Sie suchen die verlorenen Millionen beim FCK: Präsident Thomas Gries und Finanzchef Michael Klatt.

picture alliance / Sports Moments / Schmitt

01.11.16
Blogs

1.FC Kaiserslautern: Pleite oder nicht?

Mögliche Insolvenzverschleppung, EU-Verfahren, verschwundene Millionen: Dem 1. FC Kaiserslautern droht ein heißer Herbst. Der Todesstoß könnte aus dem Rhein-Main-Gebiet kommen.

Recherchen von RTL erschüttern den 1. FC Kaiserslautern. Der TV-Sender will Belege dafür gesammelt haben, dass der Traditionsklub im Frühjahr 2008 zahlungsunfähig gewesen sei und die Vereinsführung dies vertuscht habe. Vereinschef Thomas Gries weist die Vorwürfe zurück, auch die Deutsche Fußball Liga (DFL) sieht keinen Handlungsbedarf. Trotzdem hat nach dem TV-Bericht neue Unruhe den taumelnden Traditionsklub ergriffen.

Das liegt nicht nur an der Ungeheuerlichkeit, sondern auch an den Dimensionen der von RTL erhobenen Vorwürfe: Sofern es tatsächlich so war, wie die Rechercheure des TV-Senders behaupten, hätte der FCK 2008 eigentlich absteigen müssen. Erwischt hat es stattdessen Kickers Offenbach, und dieser Klub prüft jetzt Schadensersatzforderungen gegen den 1.FC Kaiserslautern. „Wir reden da über einen ordentlichen siebenstelligen Betrag“, warnt ein Offizieller der Kickers, die sich von dem Abstieg aus der Zweiten Liga nie erholt haben und selbst zweimal Insolvenz anmelden mussten. Trotz der Zurückhaltung der DFL, die als möglicher Mitstreiter offenbar nicht zur Verfügung steht, hätten die Kickers mit einer Klage nicht viel zu verlieren, aber eine Menge zu gewinnen.

Anders die Lage für den FCK: Eine tiefere Aufarbeitung der Geschehnisse aus dem Frühjahr 2008 hätte das Zeug, den 1.FC Kaiserslautern zusammenbrechen zu lassen, denn die finanzielle Lage der Roten Teufel ist immer noch fast genauso prekär wie damals – und das, obwohl die Stadt und das Land dem Klub über die Jahre mit angeblich rund 100 Millionen Euro unter die Arme gegriffen haben.

Millionen aus Fananleihe verbrannt: Parallelen zum HSV

Der Kassensturz des im April angetretenen neuen Finanzchefs Michael Klatt ist jedenfalls vernichtend. In der Kasse klafft ein Loch von mehreren Millionen Euro, beklagte der frühere KPMG-Berater im Frühjahr. Klatt vermisst fast 2 Millionen aus einer 2013 vom FCK aufgelegten Fananleihe über 6 Millionen Euro, die eigentlich für den Ausbau des Nachwuchsleistungszentrums am Fröhnerhof zur Seite gelegt werden sollten. Auch wo 2,8 Millionen Euro aus einem Stadion-Deal mit der Stadt geblieben sind, konnte Klatt nach seinem Amtsantritt nicht mehr nachvollziehen.

Es verdichten sich die Hinweise, dass das vorherige Management die eigentlich zweckgebundenen Gelder aus der Fananleihe im Rahmen von Lizenzierungsverfahren als liquide Mittel ausgewiesen und sie dann auch noch genutzt hat, um Finanzlöcher im Spielbetrieb zu stopfen. Ähnlichen Vorwürfen sah sich auch der Hamburger SV im Zusammenhang mit dessen Fananleihe ausgesetzt. Der Unternehmer Klaus-Michael Kühne musste die Hamburger vor der Pleite retten.

Einen reichen Retter gibt es beim Fritz-Walter-Klub nicht. Ansonsten sind die Parallelen zwischen dem 1. FC Kaiserslautern und dem Hamburger SV groß: Weil der FCK genauso wie der HSV im Tagesgeschäft seit Jahren Millionenverluste anhäuft, scheint das Geld aus der Anleihe zum Teil verbrannt zu sein. Selbst die Tatsache, dass der FCK in den beiden zurückliegenden Jahren für über 7 Millionen Euro eigene Talente verkauft hat, konnte die Finanzlage nicht entspannen.

Island-Millionen halten den FCK fürs Erste über Wasser

Die Folge: Unabhängig davon, welche Kreise die RTL-Recherchen noch ziehen werden, der FCK schwebt in Pleitegefahr. Ein großes Problem ist, dass die Überlebensstrategie, über gute Nachwuchsarbeit und lukrative Transfers immer wieder Löcher zu stopfen, durch die sportliche Talfahrt stark gefährdet ist. Weil Neu-CFO Klatt eisern sparen muss und den Spieleretat für die laufende Saison um über 20 Prozent auf unter 9 Millionen Euro gekürzt hat, krebst die Mannschaft im unteren Tabellendrittel herum. Der Fußball ist zum Teil gruselig. Neue werthaltige Talente haben es schwer, sich in einem solchen Umfeld aufzudrängen.

