Mitte März, kurz vor einer Sitzung des Continental-Aufsichtsrats, schafft CFO Katja Garcia Vila (geborene Dürrfeld) Tatsachen und kündigt an, dem Autozulieferer den Rücken zu kehren. Sie stehe „für eine Vertragsverlängerung ihres im Dezember 2024 auslaufenden Mandats aus Gründen der eigenen Karriereplanung nicht zur Verfügung“, heißt es später von Continental in einer offiziellen Verlautbarung. Bis ihre Nachfolge geregelt ist, soll sie noch an Bord bleiben. Was konkret zu der anstehenden Trennung geführt hat, ist unklar.
Für Katja Garcia Vila ist der Abschied von Continental eine Zäsur. Die 52-jährige Diplom-Betriebswirtin betont ihre Verbundenheit zum Unternehmen und dass der Schritt keine leichte Entscheidung für sie gewesen sei. Das verwundert nicht: Seit ihrem Karrierestart 1997 hat sie ihr gesamtes Berufsleben bei Continental verbracht und dort eine fast märchenhafte Karriere hingelegt.
Sie kennt das Unternehmen von Grund auf, hatte im Laufe ihrer 27 Conti-Jahre Positionen in IT, Marketing, Vertrieb, Logistik, Revision und Einkauf inne. 2008 übernahm sie dann bei den Konzernfinanzen die Leitung des Bereichs „Systems & Standards“, ab 2013 leitete sie die weltweite Konzernrevision. Von 2018 an zeichnete sie als Finanzchefin der Tochter Contitech für Finanzen, Controlling und IT verantwortlich.
Katja Garcia Vila hatte seit Amtsantritt viele Baustellen
So rund Garcia Vilas Weg durch die große Konzernwelt von Continental bis dahin verlaufen war – der Schritt in die Vorstandsetage erfolgte abrupt: Auf den konzernweiten CFO-Posten rückte sie, nachdem der langjährige Conti-Finanzchef Wolfgang Schäfer im November 2021 über die Abgasaffäre gestürzt war. Plötzlich war sie verantwortlich für die Kapitalmarktkommunikation, was oft eine herausfordernde Aufgabe für intern aufgestiegene Managerinnen und Manager ist.
Mit dem Eintritt in den Vorstand kamen die Probleme. Garcia Vila musste in unruhigen Zeiten Strategie und Handeln vor Investoren rechtfertigen. Dabei habe sie nicht immer eine gute Figur gemacht, auch in ihrem Finanzressort habe sich während ihrer Amtszeit wenig getan, lautet die durchwachsene Bilanz von Unternehmenskennern.
Überhaupt ist Katja Garcia Vilas Amtszeit als Conti-CFO geprägt vom Steuern durch die Krise. In der Roadmap des Konzernvorstands heißt das schillernd „Ära der Neuausrichtung“, bedeutet im Wesentlichen jedoch, dass der Autozulieferer das Geschäft stabilisieren musste, die Kosten senkte, Stellen abbaute und die Effizienz steigerte, nachdem sich die Rentabilität weiter verschlechtert hatte. Zu beschleunigtem technologischem Wandel und rückläufiger Pkw-Produktion waren in der Autozuliefererbranche zuerst die Corona-Pandemie und dann auch noch Halbleiterknappheit, Inflation und Kostensteigerungen hinzugekommen.
Altlasten und Compliance-Fälle kosten Geld und Reputation
Auch Altlasten und Compliance-Fälle belasteten Garcia Vilas Amtszeit. Sie reichen von der Aufarbeitung des Abgasskandals über Mängel und Manipulationen bei Klimaleitungen und Industrieschläuchen von Contitech bis hin zu den aktuellen Problemen mit Bremsen.
Für viele der herausfordernden Themen konnte die CFO wenig. Direkt in Garcia Vilas Aufgabenbereich fiel jedoch der folgenschwere Cyberangriff auf Continental, bei dem über 40 Terabyte an Daten gestohlen und im Darknet angeboten worden waren. Zunächst war nur von einem abgewendeten Cyberangriff die Rede gewesen, der Schaden wurde erst sukzessive bei den folgenden Untersuchungen sichtbar.
Info
Die Conti-Aktie
Seit dem Allzeithoch 2018, als die Continental-Aktie bei über 200 Euro notierte, ging es steil bergab. Die Aktie büßte über die Jahre mehr als zwei Drittel ihres Werts ein. Den Negativtrend konnte auch Katja Garcia Vila nicht nachhaltig brechen. Im laufenden Jahr bewegt sich die Aktie in einer Spanne zwischen 61 und 78 Euro.
All das kostete und kostet Continental Reputation und Geld, sodass der Aufsichtsrat die Themen weiterhin genau im Auge behält. Die Probleme und der Vertrauensverlust waren so groß, dass 2023 sogar ein neues Vorstandsressort für Integrität und Recht geschaffen und mit dem Juristen und Automobil-Manager Olaf Schick besetzt wurde.
Dieser war zuvor bei Daimler und hat nicht nur Erfahrung in Compliance-Themen, sondern war an seiner alten Wirkungsstätte auch im M&A-Bereich und als CFO bei Auslandstöchtern aktiv. Sein Name fällt daher auch schon mal, wenn es um die Nachbesetzung des CFO-Postens geht. Conti selbst kommunizierte zuletzt nur, dass die Nachfolgesuche für Katja Garcia Vila laufe.
