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CFOs massiv von Finanztransaktionssteuer betroffen

Mutieren Chemiekonzerne wie Bayer demnächst im Auge des Gesetzgebers zu Finanzinstituten? Die Konsequenzen könnten verheerend sein.
Thinkstock / Getty Images

Das Unternehmen Bayer steht für Pharma, Kosmetik und Chemie – trotzdem könnte sie in den Augen der Politik demnächst zu einem Finanzinstitut mutieren. Der Grund: Während die Töchter mit dem Verkauf von Tabletten und Chemikalien Umsätze generieren, finanziert und sichert das Konzern-Treasury auf Holdingebene – einer eigenständigen rechtlichen Einheit – das operative Geschäft ab. Weil dort mehr als die Hälfte der Nettojahresumsätze aus Finanztätigkeiten stammen, wird diese Einheit zu einem Finanzinstitut – so sieht es der Gesetzentwurf der EU-Kommission zur Finanztransaktionssteuer vor. Bayer müsste künftig direkt die Finanztransaktionssteuer von 0,1 Prozent auf Aktien, Anleihen und Commercial Paper sowie 0,01 Prozent auf Derivate für Währungs- oder Zinsabsicherungen an den Fiskus abführen.

„Unter der jetzigen Definition gehe ich davon aus, dass wir als Finanzinstitut klassifiziert werden“, sagt Christian Held, Leiter Corporate Treasury von Bayer. Inoffiziellen Schätzungen zufolge sind alle im DAX vertretenen Unternehmen von dieser Problematik betroffen. Denn nahezu alle Großkonzerne haben ihre Treasury-Abteilungen in den vergangenen Jahren auf Holdingebene zentralisiert und in eine rechtlich eigenständige Gesellschaft gegliedert.

Hinzu kommt, dass auch die Banken die zusätzliche Steuerlast durch die Finanztransaktionssteuer an die Unternehmen weiterreichen dürften: „Unsere Banken haben uns klar signalisiert, dass sie die Kosten an uns überwälzen werden, wenn sie Derivate für uns handeln“, meint Held. Der Chemiekonzern müsste sich Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts (DAI) zufolge darauf einstellen, bis zu 45 Millionen Euro zusätzlich an Steuern zu zahlen. Das entspricht etwa 6 Prozent der Steuerlast von 2012. Damals zahlte Bayer laut Geschäftsbericht 752 Millionen Euro Ertragssteuern

Pensionszusagen besonders stark betroffen

Für Siemens liegt die Zahl sogar bei bis zu 100 Millionen Euro. Hier drückt der Schuh vor allem bei den Pensionszusagen, wie Georg Geberth, Direktor Global Tax Policy bei Siemens erklärt: „Wenn wir nur einmal im Jahr das Vermögen unserer Pensionsfonds umschichten, fällt die Finanztransaktionssteuer schon viermal an, weil mehrfach besteuert wird“, erklärt er. Beim Verkauf der Aktien muss sowohl die Bank als auch das Pensionsvehikel die Steuer abführen, beim Kauf ebenfalls. „Wir verlieren so schon 0,4 Prozent Rendite, sodass wir nachschießen müssen, um die Zusagen gegenüber unseren Mitarbeitern halten zu können“, erklärt Geberth. Im derzeitigen Niedrigzinsumfeld ist das besonders bitter. „Diese Belastung wird durch unvermeidbare Kaskadeneffekte noch verstärkt.“ Diese Effekte treten dann ein, wenn mehrere Banken in die Geschäfte involviert sind und ihre Kosten jeweils an das Unternehmen weitergeben.

Bayer und Siemens sind in guter Gesellschaft: Das Deutsche Aktieninstitut (DAI) hat die jährlichen Auswirkungen auf 24 deutsche Unternehmen, die 2012 gemeinsam 1.100 Milliarden Euro umgesetzt haben, auf jährlich 603 Millionen Euro bzw. 1,5 Milliarden Euro beziffert – je nachdem, welche Szenarien den Berechnungen zugrunde gelegt werden. Wenn die Einstufung als „Finanzinstitut“ erfolgt und Kaskadeneffekte einbezogen werden, dann liegen die Kosten am oberen Ende. Dieses Szenario ist laut DAI am realistischsten. „Wir hoffen, dass unsere Studie die Politik dazu anregt, über unbeabsichtigte Nebenwirkungen der Finanztransaktionssteuer nachzudenken“, sagt Christine Bortenschläger, Vorstandsmitglied des DAI.

Unternehmen bauen Drohkulisse auf

Die Zahlen könnten sogar noch höher liegen, wenn nicht nur das Konzern-Treasury, sondern auch weitere Töchter als Finanzinstitut eingestuft werden: „Diese Gefahr sehen wir aufgrund der aktuellen Umsatzzahlen aus Finanztätigkeit im Moment absolut“, sagt Bayer-Treasurer Held. In diesem Fall würden auch intern Kaskadeneffekte eintreten und der Konzern mehrfach besteuert. Er appelliert deshalb ebenfalls an die Politik: „Ich würde mir wünschen, dass Politiker verstehen, dass OTC-Derivate kein Teufelszeug sind. Wir brauchen sie, um uns gegen die hohe Währungsvolatilität abzusichern, der wir als Exportunternehmen ausgesetzt sind.“

Das Wettrüsten hat begonnen. Die Unternehmen basteln bereits an ihrer Drohkulisse, um die Politik doch noch davon zu überzeugen, die Finanztransaktionssteuer – zumindest in dieser Form – zu verabschieden. „Andere Unternehmen haben zur Minderung des Wechselkursrisikos bereits Produktionskapazitäten in ihren Absatzmärkten ausgeweitet“, sagt Held. „Wenn wir unsere Währungsrisiken nicht mehr absichern können, muss man auch über eine Produktionsverlagerung nachdenken.“ Ob die Unternehmen damit ernst machen, steht auf einem anderen Blatt.

desiree.backhaus[at]finance-magazin.de

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