05.06.12
Finanzabteilung

IASB-Chef Hoogervorst fordert besser kapitalisierte Banken

Mit dem neuen Expected-Loss-Modell des IFRS 9 werden Verluste zukünftig früher realisiert. IASB-Chef Hans Hoogervorst warnt, dass Banken weiterhin nicht ausreichend kapitalisiert seien, um diese Verluste gegebenenfalls aufzufangen. Die Bankenaufsicht solle sich hierauf vorbereiten.

Nach der Finanzmarktkrise war der internationale Standardsetzer IASB in die Defensive geraten, Politiker sahen in den IFRS eine Krisenursache oder zumindest einen Brandbeschleuniger. Wer den IASB-Chef Hans Hoogervorst derzeit reden hört, weiß: Diese Zeiten sind vorbei. Zahlreiche Studien hätten inzwischen belegt, dass das Fair-Value-Accounting keine Ursache der Krise war, so Hoogervorst auf eine EZB-Konferenz in Frankfurt. Bankbilanzen seien nun einmal hochriskant, daran könnten Bilanzierungsregeln nichts ändern. Und es würde ihn doch misstrauisch machen, dass das IASB aufgefordert würde, einen „Schleier der Stabilität“ über Instrumente zu legen, die inhärent volatil seien.

Im nächsten Schritt spielte Hoogervorst den Ball zurück zu den Regulatoren und zur Finanzmarktaufsicht. Er warnte, dass der mit dem neuen Standard IFRS 9 einhergehende Wechsel des Abschreibungsmodells bei Finanzinstituten vom Incured- zum Expected-Loss-Modell zwar zu mehr Transparenz nicht aber zu weniger Volatilität führen würde. Dies war nicht zuletzt von der EZB in Bezug auf das Fair-Value-Accounting gefordert worden.

Große Risiken in Bankbilanzen

Hoogervorst warf gleichzeitig die Frage auf, ob Banken nach den derzeitigen Vorschriften ausreichend kapitalisiert seien, um die sich ergebenden Verluste gegebenenfalls aufzufangen. Es sei offensichtlich, so Hoogervorst, dass das Expected-Loss-Modell nur dann konsequent angewendet werden könne, wenn dies der Fall sei. „Es wird noch darüber diskutiert werden müssen, ob die jüngsten Basel-Reformen in dieser Hinsicht weit genug gehen“, so Hoogervorst. „Nach Basel III dürfen Banken weiterhin ein Leverage Ratio von 33 haben. Ich bin kein Regulator, aber ich frage mich doch, ob eine Bank mit einem Leverage Ratio von nur 20 eine spanische oder irische Krise bewältigen können.“ Hoogervorst kritisierte weiter, dass staatliche Schulden unter Basel III nach wie vor mit gar keinem oder sehr geringen Risiko in die Risikobewertung einfließen würden. Dies würde Banken dazu verleiten, sich weiterhin stark im Bereich der Staatenfinanzierung zu engagieren. Mit dem Expected-Loss-Modell würden diese Risiken in der Bilanz sehr viel schneller sichtbar werden. „Das ist zwar eine gute Sache, die Bankaufsichtsbehörden sollten sich allerdings hierauf vorbereiten“, so Hoogervorst. Zu weniger Volatilität würden die neuen Regeln jedenfalls nicht führen.

Tatsächlich hat die Vergangenheit gezeigt, dass nicht die IFRS, sondern deren mangelnde Anwendung das zentrale Problem sind. Selbst nach dem alten Incured-Loss-Modell hätten Banken in Bezug auf griechische Staatsanleihen eigentlich früher und mehr Abschreibungen vornehmen müssen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass es zwar internationale Standards gibt, die Umsetzung lokal aber stark divergiert und zum Teil politische Interessen einer konsequenten Anwendung gegenüberstehen.

katharina.schlueter(*)finance-magazin(.)de