Covestro-CFO Christian Baier: Ein Mann für die Transformation

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Christian Baier begleitete Covestro bei der Übernahme durch Adnoc. Nun legt er sein Amt nieder. Foto: Covestro
Christian Baier begleitete Covestro bei der Übernahme durch Adnoc. Nun legt er sein Amt nieder. Foto: Covestro

Zwischen den grauen Betonbauten des Chemparks Leverkusen sticht die Covestro-Zentrale durch das bunt leuchtende Logo hervor. Aber nicht nur das: Dem modernen Haupthaus hat das Unternehmen eine eigene Identität gegeben. Jedes Stockwerk leuchtet in einem anderen Farbton – gelb, orange, pink. Finanzchef Christian Baier sitzt im dritten Stock. Hier leuchtet alles in gelber Farbe.

Das Besondere an dem Headquarter des Polymer-Spezialisten: kein Empfangszimmer, kein Vorzimmer, kein abgeschlossenes Büro. Der Finanzvorstand von Covestro arbeitet im Open Workspace, inmitten seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Damit wirkt der 49-Jährige deutlich bodenständiger und nahbarer als manch Vorstand in alten Zeiten.

Dabei hat er in den vergangenen drei Jahren Covestro durch die Transformation geführt und gilt als einer der Strippenzieher des größten Deals, den ein deutsches Unternehmen je mit Investoren vom Persischen Golf abgeschlossen hat.

Baier begleitete mehrere Veränderungsprozesse

Doch wie kam der Manager dahin? Baier, geboren in Freiburg im Breisgau, absolvierte studienbegleitend eine Ausbildung bei der Baden-Württembergischen Bank in Freiburg und wechselte 2001 als Beteiligungsmanager zur LBBW-Tochter BWK. 2002 begann er ein Studium an der NYU Stern School of Business in New York. Darauf folgten verschiedene Stationen: So arbeitete er bei der US-Investmentbank Lehman Brothers, bei der Private-Equity-Gesellschaft Permira, dann über ein Jahrzehnt bei Metro – als M&A-Leiter, Strategiechef, CFO der Großhandelssparte und ab 2016 als Finanzvorstand des Konzerns. In der Coronapandemie übernahm er gemeinsam mit Chief Operating Officer Rafael Gasset als Interim-CEO die Führung.

Es zeigt sich ein Muster: Baier taucht immer dort auf, wo große strategische Entscheidungen anstehen. Die Finanzkrise 2008, die Aufspaltung von Metro und Ceconomy 2017, die Pandemie und jüngst der Adnoc-Deal. „Ich mag sehr gern Veränderungsprozesse, weil in der Phase von Veränderungen die Rolle eines CFO und des Finanzteams einen ganz besonders positiven und wichtigen Einfluss haben kann“, sagt Baier über sich selbst. „Veränderungsprozesse schaffen immer Chancen, sich langfristig besser aufzustellen und Werte zu schaffen.“

Dass Baier sich im Herbst 2023 für Covestro entschied, war keine Zufallsentscheidung. Adnoc hatte sein Interesse an dem Chemiekonzern bereits signalisiert. Eine mögliche Übernahme stand im Raum. „Als ich meine Entscheidung für Covestro traf, war mir bekannt, dass gegebenenfalls so eine Situation eintreten könnte. Das war auf der einen Seite ein spannender Faktor, auf der anderen Seite stand natürlich noch ein Fragezeichen.“

Faszination für Innovationen bei Covestro

Was ihn letztlich überzeugte, war jedoch das Unternehmen selbst. „Die Faszination für Innovation und die Weiterentwicklung einer ganzen Industrie haben dazu gehört. Was kann ich beitragen und was kann ich lernen?“ Covestro, sagt Baier, war für ihn auch eine neue Industrie. „Diese detaillierter kennenzulernen und dabei von einem der global führenden Unternehmen ein tiefes Verständnis zu entwickeln – das war für mich eine Situation, bei der ich gesagt habe: Das könnte ein Win-win sein.“

Besonders die Prozessinnovationen des Konzerns hätten ihn von Tag eins begeistert: „Wie auch nach vielen Jahren, teilweise Jahrzehnten, nach der Entwicklung eines Verfahrens weiterhin Effizienzen aus den Prozessen herausgeholt oder diese komplett neu gedacht werden können – das ist faszinierend.“