Doch weil der FCK mal wieder Glück gehabt hat, wird er sich kurzfristig trotzdem über Wasser halten können: Der isländische Stürmer Jon Dadi Bödvarsson, im Winter ablösefrei in die Pfalz geholt, trumpfte bei der EM in Frankreich so stark auf, dass der FCK ihn für 3 Millionen Euro nach England verkaufen konnte – selten waren Transfererlöse so willkommen wie die Bödvarsson-Millionen beim FCK.
 
Aber wie sieht es mittelfristig aus? Ausbau und Modernisierung des in die Jahre gekommenen Jugendzentrums Fröhnerhof liegen auf Eis. Die Kaderschmiede des FCK wird deshalb bei den Trainingsbedingungen gegenüber der Konkurrenz noch mehr an Anziehungskraft verlieren. Just in dieser Situation müsste der Klub eigentlich dringend Geld ansparen, um 2019 die Fananleihe zurückzahlen zu können. Aber woher soll das Geld kommen, wenn es sportlich nicht läuft, die Mannschaft wenig Perspektive hat, der Nachschub an neuen Talenten stockt und der FCK im Tagesgeschäft noch immer Geld verliert?

Untreue, dubiose Geschäfte und falsche Versprechungen

Eigentlich hätte die neue Vereinsführung genug damit zu tun, die Finanzen zu sanieren und den Klub neu aufzustellen. Doch stattdessen muss sie sich mit der Aufarbeitung der Vergangenheit beschäftigen. Mitglieder fordern rechtliche Schritte gegen den früheren Vorstandschef Stefan Kuntz, Ex-Finanzchef Fritz Grünewalt und den früheren Chefaufseher Dieter Rombach. Als Vorwurf steht Untreue im Raum. Eine Untersuchungskommission soll Licht ins Dunkel bringen, heißt es im Umfeld des Klubs.

Bei einer ernsthaften Untersuchung könnten tatsächlich Dinge zu Tage kommen, die dann nicht nur den Ex-Chefs, sondern auch dem Verein juristischen Ärger bescheren dürften. So hat Kuntz in seiner Amtszeit über 200 Spielertransfers getätigt, nicht alle sollen sauber abgelaufen sein, glauben die Kritiker. Auch die gut dotierten Verträge des Managements und hohe Zahlungen an externe Berater stehen im Blickfeld der selbst ernannten Aufklärer.

Bestätigt sich der Verdacht, dass wesentliche Gelder der Fananleihe zweckentfremdet wurden, könnte Rombach eine Aussage aus dem Sommer 2013 zum Verhängnis werden: „Ich kann jedem versichern: Die 6 Millionen aus der Fananleihe werden nicht angetastet, dafür stehe ich mit meinem Wort“, versprach der Aufsichtsratschef. Schon wenige Monate später legte er eine rhetorisch bemerkenswerte Wende hin: „Da habe ich mich missverständlich ausgedrückt, aber nicht gelogen“, rief er den FCK-Mitgliedern entgegen. Auch solche Volten können rechtliche Konsequenzen haben, vor allem dann, wenn sie im Zusammenhang mit einer Kreditaufnahme stehen.

Punktabzug, Millionenklage? Der Betze brennt

Dem FCK steht also ein heißer Herbst bevor. Das Eigenkapital steht bei minus 3,5 Millionen Euro, damit ist nicht ausgeschlossen, dass der Klub schon wieder auf eine bilanzielle Überschuldung zusteuert. Millionenschwere Schadensersatzansprüche von Kickers Offenbach könnten den FCK über die Schwelle stoßen. Das gilt ebenso für eine forensische Untersuchung der FCK-Vergangenheit durch Dritte. Schon ein möglicher Punktabzug wegen Verstößen gegen die Lizenzierungsauflagen würde die Pfälzer ins Mark treffen, denn dann stünde der Klub vor dem Absturz in die Drittklassigkeit.

Das fast 50.000 Zuschauer fassende Stadion am Betzenberg – schon jetzt eine schwere Last für den FCK als Mieter und die Stadt Kaiserslautern als Eigentümer – würde dann endgültig zum Millionengrab werden. Und ein weiteres Mal wird die öffentliche Hand die Roten Teufel nicht raushauen können, nachdem die zurückliegenden Stützungsaktionen ihr schon eine EU-Prüfung wegen illegaler Beihilfen eingebrockt haben. Die Stadt hat einen Warnschuss vor den Bug erhalten. Beim FCK prasseln die Kugeln dagegen schon mitten in den Rumpf. Es fehlt nicht mehr viel, und der Betze brennt.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Zerreißprobe beim VfB Stuttgart, Börsenprobleme beim BVB, Kühne-Festspiele beim HSV: Mehr Fußballfinanzanalysen finden Sie im FINANCE-Blog 3. Halbzeit. Außerdem: Folgen Sie der 3. Halbzeit auch auf Facebook und diskutieren Sie mit.