Continentals Sorgenkind Automotive
Den größten Restrukturierungsbedarf dürfte es in der kriselnden Automotive-Sparte geben. Dort ist Conti der Befreiungsschlag bis heute nicht gelungen. In dem Bereich sind unter anderem Brems- und Fahrwerksysteme, Anzeige- und Bedientechnologien sowie Lösungen für das assistierte Fahren gebündelt – also Bestands- und Zukunftsgeschäfte in einem. Kurz nach ihrer Ernennung zur CFO war Garcia Vila zwischenzeitlich auch noch die Verantwortung für Finance und Controlling der Sparte übertragen worden. Die Automotive-Einheit war damals gerade neu strukturiert worden, ist bis heute allerdings wenig profitabel.
Immer wieder gab es Gerüchte und Forderungen, die Automotive-Sparte abzuspalten – zuletzt im Herbst 2023. Ein Spin-off würde Continental erlauben, sich auf das hochprofitable Reifengeschäft zu konzentrieren, das 2023 bei einer bereinigten operativen Marge (Ebit-Marge) von 13,5 Prozent lag.
Die Automotive-Einheit dagegen schreibt seit Jahren Verluste. 2023 wies Conti für die Sparte zwar erstmals wieder ein Plus beim Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) aus, allerdings bereinigt um Abschreibungen auf immaterielle Vermögenswerte aus Kaufpreisallokation (PPA) und um Sondereffekte wie Restrukturierungskosten, die sich auf eine mittlere dreistellige Millionensumme addierten. Die selbst gesteckten Ziele verfehlte Continental dabei dennoch.
Conti mit schwachem Jahresstart
Auf Konzernebene hat Continental seine Finanzziele 2023 immerhin erreicht – trotz schwieriger Märkte und Zusatzkosten von rund 1,4 Milliarden Euro durch Inflation, Wechselkurseffekte und hohe Sonderfrachten. Der Umsatz stieg im abgelaufenen Geschäftsjahr auf 41,4 Milliarden Euro, das Ebit auf 2,5 Milliarden Euro. Der bereinigte Free Cashflow lag bei 1,3 Milliarden Euro, wozu jedoch nicht nur das bessere operative Ergebnis, sondern auch die Reduktion von Lagerbeständen und Forderungen beigetragen haben.
Versicherte CFO Katja Garcia Vila mit Blick auf die Ergebnisverbesserung kürzlich noch, dass die Basis für den künftigen Erfolg des Unternehmens gelegt sei, enttäuschten die Zahlen für das erste Quartal 2024. Wie der Dax-Konzern meldete, betrug der Umsatz 9,8 Milliarden Euro. Das waren rund 5 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Ebit-Marge lag bei nur 2 Prozent, statt bei den von Analysten erwarteten 3,7 Prozent.
Speziell die Automotive-Sparte steht weiter unter Druck: Die Ebit-Marge war mit 4,3 Prozent negativ, der Analystenkonsens hatte bei einer negativen Marge von 1,8 Prozent gelegen. Grund für die Umsatzabweichung seien das niedrigere Volumen vor allem in Europa sowie noch ausstehende Neuverhandlungen von Preisen in Kundenverträgen, schrieb Continental. An der Prognose für das Gesamtjahr hält der Autozulieferer indes weiter fest.
Wie viel Geduld haben die Investoren noch?
Unterm Strich hat Katja Garcia Vila bei ihrem Amtsantritt viele Baustellen vorgefunden – und hatte kaum Zeit, um in der neuen Rolle als Konzern-CFO im Management anzukommen, in der sie zuvor keine Erfahrung hatte. Hinzu kommt: Die fälligen Restrukturierungen dauern, und die Frage ist, wie lange die Investoren noch bereit sein werden, auf bessere Zeiten zu warten. Auch Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle drängte zuletzt auf schnellere Fortschritte.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Finanzchefin Garcia Vila konnte wenig positive Akzente setzen und hat die Investoren immer wieder enttäuscht, zuletzt mit den Quartalszahlen, die hinter den Erwartungen zurückblieben. Vertrauen in ihre Fähigkeiten scheint es bei Continental noch zu geben, da Garcia Vila ihre Aufgabe weiter ausführen soll, bis die Nachfolge geregelt ist.
Wo es die CFO auf Vorstandsebene hinzieht, ist nicht bekannt. Die Finanzexpertin wird sich erst einmal als Kontrolleurin probieren: Katja Garcia Vila ist beim Wissenschafts- und Technologiekonzern Merck neu in den Aufsichtsrat gewählt worden.
Lena Scherer ist Redakteurin bei FINANCE. Sie hat Publizistik, Anglistik und Komparatistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studiert und nebenbei für verschiedene Redaktionen gearbeitet. Bevor sie zu FINANCE kam, war sie mehr als acht Jahre lang beim Branchen-Fachdienst buchreport aktiv, zuletzt als Co-Chefredakteurin. Dort hat sie unter anderem Marktanalysen vorgenommen sowie die Bereiche Fachinformation, Recht/Wirtschaft/Steuern und Digitales betreut.
