Deutschland diskutiert über Investitionen: über neue Infrastruktur, Digitalisierung, Energieversorgung, Verteidigungsfähigkeit und den Umbau der Industrie. Doch während der Investitionsbedarf volkswirtschaftlich unübersehbar ist, zeigt sich in den Unternehmen ein anderes Bild: Viele Projekte bleiben liegen.
Wie groß die Lücke ist, zeigt eine Unternehmensbefragung der KfW aus dem Sommer 2026. 92 Prozent der befragten Unternehmen geben an, grundsätzlich Investitionsbedarf zu haben. Konkret planen jedoch nur 61 Prozent Investitionen in den kommenden zwölf Monate. Besonders groß ist der Nachholbedarf bei der Digitalisierung, die von 53 Prozent der Unternehmen genannt wird.
Die Diskrepanz ist bemerkenswert. An Aufgaben fehlt es den Unternehmen offensichtlich nicht: . Automatisierung, Digitalisierung, Dekarbonisierung und die Modernisierung der Produktion lassen sich nicht beliebig aufschieben. Gleichzeitig ist das Umfeld schwieriger geworden.
Der Standortdruck nimmt zu
Die vergangenen Jahre waren für den Mittelstand von einer außergewöhnlichen Häufung externer Schocks geprägt. Pandemie, unterbrochene Lieferketten, der russische Angriff auf die Ukraine, Energiepreisschocks, Inflation und geopolitische Konflikte haben Planbarkeit zu einem knappen Gut gemacht.
Inzwischen reicht die Herausforderung tiefer. Hohe Energie- und Arbeitskosten treffen auf Fachkräftemangel, regulatorischen Aufwand und teilweise schwache Nachfrage. In einer Ifo-Umfrage aus dem zweiten Quartal 2026 nannten 63 Prozent der Unternehmen hohe Energie-, Material- oder Betriebskosten als besonders starke Belastung; 62 Prozent verwiesen auf die Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung. In der Industrie bezeichneten sogar 76 Prozent die gestiegenen Energie-, Material- und Betriebskosten als starke Belastung.
Damit verändert sich auch die Aufgabe der Finanzabteilungen. In stabileren Zeiten ließen sich Investitionsentscheidungen stärker über erwartete Renditen und klassische Amortisationsrechnungen treffen. Heute kommt eine weitere Dimension hinzu: Resilienz.
CFOs müssen Liquidität für eine größere Zahl möglicher Szenarien vorhalten. Ein neuer Auftrag kann kurzfristig eine Vorfinanzierung erfordern. Eine unterbrochene Lieferkette kann zusätzliche Lagerbestände notwendig machen. Ein Energieeffizienzprojekt verlangt Investitionen, obwohl die Absatzentwicklung unsicher bleibt. Gleichzeitig soll genug finanzieller Spielraum erhalten bleiben, um auf Übernahmen, neue Technologien oder Veränderungen des Marktes reagieren zu können.
Der Bankkredit verliert an Selbstverständlichkeit
Parallel verändert sich die Unternehmensfinanzierung. Der Bankkredit bleibt zwar ein wichtiger Bestandteil des deutschen Finanzierungssystems, doch seine Rolle ist nicht mehr so selbstverständlich wie früher.
Laut einer repräsentativen Sonderbefragung zum KfW-Mittelstandspanel sind nur noch 27 Prozent der Mittelständler grundsätzlich bereit, zur Finanzierung ihrer Investitionen einen Bankkredit aufzunehmen. 2017 waren es noch 66 Prozent, 2023 immerhin 42 Prozent. Die KfW führt die Zurückhaltung unter anderem auf die wirtschaftliche Unsicherheit und den Wunsch der Unternehmen nach finanzieller Stabilität zurück.
Gleichzeitig sind Unternehmen, die Fremdkapital aufnehmen möchten, mit anspruchsvolleren Bedingungen konfrontiert. Im zweiten Quartal 2026 bezeichneten 40,5 Prozent der kreditinteressierten Mittelständler das Verhalten ihrer Banken in Kreditverhandlungen als restriktiv. Das war der höchste Wert seit Beginn der Erhebung im Jahr 2017.
Das bedeutet nicht, dass Banken ihre Bedeutung verlieren. Wohl aber spricht vieles dafür, dass Unternehmen ihren Finanzierungsmix breiter aufstellen müssen.
Finanzierungsmix statt Monokultur
Mittelständler, die derzeit keinen Bankkredit nutzen möchten, nennen laut KfW vor allem Innenfinanzierung und Leasing als Alternativen. Auffällig ist allerdings, wie eng der Blick oft bleibt: 59 Prozent dieser Unternehmen ziehen lediglich eine einzige Alternative in Betracht. Genau darin liegt möglicherweise eine der Aufgaben der kommenden Jahre. Der Mittelstand muss nicht nur investieren, sondern professioneller darüber entscheiden, wie er investiert und finanziert.
