Wird es Clere gelingen, passende Zukaufsziele im Bereich erneuerbare Energie zu finden?

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27.10.16
CFO

Anleger trauen der neuen Balda nicht

Balda heißt jetzt Clere. Unter dem neuen Namen will der ehemalige Kunststoffhersteller in erneuerbare Energien investieren. Doch bislang fehlt es an Zukäufen – und an interessierten Anlegern.

Um das operative Geschäft des Kunststoffproduzenten Balda gab es eine M&A-Schlacht, die immer wieder durch eine neue, bizarre Wendung überraschte. Nachdem sich die italienische Stevanato-Gruppe im Februar schließlich durchsetzte, blieb nur noch die Hülle des Unternehmens übrig – und über 200 Millionen Euro. Unter dem Namen Clere wolle man sich künftig auf Investments in erneuerbare Energien konzentrieren, kündigte das Management damals an.

Jetzt ist der Name geändert, und Ankeraktionär Thomas van Aubel hat die ersten Schritte getan in der Umformung Cleres zu einer Finanzholding, die in Ökostrom-Anlagen und Cleantech-Unternehmen investiert. Allerdings haben die Clere-Vorstände Oliver Oechsle und Thomas Krupke offenbar Mühe, Zukaufsziele zu finden. 

Gerüchte um Clere und PNE Wind sind wohl nur heiße Luft

Investiert haben sie bislang lediglich 20 Millionen Euro. Selbst nach Auszahlung einer großzügigen Dividende hat Clere aber immer noch geschätzte 157,5 Millionen Euro Bargeld vorliegen, 95 Millionen davon aus dem Verkauf des Kunststoffgeschäfts. Hinzu kommt, dass die investierten Millionen nicht etwa in einem diversifizierten Portfolio aus Ökostrom-Anlagen stecken,  sondern in Inhaberschuldverschreibungen auf Solarparks. Die Zinsen auf diese Papiere dürften geeignet sein, einige Prozent pro Jahr abzuwerfen, mehr nicht. „Obwohl das Management eine kleine Investition im Bereich erneuerbare Energien getätigt hat, wird ein Effekt auf Cleres GuV nicht erwartet“, kommentiert Warburg-Analyst Harald Hof trocken.

In Medienberichten wurde Clere jetzt als möglicher Bieter auf das Windpark-Portfolio von PNE Wind ins Spiel gebracht – einer der größten Deals im Cleantech-Sektor, der sich gerade anbahnt.  Wenn Clere tatsächlich ein Angebot machen und zum Zuge kommen würde, wäre die Gesellschaft selbst bei der Aufnahme stattlicher Kredite auf einen Schlag ausinvestiert, denn die Anlagen von PNE Wind werden auf einen Wert von 300 bis 350 Millionen Euro geschätzt. Allerdings äußern Brancheninsider gegenüber FINANCE erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt der Spekulationen. Clere sowie Ankeraktionär Thomas van Aubel waren für einen Kommentar zu dem Gerücht wie zu allen anderen offenen Fragen nicht zu erreichen.

Clere handelt mit 25 Prozent Abschlag zum Buchwert

Die Tatsache, dass Clere noch keine rechte Verwendung für das geparkte Geld gefunden hat, könnte der Grund dafür sein, dass sich die Aktie so schlecht schlägt. Rund 112 Millionen Euro ist Clere an der Börse wert.

Dem gegenüber steht ein tatsächlich im Unternehmen enthaltenes Eigenkapital von knapp 144 Millionen Euro (zum Bargeld kommen andere Werte von knapp 40 Millionen Euro, abzüglich von Schulden über knapp 72 Millionen Euro, wie aus einem Bericht des Recherchehauses First Berlin hervorgeht). Das heißt unterm Strich: Clere ist an der Börse rund ein Viertel weniger Wert als das Geld, das der Investor netto auf Lager hat.

Die Vergangenheit von Thomas van Aubel und Thomas Krupke

Ein weiterer Grund für das Misstrauen der Kapitalmärkte könnte die Vergangenheit von zwei Protagonisten der Clere AG sein. Denn sowohl Vorstand Thomas Krupke als auch Ankeraktionär Thomas van Aubel haben Ökostrom-Firmen angeführt oder beaufsichtigt, bei denen Anleger viel Geld verloren. Krupke war von 2006 bis 2010 CEO von Solon. Er übernahm die Führung der Berliner Firma auf dem Höhepunkt des Solar-Booms, angefeuert durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz. Doch die Konkurrenz aus China trieb Solon 2009 in den Absturz, der 2012 in der Insolvenz endete.

Auch Thomas van Aubel, der über sein Vehikel Elector 32,5 Prozent der Clere-Anteile hält und die Umfirmierung zum Investor maßgeblich vorantrieb, hat Erneuerbaren-Anlegern durchwachsene Erfahrungen beschert. Aubel hatte den Bitterfelder Solarzellenhersteller Q-Cells mitgegründet und stand dessen Aufsichtsrat bis 2009 vor. 2012 ging das ehemals größte deutsche Unternehmen seiner Branche in die Insolvenz.

Am 9. November ist die Hauptversammlung der Clere AG. Dort sollen die Aktionäre die Umbenennung und Umfirmierung absegnen. Auch auf dem Programm steht die Verlegung der Firmenzentrale von Bad Oeynhausen nach Berlin. Man könnte meinen, dass Clere zur Zeit dringlichere Probleme als den Sitz seiner Verwaltung hat.

florian.bamberg[at]finance-magazin.de