Angesichts des sehr volatilen Umfeldes werden externe Geldgeber immer risikoaverser und stellen immer höhere Anforderungen an die Covenants. Deshalb wundert es nicht, dass Unternehmen ihre Prozesse anpassen, um ihre aktuellen und zukünftigen Liquiditätsströme so transparent wie möglich zu halten. Zur Prognose der zukünftigen Liquidität wenden viele Firmen zwei Verfahren parallel an: Sowohl die Liquiditätsplanung wie auch die progressive Kapitalflussrechnung ermöglichen eine Prognose der Liquiditäts- und Cash-Flow-Entwicklung des Unternehmens – eine der wesentlichen Kennzahlen für das Management und die externen Stakeholder. Da jedes der beiden Verfahren seine eigenen charakteristischen Eigenschaften hat, können sie zu unterschiedlichen oder sogar zu widersprüchlichen Ergebnissen führen. Ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal ist, dass die Liquiditätsplanung sagt „was sein wird“, die progressive Kapitalflussrechnung „was sein soll“. Um der Unternehmensleitung eine belastbare Entscheidungsgrundlage bereitzustellen, bedarf es eines konsistenten und stimmigen Berichtswesens über die erwarteten Liquiditätsströme. Sollte es zu Abweichungen zwischen beiden Planrechnungen kommen, muss der Leiter Finanzen oder der Treasurer diese der Geschäftsleitung erklären können.
Erstes Modell: (direkte) Liquiditätsplanung
Bei der Liquiditätsplanung steht die jederzeitige Solvenz des Unternehmens im Vordergrund. Die kaufmännische Prognose von Höhe sowie Eintrittszeitpunkt tatsächlicher Cash Flows ist von größter Bedeutung. Sämtliche Parameter des Modells – wie Planungshorizont und -frequenz, Detaillierungsgrad oder Währungen, um nur einige zu nennen – hängen von der Branche und dem Geschäftsmodell des Unternehmens ab. Das bestimmt, inwieweit der Treasurer bei der Planung automatisch Daten aus Vorsystemen verwenden kann oder ob er über einen manuellen Planungsansatz die erforderlichen genaueren Ergebnisse holen muss.
Parallel zur Liquiditätsplanung ist eine entsprechende Ist-Rechnung der Mittelzu- und -abflüsse notwendig. Mit Hilfe von zeitnah verfügbaren, sachlich kongruenten Ist-Werten kann der Treasurer aussagekräftige Plan-/ Ist-Vergleiche erstellen und die Liquiditätsplanung als Frühwarnindikator für Liquiditätsengpässe oder auch als Steuerungsinstrumentarium für die mittel- und langfristige Kapitalanlage und -aufnahme verwenden. Wichtig ist hierbei zu beachten, dass Kontoauszüge nur einen begrenzten Detaillierungsgrad erlauben. Falls dies nicht ausreicht, ist eine automatische Belegverfolgung im Buchhaltungssystem das Mittel der Wahl, um den gewünschten Detaillierungsgrad zu erreichen.
Zweites Modell: progressive Kapitalflussrechnung
Parallel dazu wird in vielen Unternehmen ein weiteres Verfahren herangezogen, um die gleiche Kenngröße zu ermitteln: Auf Basis der Unternehmensplanung lässt sich der erwartete Cashflow aus der Plan-Bilanz und Plan-GuV per Berichtsstichtag als sogenannte progressive Kapitalflussrechnung (indirekte Liquiditätsplanung) ableiten. Dieses Verfahren bildet erfolgsnahe Größen wie die des Free Cash Flow ab und basiert auf buchhalterisch-abgeleiteten Aufwänden und Erträgen. Damit will das Unternehmen die Auswirkungen aktueller strategischer Unternehmensentscheidungen auf den zukünftigen Cash Flow transparent machen. Hierbei muss es beispielsweise bilanzielle Maßnahmen wie die Neubewertung von Vermögensgegenständen eliminieren, um die Liquiditätsentwicklung abzuleiten. Aufgrund der häufig geringen Planungsfrequenz ist die Kapitalflussrechnung jedoch ein, im Vergleich zur direkten Liquiditätsplanung, eher statisches Werkzeug, das nur begrenzte Möglichkeiten zur Analyse bietet.
Kombination der beiden Modelle
Wenn ein Unternehmen beide Verfahren anwendet, trifft letztlich das Konzept des Cash Accounting auf das Konzept des Accrual Accounting. Signifikante Abweichungen der Planungsergebnisse beider Verfahren sind relativ wahrscheinlich. Wenn diese Abweichungen auftreten, sollte das Unternehmen zunächst die eingesetzten Methoden validieren. Denn neben der Frage nach den Datenquellen ist auch der Zeithorizont sowie die Definition von „Cash“ oftmals nicht identisch. Sind die möglichen methodischen Differenzen in den Planrechnungen eliminiert, kann der Treasurer mit Hilfe einer sogenannten Überleitungsrechnung beide Rechenwerke miteinander vergleichen und abstimmen. Auf diesem Wege lassen sich die Ursachen für Plan-Ist-Abweichungen leichter identifizieren und konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. So kann zum Beispiel die regelmäßig aktualisierte Liquiditätsplanung einen Hinweis darauf liefern, dass im Rahmen der Unternehmensplanung unterstellte Annahmen nicht mehr uneingeschränkt gültig sind und die Zielerreichung möglicherweise gefährdet ist. Das Management kann dadurch noch früher reagieren.
In der Praxis zeigt sich, dass Unternehmen die Liquiditätsplanung viel häufiger als die progressive Kapitalflussrechnung als Frühwarnindikator im Hinblick auf die Unternehmensentwicklung heranziehen. Durch stetige Qualitätskontrolle und Rückkopplung mit Hilfe einer Überleitungsrechnung kann das Management aber durch Kombination der beiden Modelle erwartete Zielabweichungen früher erkennen und Maßnahmen ergreifen. Langfristig sollten Unternehmen daher überlegen, durch eine integrierte Nutzung der beiden Methoden die Vorteile beider Ansätze zu bündeln: Abstimmung und gegenseitige Rückkopplung verbessern dabei nicht nur die Planungsgenauigkeit beider Verfahren, sondern gewährleisten auch ein konsistentes internes (und gegebenenfalls externes) Reporting, das wiederum als Steuerungsinstrument herangezogen werden kann.
Info
Autoren:
Dr. Andreas Liedtke ist Senior Manager, Roman Zeiß ist Manager im Bereich Finanz- und Treasury Management bei der KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft.