Der Brexit geht nahezu spurlos am deutschen M&A-Markt vorüber. Ob sich dieser Trend auch noch nach dem EU-Austritt Großbritanniens behaupten kann, bleibt offen.

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21.06.18
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Brexit lässt deutschen M&A-Markt kalt

Vor fast genau zwei Jahren haben die Briten für den Ausstieg aus der EU gestimmt und damit viele deutsche Unternehmen, die M&A-Aktivitäten in Großbritannien planten, kalt erwischt. Doch jetzt ist die Kauflust deutscher Firmen wieder erwacht.

Als die Briten am 23. Juni 2016 für einen Ausstieg aus der EU stimmten, waren sich die Experten uneins über die Konsequenzen des Brexit-Votums auf die M&A-Aktivitäten deutscher Unternehmen. „Kurz nach der Brexit-Entscheidung gab es eine Phase, in der deutsche Unternehmen ihre M&A-Aktivitäten unterbrachen und auf den Prüfstand stellten“, erinnert sich Michael Sörgel, Partner bei der Wirtschaftssozietät Heuking Kühn Lüer Wojtek.

Doch zwei Jahre nach der Entscheidung der Briten zeigt sich, dass die anfängliche Verunsicherung offenbar unbegründet war. Einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft EY zufolge haben deutsche Unternehmen 2017 ihre Investitionen in Großbritannien wieder gesteigert. „Die Auswirkungen des Brexit sind bis dato nicht so groß wie erwartet“, bestätigt M&A-Anwalt Sörgel die Studienergebnisse. Ein Großteil der Unternehmen habe seine laufenden M&A-Aktivitäten analysiert und sie in den meisten Fällen auch fortgesetzt. „Die Unternehmen sind zur Normalität zurückgekehrt.“

„Die Auswirkungen des Brexit sind bis dato nicht so groß wie erwartet.“

Michael Sörgel, Partner bei Heuking Kühn Lüer Wojtek

Due Diligence ist besonders wichtig

Trotz der Brexit-Entscheidung zählt Großbritannien der EY-Studie zufolge immer noch zu den Top-Investitionsstandorten in Europa. Die Zahl der Investitionsprojekte stieg 2017 im Vergleich zum Vorjahr um 6 Prozent auf 1.205 an. Dabei zählen deutsche Firmen zu den aktivsten Investoren. Sie realisierten im vergangenen Jahr insgesamt 101 Investitionsprojekte auf der Insel – ein Plus von 10 Prozent im Vergleich zu 2016. Damit war Großbritannien das zweitwichtigste Zielland für M&A-Aktivitäten deutscher Unternehmen. Nur in Frankreich investierten deutsche Firmen häufiger.

Aktuell sieht Michael Sörgel in vielen Fällen gute Investitionsmöglichkeiten für deutsche Unternehmen in Großbritannien. „Unternehmen, die ohnehin über einen strategischen Zukauf in Großbritannien nachdenken, haben jetzt gute Chancen, da die noch unsicheren Auswirkungen des Brexits in Kaufpreisverhandlungen stärker mit eingepreist werden können“, erklärt der Experte. Somit hätten Interessenten vielfältig gute Möglichkeiten, entgegen des aktuellen Markttrends, vergleichsweise günstig bewertete Übernahmeziele zu finden. Auch die Schwäche des britischen Pfunds hilft deutschen M&A-Strategen.

Leichter Rückgang der M&A-Deals in 2018

Doch der Ausblick ist nicht ungetrübt, denn je länger das Wählervotum zurückliegt, desto näher rückt der Tag X, an dem die Briten die EU tatsächlich verlassen werden – unter bis heute völlig ungeklärten Rahmenbedingungen. Für den weiteren Jahresverlauf rechnet M&A-Anwalt Sörgel daher mit einem leichten Rückgang der Transaktionszahlen. Je näher der endgültige Austritt der Briten aus der EU am 29. März 2019 rückt, desto vorsichtiger würden auch die deutschen Investoren werden. Immerhin hat die britische Premierministerin Theresa May angekündigt, im Juli endlich einen konkreten Plan vorzustellen, wie sich London die Einzelheiten des Brexits vorstellt.

Auch die weitere Richtung des europäisch-britischen M&A-Geschäfts hängt davon ab, ob es einen sogenannten harten oder weichen Brexit geben wird. Für die Wertentwicklung der jetzt übernommenen britischen Unternehmen ist das entscheidend. Aufgrund der wieder zunehmenden Unsicherheit raten Experten ihren Klienten, sich mit geplanten Transaktionen in Großbritannien unter Umständen vorerst zurückzuhalten.

andreas.mehring[at]finance-magazin.de

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