Darüber hinaus sei Covestro stark in der Produktinnovation und positioniere sich konsequent an zentralen Zukunftsthemen wie Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft. „Besondere Bedeutung hat bei uns das Thema Zirkularität. Das ist für uns trotz einiger Bewegungen in den vergangenen Jahren langfristig ein ganz wichtiger Faktor.“

Christian Baier startete direkt in Deal-Verhandlungen

Im Oktober 2023 tritt Baier als CFO bei Covestro an und startet direkt in Deal-Verhandlungen: „Mein erster Tag bei Covestro war beinahe eine Managementpräsentation für den möglichen Käufer“, erinnert er sich. Die Ausgangslage für Covestro ist alles andere als einfach. Die Chemiebranche steckt aufgrund vielfältiger Faktoren in einem zyklischen Abschwung, der operative Gewinn vor Abschreibungen (Ebitda) lag 2023 bei knapp 1,1 Milliarden Euro – weit entfernt vom Rekordwert 2021 von rund 3,1 Milliarden Euro.

Die Folgejahre bringen keine Entlastung: 2025 markiert den Tiefpunkt. Der Umsatz sinkt um 8,7 Prozent, das Ebitda um 30,9 Prozent auf 740 Millionen Euro, dazu kommt ein Konzernverlust von 644 Millionen Euro. „Ich hätte mir im Jahr 2025 gern deutlich bessere Zahlen gewünscht“, sagt Baier. Doch das bedeute keinen Stillstand. „Den Kopf in den Sand zu stecken und nur kurzfristig zu denken, ist an der Stelle genau das Falsche.“

„Mein erster Tag war beinahe eine Managementpräsentation.“

Christian Baier, Covestro-CFO

Parallel zur operativen Arbeit läuft die Transaktion. Fast ein Jahr lang verhandelt Covestro mit der Adnoc-Investmentgesellschaft XRG. „Ich bin davon überzeugt, dass dies gut investierte Zeit war, um wichtiges Vertrauen zu generieren, das nun eine partnerschaftliche Zusammenarbeit möglich macht“, meint Baier rückblickend.

Für den Erfolg der Übernahme seien ihm zufolge drei Faktoren entscheidend gewesen. Erstens der Management Case in der Due Diligence: XRG war gut vorbereitet, Covestro stellte seine Stärken klar heraus und beantwortete Fragen zügig. Zweitens die Governance-Struktur: Die AG-Garantie läuft bis Ende 2028, die Mitbestimmung bleibt gewahrt. Und drittens: Vertrauen und Kultur. „Die rationalen Dinge sind oftmals gar nicht so gut von den emotionalen zu trennen. Da sind auch individuelle Perspektiven drin, wie die Frage danach, wie es sich anfühlt, in die Umsetzung einer solchen Transaktion zu gehen“, sagt Baier.

Adnoc-Dealmaker Klaus Fröhlich wird CFO

Am 1. Oktober 2024 wird die Investitionsvereinbarung unterzeichnet, das Übernahmeangebot liegt bei 62 Euro je Aktie, insgesamt rund 11,7 Milliarden Euro legt der arabische Investor auf den Tisch. Am 10. Dezember 2025 folgt das Closing. Nach einer Kapitalerhöhung über 1,17 Milliarden Euro hält XRG, der Investmentarm von Adnoc, 95,10 Prozent der Stimmrechte, die Schwelle für einen Squeezeout ist damit erreicht. Es ist die größte Akquisition eines deutschen Unternehmens durch Investoren aus den Golfstaaten.

Ein guter Zeitpunkt, um die Finanzen von Covestro zu übergeben, findet Baier. Sein Nachfolger Klaus Fröhlich, der zum 1. Oktober 2026 übernimmt, saß während der Verhandlungen auf der anderen Seite des Tisches und galt auf Seiten von Adnoc als Dealmaker. „Mein Nachfolger Klaus Fröhlich war ja einer der wesentlichen Verhandlungspartner auf der anderen Seite“, sagt Baier. Ebenso wie Baier hat der designierte CFO Fröhlich eine Investmentbanking-Vergangenheit, allerdings bei Morgan Stanley.

