Judith Hartmann: Kann die neue CFO die Bayer-Bilanz aufpäppeln?

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Judith Hartmann hat zum 1. Juni 2026 den Posten als Bayer-CFO von Wolfgang Nickl übernommen. Fotos: Bayer AG
Judith Hartmann hat zum 1. Juni 2026 den Posten als Bayer-CFO von Wolfgang Nickl übernommen. Fotos: Bayer AG

Judith Hartmann scheut sich nicht vor Herausforderungen: Anfang 2025 besteigt die Finanzmanagerin den 6.961 Meter hohen Aconcagua in den argentinischen Anden. Anschließend berichtet sie, ganz Storytelling-Profi, auf der Karriereplattform Linkedin vom beschwerlichen Aufstieg bei eisiger Kälte und fragt in die Runde: „Welches kühne, wegweisende Ziel wirst du dir setzen – und mit unerschütterlicher Überzeugung anstreben?“

Wie Judith Hartmann diese Frage beruflich für sich beantwortet, wird im Spätherbst bekannt, als Bayer sie als Nachfolgerin von CFO Wolfgang Nickl präsentiert. Seit März ist die 56-Jährige im Vorstand der Leverkusener tätig und tourt durch die Standorte, um den seit Jahren strauchelnden Dax-Konzern an der Basis kennenzulernen. Zum heutigen 1. Juni hat sie offiziell den CFO-Posten von Nickl übernommen, der in den Ruhestand geht.

Monsanto-Rechtsstreitigkeiten belasten Bayer-Bilanz

Für die Österreicherin ist der Agrarchemie- und Pharmariese die nächste große Aufgabe ihrer internationalen Karriere. Bayer hat 2025 erneut einen Milliardenverlust eingefahren, weil die Klagen in den USA um Monsanto und das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat die Bilanz mit Milliarden belasten. Auch 2026 ist diesbezüglich keine Entspannung in Sicht. In diesem Jahr werde die „Hauptlast der Rechtsstreitigkeiten“ zu tragen sein, hatte Vorstandschef Bill Anderson gewarnt.

Die Folge: Bayer wird seine Rückstellungen auf fast 12 Milliarden Euro erhöhen. Die Nettofinanzverschuldung wird bis Jahresende – bei allenfalls leicht steigenden Umsätzen – wieder auf bis zu 33 Milliarden Euro ansteigen, nachdem sie 2025 auf unter 30 Milliarden Euro gedrückt worden war. Die Dividende verharrt bei elf Cent.

Kurzfristig wird Hartmann daran wenig ändern können. Schon ihr Vorgänger Nickl, der beim Einstielen des verhängnisvollen Monsanto-Deals nicht involviert war, konnte kaum glänzen, weil er vielfach mit Aufräumen beschäftigt war. Bayer hatte sich den Zukauf inklusive übernommener Schulden rund 63 Milliarden US-Dollar kosten lassen – damals die größte M&A-Transaktion eines deutschen Unternehmens im Ausland.

2026 wird nun richtungsweisend: Ein Sammelvergleich über 7,25 Milliarden US-Dollar sowie eine Grundsatzentscheidung des Supreme Court zu Glyphosat könnten den Großteil der Rechtsrisiken beseitigen. Damit bekäme Hartmann im Laufe ihrer Amtszeit mehr Spielraum und die Chance, die belasteten Bayer-Finanzen aufzupäppeln.

Hartmann bringt Finanzexpertise und operative Erfahrung mit

Daneben ist in Leverkusen auch ihre Organisationserfahrung gefragt: CEO Anderson hat seit seinem Amtsantritt 2023 mehrere Managementebenen aus dem Organigramm gestrichen, um schneller zu werden und jährlich 2 Milliarden Euro an Kosten einzusparen – ein ebenso radikaler wie riskanter Umbau. Hartmann soll den eingeschlagenen Weg mit fortführen. Bayer-Aufsichtsratschef Norbert Winkeljohann hob bei ihrer Bestellung nicht umsonst ihre „strategische Weitsicht und operative Umsetzungsstärke“ sowie ihre Transformationserfahrung hervor.

Der künftigen CFO hilft, dass sie weiß, wie Großkonzerne ticken und was es bedeutet, Geschäfte neu auszurichten. Beim Energiekonzern Engie, wo Hartmann von 2015 bis 2023 tätig war, war sie nicht nur CFO und stellvertretende CEO, sondern leitete auch das operative Geschäft in Nordamerika, Großbritannien und Irland.

Davor hatte sie 2013 als Bertelsmann-CFO den milliardenschweren Börsengang der Tochter RTL begleitet. Ein Leistungsnachweis, der auch im Bayer-Umfeld interessiert wahrgenommen werden dürfte. Denn bringt die verschlankte Organisation nicht die versprochene Durchschlagskraft, könnten die Forderungen nach einer Aufspaltung von Bayer schnell wieder lauter werden.

Lena Scherer ist Redakteurin bei FINANCE. Sie hat Publizistik, Anglistik und Komparatistik an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz studiert und nebenbei für verschiedene Redaktionen gearbeitet. Bevor sie zu FINANCE kam, war sie mehr als acht Jahre lang beim Branchen-Fachdienst buchreport aktiv, zuletzt als Co-Chefredakteurin. Dort hat sie unter anderem Marktanalysen vorgenommen sowie die Bereiche Fachinformation, Recht/Wirtschaft/Steuern und Digitales betreut.