deloitte und EY-Parthenon verzeichnen laut eigenen Angaben die Konkurrenten KPMG und PwC, wobei beide Häuser vage Angaben gegenüber FINANCE machten.

Wie KPMG gegenüber FINANCE mitteilte, wuchs der Bereich finanzielle Restrukturierung in Deutschland im „erneut zweistelligen Prozentbereich“. Die genaue Anzahl der Mitarbeiter wollte KPMG jedoch nicht verraten. Die letzte bekannte Zahl ist aus dem Jahr 2022, damals hatte KPMG im Restrukturierungsbereich 120 Mitarbeiter.

Im vergangenen Jahr wurde zum Beispiel Tobias Rietzel zum Partner im Bereich Turnaround & Restructuring befördert. Zusätzlich kamen die Manager Stephan Dellermann und Sebastian Leidig von Goetzpartners (inzwischen zu Fortlane umfirmiert) zu dem Big-Four-Haus KPMG, die insbesondere das Center of Excellence Cash & Working Capital Management verstärken. Auch PwC wuchs im zweistelligen Prozentbereich.

„Wir haben den Bereich Performance & Restructuring deutlich erweitert und sind um über 20 Prozent gewachsen“, so PwC. Laut eigenen Angaben hat das Beratungshaus drei neue Partner berufen, darunter die erste Partnerin im Restrukturierungsbereich. Wie viele Mitarbeiter PwC genau in dem Bereich hat, wollte die Beratung ähnlich wie Konkurrent KPMG nicht mitteilen.

KPMG berät meiste Restrukturierungsfälle

Für KPMG lief es im vergangenen Jahr nicht nur personell gut, das Beratungshaus konnte nach FINANCE-Informationen auch die meisten Restrukturierungsfälle beraten. Nach eigenen Angaben war KPMG bei rund 150 Transaktionen tätig und liegt damit auf einem ähnlichen Niveau wie 2023. „Sowohl Anzahl als auch Umfang unserer Fälle sind im Geschäftsjahr 2024 deutlich gestiegen“, so KPMG.

Zu den typischen Kunden zählen laut KPMG Unternehmen mit einem Umsatz von 20 Millionen bis 20 Milliarden Euro – eine große Spanne vom Mittelstand bis zum Konzern. „Unser Fokus liegt dabei auf der ganzheitlichen Restrukturierungsberatung, von der frühzeitigen Turnaround-Situation mit Cashflow- und Working-Capital-Optimierung bis hin zum Sanierungsgutachten.“ KPMG wurde etwa vom insolventen Flugtaxi-Start-up Lilium mit der Investorensuche beauftragt – ein rettender Deal blieb jedoch aus.

EY Parthenon berät mehr

PwC blieb bei der Frage nach der Summe der Mandate vage und teilte nur mit, dass die Beratung die „großen relevanten Restrukturierungen“ begleitet hat. Laut PwC liegt der eigene Fokus auf Corporates zwischen 500 Millionen und 10 Milliarden Euro Umsatz. „Unsere Stärke liegt in komplexen und internationalen Cases mit einer hohen Bedeutung für die Stakeholder wie Banken oder auch Kunden wie OEMs.“

Auch EY-Parthenon hat deutlich mehr Restrukturierungen beraten. Während das Haus 2023 bei rund 50 Fällen tätig war, waren es 2024 doppelt so viele. „Sowohl die Anzahl als auch der Umfang unserer Fälle sind im vergangenen Geschäftsjahr deutlich gestiegen – insbesondere im Automotive- und Immobiliensektor“, so EY-Parthenon gegenüber FINANCE. Der typische Restrukturierungskunde weist laut eigenen Angaben eine Umsatzgröße von 100 Millionen bis zu mehreren Milliarden Euro auf und befindet sich in einer Ertrags- oder Liquiditätskrise. Auch insolvente Unternehmen zählten zu den Mandanten.

Deloitte hielt das Niveau aus dem Jahr 2023 und hat 2024 in erneut rund 50 Fällen beraten. Einer der prominentesten Fälle war dabei die Meyer Werft. Nach Angaben von Deloitte liegt der Fokus auf Corporates zwischen 100 Millionen Euro und 2 Milliarden Euro Umsatz.

Big Four erwarten Wachstum

Für die Big-Four-Häuser bleibt das Restrukturierungsgeschäft weiterhin attraktiv, alle verzeichneten nach eigenen Angaben 2024 ein Umsatzwachstum. PwC teilte mit, dass die Beratung in diesem Geschäftszweig im vergangenen Jahr ein deutliches Wachstum im zweistelligen Bereich verzeichnet habe. Zum Umsatzwachstum der Vorjahre machte PwC keine Angaben.

Bei EY-Parthenon stieg der Umsatz 2024 um über 20 Prozent, im Jahr davor war der Umsatz um 15 Prozent gewachsen. Auch der Restrukturierungsbereich bei Deloitte konnte zulegen – der Umsatz legte um 25 Prozent zu und damit stärker als 2023, als der Umsatz um 20 Prozent gestiegen war. KPMG wollte keine Angaben zur Entwicklung des Umsatzes in dem Bereich machen. 2023 hatte das Haus laut eigenen Angaben ein Plus im zweistelligen Prozentbereich verzeichnet.

Auf das Wachstum haben die Big Four reagiert: Mehr Restrukturierungen erfordern mehr Expertise – und alle haben personell aufgestockt. Das Geschäftsfeld ist weiterhin attraktiv, auch wenn es mit unter anderem Roland Berger, Alvarez & Marsal oder Alixpartners viele Wettbewerber gibt. Angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahren werden die Beratungen wohl auch in diesem Jahr ihre Restrukturierungspraxis weiter ausbauen.

Sarah Backhaus ist Redakteurin bei FINANCE und DerTreasurer. Backhaus ist spezialisiert auf die Themen Restrukturierung, Transformation, Zahlungsverkehr und Cash Management. Sie hat Journalismus an der Hochschule für Medien, Kommunikation und Wirtschaft in Köln studiert. Sarah Backhaus arbeitete während ihres Studiums unter anderem für Onlinemagazine von Gruner + Jahr und schrieb als freie Journalistin für die Handelszeitung, faz.net und Impulse.