Michael Tojner: Vartas Undercover Boss

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Investor und Mehrheitseigner bei Varta: Michael Tojner. Foto: Montana Tech Components
Investor und Mehrheitseigner bei Varta: Michael Tojner. Foto: Montana Tech Components

Vartas kurze Börsengeschichte erinnert an den Mythos von Ikarus, der immer höher hinauswollte und am eigenen Übermut scheiterte. So ähnlich verhält es sich auch mit dem Traditionsunternehmen aus Baden-Württemberg. Varta debütierte 2017 auf dem Frankfurter Börsenparkett und schwang sich zwischenzeitlich in den MDax empor, doch dann folgte der tiefe Fall.

Nun wird Varta nach der Anmeldung des StaRUG-Verfahrens vermutlich noch in diesem Jahr von der Börse genommen. Bei der Frage, wie es überhaupt dazu kommen konnte, rückt ein Mann ins Bild, der eng mit dem Aufstieg und Fall Vartas verbunden ist: Michael Tojner, Hauptaktionär und Vorsitzender des Aufsichtsrats.

Der österreichische Selfmade-Milliardär, der sein erstes Geld mit dem Verkauf von Eis an Wiener Touristen verdient haben soll, kaufte den Batteriehersteller 2007 für kolportierte 30 Millionen Euro der Familie Quandt ab. Tojner trimmte Varta erfolgreich auf Wachstum mit jährlich zweistelligen Wachstumsraten. Doch weil das Geschäft brummte, entschied sich Tojner gegen einen Ausstieg, den Private-Equity-Investoren typischerweise nach fünf bis sieben Jahren vornehmen.

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Im Jahr 2017 ging Varta an die Börse und der Börsengang schien eine der Erfolgsstorys der Frankfurter Börse zu werden. Die Aktie war stark überzeichnet und erlöste bei einem Ausgabepreis von 17,50 Euro rund 233 Millionen Euro. Davon flossen rund 83 Millionen Euro direkt an Tojner, der Mehrheitsaktionär blieb. Der Aktienkurs kannte fortan nur eine Richtung: nach oben.

Üppige Dividendenpolitik

Besonders die Ion-Lithium-Knopfzellen, die in Bluetooth-Kopfhörern verwendet werden, entwickelten sich zur Cash Cow des Unternehmens, mit Apple als Großabnehmer wehte auf einmal ein Hauch von Silicon Valley durchs beschauliche Ellwangen.

Die Schwierigkeiten für Varta begannen, als neben den explodierenden Rohstoff- und Energiekosten infolge der Corona-Pandemie und des russischen Kriegs gegen die Ukraine noch technische Probleme in der Produktion hinzukamen, die Apple dazu brachten, vermehrt auf seinen Zweitlieferanten Samsung zu setzen. Die Nachfrage brach ein.

Jetzt rächte sich ein Strategieschwenk Tojners. Varta sollte nicht nur wachsen, es sollte auch ein „Dividendenpapier“ werden, das beständig an die Aktionäre ausschüttet. 2021 und 2022 reichte Varta insgesamt 200 Millionen Euro aus, rund die Hälfte floss an Tojners Industriebeteiligungsgesellschaft Montana Tech Components, in der Varta als eigene Sparte voll konsolidiert war.

Kritisch wird von Beobachtern besonders die Dividendenzahlung 2022 gesehen, die auf der Hauptversammlung Ende Juni 2022 beschlossen wurde. Doch schon 2021 hatte sich der Zahlungsmittelbestand von knapp 122 Millionen Euro auf 73 Millionen Euro verringert, nachdem er sich schon im Jahr zuvor halbiert hatte. Nur durch ein Schuldscheindarlehen in Höhe von 250 Millionen Euro konnte der Cash-Bestand im ersten Quartal 2022 auf 277 Millionen Euro erhöht werden.

Rund einen Monat nach der Hauptversammlung korrigierte Varta erstmals die Prognose für 2022 nach unten. Der Schuldenschnitt von rund 255 Millionen Euro, den Varta jetzt vornehmen muss, beträgt etwas mehr als die Höhe der Dividendenzahlungen der Jahre 2021 und 2022. Varta hätte das Geld entsprechend im operativen Geschäft gut gebrauchen können.

