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ICV-Controllerpreis 2015 geht an RWE

Von links nach rechts: Siegfried Gänßlen, Michael G. Müller, Diana Rauhut, Julian Gaul, Peter Scherpereel, Jürgen Weber
ICV

Wie können Controller Fehlentscheidungen des Managements vermeiden? Mit dieser Frage hat sich das Investitionscontrolling des Energieversorgers RWE beschäftigt und mit seinem Lösungsansatz den diesjährigen Controllerpreis des Internationalen Controller Vereins (ICV) abgeräumt. Das Besondere: Das Team um Peter Scherpereel, Leiter Controlling Generation & Trading, hat sich nicht mit quantitativen Methoden im Controlling beschäftigt, sondern ist auf psychologische Faktoren eingegangen.

Kern des Projekts war die Frage, welche Rolle sogenannte „Cognitive Biases“ bei Entscheidungen spielen. Cognitive Biases kann man als „gedankliche Vereinfachungen“ übersetzen, eine Art Denkschema, das menschliche Entscheidungsvorgänge steuert. Diese spielen sie nicht nur bei Unternehmensentscheidungen eine Rolle, sondern finden sich nahezu überall im Alltag wieder, erklärte Scherpereel bei der Verleihung des Preises. „Biases spielen sich meistens unbewusst ab und helfen uns, schnelle Entscheidungen zu treffen“, sagt er. Sie betreffen alle Menschen und können selbst beim Wissen um diese nur schwer abgestellt werden. Sie seien auch nicht etwas grundsätzlich Negatives, aber „es ist hilfreich, sich der Biases bewusst zu sein“, betont der Controller.

Fehlentscheidungen bei RWE als Anstoß

Bei Investitionsentscheidungen im Unternehmen können diese gedanklichen Vereinfachungen beispielsweise fatale Folgen haben. Das war auch der Anstoß, der bei RWE schlussendlich zum Projekt führte: Der Energieversorger hatte in den vergangenen Jahren ein paar Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein als unwirtschaftlich herausgestellt hatten – obwohl die quantitativen Daten, die zur Entscheidungsfindung vorgelegt wurden, sinnvoll schienen. Der Grund für die Fehlentscheidungen musste also – neben unbeeinflussbaren äußeren Ereignissen – woanders liegen, vermuteten die Controller.

In Interviews mit den Beschäftigten hat das Projektteam so im Laufe des vergangenen Jahres mögliche problematische Denkmuster, die die Entscheidungen beeinflusst haben könnten, ausfindig gemacht und analysiert. Eine von vielen typischen unterbewussten Biases ist zum Beispiel die „Ankerheuristik“: Informationen, die man zuerst erhält, dienen als Referenzpunkt zu allen späteren Informationen. Daher kann es sinnvoll sein, abzuwägen, in welcher Reihenfolge welche Informationen dem Management präsentiert werden – zum Beispiel, wenn es um die Bewertung von Kaufpreisangeboten geht. Auch typisch: Eine durch frühere Erfolge begründete Selbstüberschätzung, die nicht bewusst wahrgenommen wird, aber zu falschen Entscheidungen führen kann.

Verhaltensorientiertes Controlling wenig etabliert

Dabei war Peter Scherpereel zu Beginn des Projekts selbst noch etwas skeptisch, ob die Untersuchung der Biases wirklich die Lösung des Problems ist. „Controlling war für mich bisher das Arbeiten mit konkreten und messbaren Kennziffern, psychologische Faktoren hatten da bislang weniger eine Rolle gespielt“, erinnert er sich zurück.

Genau das sei auch der Grund, warum sich das sogenannte Verhaltensorientierte Controlling bislang in der Praxis  nicht so recht etabliert hat, sagt Jürgen Weber, Direktor des Instituts für Management und Controlling an der WHU – Otto-Beisheim-School of Management, bei der Vorstellung der Gewinner. „Controlling steht für Zahlen, Rechnungen, Analytik. ‚Weiche‘ Faktoren, die aus dem psychologischen Bereich kommen, passen für die meisten Controller da nicht so recht rein“.

Hinzu kommt, dass viele Controller aus Angst vor Unprofessionalität sich nicht auf dieses unbekannte Terrain begeben wollen. Dabei ist es auch Aufgabe des Controllers, die Entscheidungsunterstützung des Managers zu gewährleisten und ihn mit allen dafür relevanten Informationen zu versorgen. Neben Kennziffern können aber auch psychologische Aspekte Entscheidungen beeinflussen – und dessen sollten sich Manager und Controller bewusst sein. 

Advocatus Diaboli soll bei Entscheidungen helfen

Doch das Problembewusstsein ist nur ein erster Schritt. Im zweiten Schritt hat RWE konkrete Gegenmaßnahmen implementiert. So hat der Energieversorger gemeinsam in Workshops mit Managern Schritte erarbeitet, um den Biases zu begegnen. Beispielsweise wurde der „Advocatus Diaboli“ eingeführt, der bewusst Schwächen in den Entscheidungsprozessen suchen soll. Steht eine Entscheidung an, muss somit eine vorher ausgewählte Person klar gegen das Projekt argumentieren, damit mögliche Risiken bei einer Entscheidung nicht übersehen werden.

Eine andere Maßnahme nennt sich „Pre-Mortem-Analyse“. Dabei versetzt man sich gedanklich in die Zukunft und stellt sich  vor, das Projekt sei bereits gescheitert. Quasi im Rückblick sollen nun die Gründe für das Scheitern genannt werden – das führt dazu, dass die Mitarbeiter stärker mögliche Scheitergründe vor Augen geführt bekommen und auf Basis dessen urteilen, ob eine Entscheidung für ein Projekt wirklich richtig ist.

Problem: Die Messbarkeit fehlt

Natürlich kann das RWE-Projekt schlechte Entscheidungen nicht völlig verhindern, weiß auch Scherpereel. „Doch die Wahrscheinlichkeit einer Fehlentscheidung wird sicherlich reduziert“, ist er überzeugt. Ein Problem bleibt aber weiterhin: Ob das Projekt wirklich dazu führt, dass bessere Entscheidungen getroffen werden, ist kaum messbar. Selbst wenn die Anzahl der Fehlentscheidungen in den kommenden Jahren sinken sollte, ist es nicht möglich, diese Entwicklung klar auf das Projekt zurückzuführen.

Scherpereel ist dennoch zuversichtlich, denn eine Veränderung sei für ihn schon jetzt spürbar. „Hinzu kommt: Wir haben jetzt ein neues Vokabular im Unternehmen eingeführt, dass es möglich macht, kritische Themen offen anzusprechen“, sagt er. Für viele Unternehmen sollte das ein Vorbild sein, fand auch die Jury.

julia.becker[at]finance-magazin.de

Info

Der Controllingpreis wird jedes Jahr vom Internationalen Controller Verein vergeben und ist mit 5.000 Euro dotiert. In diesem Jahr wurde der Preis bereits zum 13. Mal vergeben. Zu den Siegern der vergangenen Jahre gehören beispielsweise Elitepartner oder die Lufthansa.