Das betrifft auch die Planungsprozesse. Nur rund drei Prozent der etwa 3,8 Millionen kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland verfügen laut KfW über eine mehrjährige systematische Investitionsplanung. Vielerorts werden Investitionsentscheidungen weiterhin situativ getroffen – abhängig von akuter Notwendigkeit und aktuell verfügbarer Liquidität.
In einer wirtschaftlichen Umgebung, die von Unsicherheit geprägt bleibt, dürfte genau das schwieriger werden. Wer erst nach Finanzierungsmöglichkeiten sucht, wenn eine Investition bereits dringend geworden ist, verschenkt Handlungsspielraum.
Kapital liegt nicht nur auf dem Konto
Ein Ansatzpunkt, der in Finanzierungsüberlegungen häufig zu kurz kommt, ist das Anlagevermögen. Gerade im produzierenden Mittelstand ist häufig ein beträchtlicher Teil des Unternehmensvermögens im Anlagevermögen gebunden. Werkzeugmaschinen, Produktionslinien, Bearbeitungszentren, Anlagen oder Fuhrparks bilden die Grundlage der Wertschöpfung, binden aber zugleich Kapital.
In klassischen Finanzierungsüberlegungen spielt dieser Aspekt häufig eine untergeordnete Rolle. Dabei lässt sich vorhandenes Anlagevermögen unter bestimmten Voraussetzungen gezielt einsetzen, um Liquidität freizusetzen.
Das Prinzip ist einfach: Beim Sale-and-Lease-Back verkauft das Unternehmen gebrauchte, werthaltige Maschinen und Anlagen an eine Leasinggesellschaft und least sie unmittelbar zurück. Die Assets verbleiben am Standort und werden weiter genutzt. Der Produktionsprozess wird nicht unterbrochen, während durch den Verkauf Liquidität zufließt.
Damit unterscheidet sich das Modell deutlich vom klassischen Investitionskredit. Finanziert wird nicht primär ein neu anzuschaffendes Wirtschaftsgut. Vielmehr wird bereits vorhandenes Vermögen monetarisiert.
Für CFOs kann das gerade in einer Phase hoher Unsicherheit interessant sein. Die zusätzliche Liquidität lässt sich beispielsweise für Investitionen, Working Capital, Auftragsvorfinanzierung, Digitalisierung, Akquisitionen oder die Neuordnung bestehender Finanzierungen einsetzen.
Der Maschinenpark als Liquiditätsreserve
Sale-and-Lease-Back ist längst nicht nur ein Instrument für Sondersituationen oder Restrukturierungen. Gerade Unternehmen mit werthaltigem Maschinenpark können damit vorhandene Vermögenssubstanz aktiv in ihre Finanzierungsstrategie einbeziehen. Entscheidend ist die Perspektive: Ein Maschinenpark ist nicht ausschließlich Produktionskapazität. Er kann zugleich eine Finanzierungsreserve darstellen.
Das macht Sale & Lease Back insbesondere für Unternehmen interessant, die ihre bestehenden Bankenlinien bewusst schonen oder ihren Finanzierungsmix diversifizieren möchten. Die Bonität des Unternehmens bleibt relevant, im Mittelpunkt der Transaktion stehen jedoch stärker die vorhandenen Assets und ihre Werthaltigkeit.
Die wirtschaftliche Zeitenwende zwingt Unternehmen, viele Selbstverständlichkeiten zu überprüfen. Dazu gehört auch die Finanzierung. Deutschlands Mittelstand braucht erhebliche Investitionen, während Unsicherheit und Finanzierungshürden gleichzeitig hoch bleiben.
Wer unter diesen Bedingungen handlungsfähig bleiben will, sollte den Blick deshalb nicht allein auf zusätzliches Fremdkapital richten. Gerade im industriellen Mittelstand steckt ein Teil des verfügbaren Spielraums bereits im eigenen Unternehmen – gebunden in Maschinen und Anlagen. Für viele Betriebe liegt damit eine zusätzliche Liquiditätsreserve unmittelbar in der eigenen Werkhalle.
Eva Grimm ist diplomierte Betriebswirtin (BA) und versierte kaufmännische Beraterin. Vor ihrem Wechsel zur Nord Leasing GmbH betreute sie in verantwortlicher Position 15 Jahre lang kreditseitig Firmenkunden der Deutsche Bank AG.