Der Aufsichtsrat, der zum Teil mit Gefolgsleuten von Tojner besetzt sein soll, intervenierte nicht. Gegenüber der F.A.Z. gab Tojner sich im August dieses Jahres selbstkritisch: „Im Nachhinein muss sich der Aufsichtsrat mit mir an der Spitze aber auch Fehler eingestehen. Ich hätte viel früher auf nachhaltige Risikoanalysen bestehen müssen.“

Hat das Risikomanagement versagt?

Dabei scheint Varta ein den Bestimmungen des StaRUG-Gesetzes entsprechendes Risikomanagement zu haben, wie Risikomanagement-Experte Werner Gleißner festgestellt hat: „Prinzipiell hat Varta trotz einiger Schwächen bei der Risikoquantifizierung ein relativ gutes Risikomanagement, das Risiken aggregiert und mögliche Kombinationseffekte berücksichtigt. Allerdings fehlen Beweise dafür, dass bei jeder wichtigen unternehmerischen Entscheidung dieses System voll genutzt wurde.“

Auf Anfrage von FINANCE teilt ein Sprecher von Montana Tech Components mit: „Der Aufsichtsrat hatte großes Vertrauen in die über viele Jahre erfolgreiche Arbeit und die Erfahrung des Vorstandes und auf dessen Darstellungen betreffend der Nachfrage nach Coin-Power-Zellen. Natürlich wurden Risikoanalysen vorgenommen, aber strategische Entscheidungen eines Großkunden hinsichtlich der Diversifizierung seiner Lieferkette, eigene Lieferkettenprobleme der Varta AG aufgrund der Corona-Pandemie sowie hohe Energie und Rohstoffkosten durch einen externen Schock, genauer den Ukraine-Krieg, waren nicht vorhersehbar.“

Und weiter: „Das Vertrauen auf das ungebremste, stetig anhaltende Wachstum, wie vom damaligen Vorstand und seinem Team dargestellt, war rückblickend falsch.“

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Als vorerst gescheitert darf auch der Einstieg in die E-Mobilität gelten. Dieser soll laut Varta-Insidern ein großer Wunsch Tojners gewesen sein: „Tojner wollte immer in die Automotive-Industrie.“ Also entwickelte Varta die V4Drive-Batterie – allen Unkenrufen zum Trotz.

„Der Markt für E-Mobility ist schon mit zahlreichen Playern besetzt, die größer und leistungsfähiger als Varta sind“, sagt ein Branchenkenner. „Automotive möchte Skalierbarkeit. Wenn man als Unternehmen da rein will, muss man zuerst Produktionskapazitäten aufbauen und erst dann kommt eine Liefervereinbarung.“

Doch Varta verfügte – auch wegen der Dividendenzahlungen – nicht über das notwendige Investitionskapital und so blieb es bei einer Pilotanlage, mit der wenigstens Porsche, bis heute der einzige Abnehmer der Batterie, beliefert werden konnte. Montana Tech Components teilt dazu mit, dass Varta schon 2009 in einem Joint Venture an einer Automotive-Zelle geforscht habe. „Auch der Einstieg in das Automotive-Geschäft war eine Entscheidung des Vorstands.“

Ist Michael Tojner ein Schatten-CEO?

Ein starker Partner hätte beim Einstieg helfen können, „doch Tojner hat sich immer dagegen gewehrt, denn dann wäre eine Kapitalerhöhung nötig geworden“, so ein Insider. Gegenüber FINANCE erklärt ein Sprecher von Montana Tech Components, dass es ein „Joint Venture und konkrete Verhandlungen mit starken Partnern aus dem deutschen Automotive-Bereich“ gegeben habe, was nun auch zur Beteiligung Porsches geführt habe.

Ein zusätzlicher Partner hätte jedoch Tojners Anteile verwässert und unter 50 Prozent gedrückt. Doch die Mehrheit sei ihm wichtig gewesen, ist immer wieder aus dem Varta-Umfeld zu hören. Einige beschreiben ihn gar als Schatten-CEO und die eigentlichen Vorstände als „Marionetten“.