Covestro legte 2026 gute Zahlen vor

Baiers größter Meilenstein bei Covestro? „Von außen wird man wahrscheinlich draufgucken und sagen, es sei die Transaktion. Für mich ist es aber vielmehr die Kombination aus der Transaktion und der operativen Transformation“, sagt der hochgewachsene Manager mit den kurzen Haaren. „Wir haben hier beinahe 18.000 Menschen, die jeden Tag an der Transformation des Konzerns arbeiten.“ Der Deal, sagt er, war letztlich nur möglich, weil Covestro intern die Hausaufgaben gemacht hatte.

Das lässt sich auch im Zahlenwerk ablesen: Im ersten Halbjahr 2026 steigt das Ebitda um 64 Prozent auf 669 Millionen Euro. Und das Konzernergebnis kehrt mit 120 Millionen Euro in den profitablen Bereich zurück. Baier ordnet ein: „Zum einen zeigt dies, dass die Maßnahmen unserer Transformation Wirkung zeigen. Zum anderen haben wir – wie der Rest der Branche – von der aktuellen Situation an den Weltmärkten profitiert.“

Führen in der Krise

Blickt Baier auf seine bisherige Karriere zurück, haben ihn vor allem zwei Momente geprägt: die Finanzkrise 2008, als er bei Permira erlebte, wie Portfoliounternehmen innerhalb von Wochen unter extremen Druck gerieten. „Ich konnte in noch eher jungen Jahren erleben, wie wir als Team gegen diese Gegenwinde angekämpft haben, ohne dass klar war, wie lang der Weg dadurch ist.“

Jedes Stockwerk hat seine eigene Farbe: Gelb, Orange, Rot, Pink. Hier der dritte Stock in gelbem Design. Foto: Covestro

Als Metro-CFO erlebte der dann die Coronapandemie. Damals brach etwa die Hälfte der Kunden aus der Gastronomie weg. Es ging darum, Rating, Liquidität und Kundenloyalität gleichzeitig zu sichern. Sein Fazit: „Finanzielle Stabilität nur, um stabil zu stehen, ist noch kein Purpose. Stabilität ist das Fundament, auf dem man Strukturen, Optionen und Wachstumschancen generieren kann.“

Und wenn Transformation auch Einschnitte bedeutet – Stellenabbau, Restrukturierung, organisatorische Veränderungen? „Diese Themen gehören zu verantwortungsvoller Führung dazu. Das darf uns trotzdem nicht davor zurückschrecken lassen, nach einer fundierten Analyse die richtigen Entscheidungen zu organisatorischen Veränderungen zu treffen“, sagt er. „Das heißt jedoch nicht, dass ich bloß mit den Schultern zucke und das einfach abhake, denn Mitarbeiterverantwortung nehme ich sehr ernst.“

Christian Baier verlässt Covestro Ende September

Am 18. Dezember 2025 – nur wenige Tage nach dem Closing der XRG-Transaktion – gibt Baier bekannt, seinen Vertrag nicht zu verlängern. Zum 30. September 2026 verlässt er Covestro auf eigenen Wunsch. Es ist ein Weggang aus einer Position der Stärke, keine Niederlage. „Der Wendepunkt ist erreicht, die Nachfolge geregelt, der Staffelstab bereit“, sagt er. Was er mitnimmt? „Diese Lösungsorientierung der globalen Teams von Covestro, diese beinahe ingenieurartige Herangehensweise und Innovationsfähigkeit, waren für mich sehr faszinierend. Das ist etwas, was ich mitnehme.“

Wohin es ihn künftig zieht, will er noch nicht verraten – nur so viel: „Ich freue mich darauf, dass ich auch künftig meine Fähigkeiten in einem sehr spannenden Unternehmen einsetzen kann, das sehr erfolgreich ist und sich gleichzeitig im Veränderungsprozess befindet. Das ist so ein Sweet Spot, in dem ich immer gern unterwegs bin.“

Bis dahin hat Baier andere Pläne. Heimwerkerprojekte mit seinen Töchtern. Es ist vielleicht das Normalste, was ein Manager tun kann, der drei Jahre lang einen 11,7-Milliarden-Deal mitgestaltet hat: ein Samstag im Baumarkt. 

Jasmin Rehne ist Redakteurin bei FINANCE und verfolgt schwerpunktmäßig die Themen Gehalt und Personal. Zudem ist sie Moderatorin bei FINANCE TV. Sie hat in Marburg Sprache und Kommunikation studiert. Neben ihrem Studium arbeitete Jasmin Rehne bereits als studentische Hilfskraft bei FINANCE.