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Deutsche Ineffizienz? – Konzernabschluss dauert (zu) lange

Deutsche Unternehmen brauchen im Durchschnitt 74 Tage für den Konzernabschluss.
iStock / Thinkstock / Getty Images

Ist es deutsche Gründlichkeit oder Ineffizienz? Unternehmen in Deutschland belegen die hintersten Plätze beim Zeitpunkt der Veröffentlichung der Jahresabschlusszahlen und des Testats. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Close Cycle Ranking“ des Beratungshauses IFB Group und des europäischen Beratungsnetzwerks BPM International. So brauchen im DAX, MDAX, TecDAX und SDAX notierte Unternehmen im Durchschnitt rekordverdächtige 74 Tage um ihre Abschlusszahlen zu veröffentlichen. Während der Durchschnitt bei DAX-Konzernen 59 Tage beträgt, sind es bei MDAX 77 und bei TecDAX Unternehmen mehr 76 Tage. Zum Vergleich: US-amerikanische Unternehmen brauchen mit nur 30 Tagen im Schnitt weniger als die Hälfte. Beim Testat läuft es nur geringfügig besser: rund 65 Tagen brauchen Unternehmen hierzulande um ihr Testat zu erhalten. NYSE-Unternehmen waren auch hier mit 15 Tagen deutlich schneller. Erstaunlich: Gilt die Dauer von Konzernabschluss und Testat doch als klarer Indikator für die Qualität der betriebsinternen Abläufe. „Bei den Konzernabschlüssen gibt es eine Zweiklassengesellschaft. Während die US-Amerikaner bei den Abschlusszeiten ganz vorne sind, spielen die deutschen Unternehmen in einer anderen Liga“, kommentierte IFB-Berater Jan Noeske gegenüber FINANCE die Ergebnisse.

Konzernabschluss: Hawesko brauchte am längsten

Dabei gibt es gravierende Unterschiede zwischen den Unternehmen. Sind DAX-Konzerne mit ihren reichen Ressourcen im Accounting-Team noch am schnellsten, benötigen personell deutlich schlanker aufgestellte mittelständische Unternehmen im Schnitt 20 Tage länger und kommen so auf 81 Tage. Als Spitzenreiter unter den DAX-Konzernen gilt der Softwarehersteller SAP, der nur 23 Tage brauchte um seine Zahlen zu veröffentlichen. Doch auch mittelständische Unternehmen schaffen es mit Großkonzernen gleichzuziehen: Der im Small-Cap notierte Internet-Reifenhändler Delticom veröffentlichte den Konzernabschluss ebenfalls 23 Tage nach Ablauf des Geschäftsjahres 2012.

Vielen CFOs liegt die schnellere Berichterstattung immerhin am Herzen. So kündigten etwa Gerry Weber-CFO David Frink und Bilfinger-CFO gegenüber FINANCE an, schneller berichten zu wollen. Eines der Schlusslichter im SDax, die Catoil AG führt gegenüber die komplexen Abläufe in Kasachstan und Russland als Grund für die behäbigen Abläufe. Dies werde sich auch nicht ändern, teilte der Konzern gegenüber FINANCE mit – Problembewusstsein klingt anders. Manche Unternehmen veröffentlichen zumindest ihre Eckdaten wie Umsatz, Ergebnis, etc. sehr schnell, warten hingegen mit dem Jahresabschluss die heiße Phase der Berichtssaison ab, um sich eine höhere mediale Aufmerksamkeit zu sichern. So argumentiert etwa der Autovermieter Sixt, der 110 Tage benötigte, gegenüber FINANCE.

Dass der Corporate Governance Kodex zwar Stoff für Sonntagsreden liefert, aber in der Praxis keine Geltung hat, zeigt die Studie ebenfalls auf: So sollen laut Kodex Unternehmen ihre Abschlüsse binnen 90 Tagen veröffentlichen. Fünf SDAX-Unternehmen brauchten jedoch deutlich länger. Die rote Laterne trägt der deutsche Weinhändler Hawesko, der sage und schreibe 127 Tage, also deutlich über vier Monate, für die Veröffentlichung benötigte. Dass komplexe Unternehmensstrukturen verantwortlich für den zeitlichen Verzug sind lässt Noeske nicht gelten: „In der Regel sind DAX-Konzerne trotz ihrer Größe schneller bei den Jahresabschlüssen als Mittelständler.“   

Schnell, ungenau: Nur 10 Prozent der US-Abschlüsse sind testiert

Der Studie zufolge sind die Unterschiede in den Abschlusszeiten zwischen deutschen und amerikanischen Unternehmen auf unterschiedliche Unternehmenskulturen zurückzuführen: Während deutsche Unternehmen nur ungern untestierte Zahlen veröffentlichen und erst die Prüfung abwarten, sind ihre amerikanischen Konkurrenten gerne schnell, dafür aber deutlich weniger zimperlich: nur 10 Prozent aller Konzernberichte sind testiert. In Deutschland warten dagegen 88 Prozent aller Unternehmen auf ihr Testat bevor sie ihre Konzernabschlüsse der Öffentlichkeit mitteilen.

Noeske hält eine Mentalitätsänderung bei deutschen und österreichischen Unternehmen für unwahrscheinlich: „In Deutschland wird sich kurzfristig nichts ändern. Die Unternehmenskulturen zwischen deutschen und US-Unternehmen sind einfach zu unterschiedlich: US-Unternehmen stellen den Shareholder bzw. Investor in den Fokus und veröffentlichen daher auch untestierte Jahreszahlen.“ Bei deutschen Unternehmen hingegen herrsche eine Grundvorsicht vor – das Prinzip des „guten Kaufmanns“ – „so dass nur durch den Wirtschaftsprüfer bestätigte Zahlen veröffentlicht werden“. Die Jahreszahlen müssten erst durch alle internen Gremien gehen, den Konzernausschuss, Aufsichtsrat und Vorstand bevor etwas veröffentlicht werden könne.

timur.cetin[at]finance-magazin.de

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