„Tojner kommt aus der Private-Equity-Welt. Dort geben die Gesellschafter die Strategie vor, nach dem Börsengang tat er sich schwer damit, sich aus dem Tagesgeschäft herauszuhalten und sich mit einer kontrollierenden Rolle zufriedenzugeben“, sagt ein Insider. Vor allem auf das Finanzressort soll er immer wieder versucht haben, Einfluss zu nehmen. Die CFOs seien oft aus seinem Dunstkreis gekommen.

„Michael Tojner hat seine Rechte und Pflichten als Vorsitzender des Aufsichtsrates wahrgenommen und in dieser Rolle überwacht, kontrolliert und beraten“, teilt Montana Tech Components dazu mit. Und weiter: „Michael Tojner hat seine Rolle als Aufsichtsratsvorsitzender sehr aktiv wahrgenommen. Er versteht sich als industrieller Entrepreneur, der Unternehmen mit Potential auf Wachstums- und Erfolgskurs bringt.“

Gutes Gespür bei Aktienverkäufen

Ein gutes Gespür bewies Tojner beim Aktienverkauf im Jahr 2022, nachdem 2021 keine größeren Pakete abgestoßen wurden. So verkaufte die VGG Beteiligungen SE, die zu Tojners Montana-Tech-Konglomerat gehört, im Juni und Juli Aktien im Wert von fast 40 Millionen Euro. Zwei Wochen nach dem zweiten Verkauf veröffentlichte Varta eine Ad-hoc-Mitteilung, in der die Jahresprognose nach unten korrigiert wurde.

Im September verkaufte VGG erneut Aktien in unmittelbarer Nähe zu einer Ad-hoc-Veröffentlichung: Am 23. September stieß Tojners VGG Aktien für knapp 58 Millionen Euro ab (in einer später korrigierten Mitteilung wurde zunächst der 28. September genannt), am selben Tag kassierte Varta die Jahresprognose und sechs Tage später trat CEO Herbert Schein zurück. Veröffentlicht wurde das „Director‘s Dealing“ aber erst einen Tag nach der Rücktrittsankündigung.

VGG konnte die Papiere noch zu 36,21 Euro pro Aktie losschlagen – einen höheren Wert sollte sie nie mehr erreichen –, nach Bekanntgabe von Scheins Rücktritt lag der Schlusskurs der Varta-Aktie nur noch bei 29,37 Euro. Der Wert der Arbitrage: 11 Millionen Euro. Montana Tech Components erklärt dazu: „Der Verkauf des Aktienpakets am 28. September 2022 wurde ordnungsgemäß durchgeführt und die Transaktion fristgerecht der Bafin gemeldet.“

Gute Geschäfte für Tojner?

Seit dem Börsengang 2017 flossen durch Aktienverkäufe mehr als 280 Millionen Euro in die Kassen von Montana Tech Components, der IPO von Varta und die Dividendenausschüttungen brachten weitere 180 Millionen Euro ein. Dem gegenüber stehen ein kolportierter Kaufpreis von 30 Millionen Euro und die 2023 vorgenommene Kapitalerhöhung von 50 Millionen Euro.

Hinzu kommt der Totalverlust durch die Herabsetzung des Aktienkapitals auf null. Der F.A.Z. sagte Tojner dazu: „Wenn man den Varta-Kurs mit 100 Euro taxiert – nicht mit 180 Euro, was der höchste Kurs war, und nicht mit dem aktuellen Kurs, der bei 1,80 Euro liegt –, dann verliere ich 2 Milliarden Euro.“

Info

Tojner will den Varta-Karren nun aus dem Dreck ziehen. Gemeinsam mit Porsche investiert er über ein weiteres Investmentvehikel, MT Invest, 60 Millionen Euro in Sach- und Barkapital in den Batteriehersteller. Zumindest die Auftragslage scheint sich gebessert zu haben. So soll Apple auch bei der jüngsten Kopfhörergeneration, den Airpods 4, auf Mikrobatterien von Varta setzen, ist aus dem Umfeld des Unternehmens zu hören. Sollte Varta nach dem StaRUG-Verfahren der Turnaround gelingen und wieder in neue Höhen aufsteigen – Tojner wird davon profitieren. 

Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.