Der Rettungsanker HSV Plus ist geworfen, der Mäzen Klaus-Michael Kühne kann seine 20 Millionen an die Klubkasse überweisen.

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27.05.14
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HSV: Kühne oder Bahre

Der Rettungsanker HSV Plus ist geworfen, der Mäzen Klaus-Michael Kühne kann seine 20 Millionen an die Klubkasse überweisen. Aber die Finanzprobleme des Hamburger SV löst die Radikalreform nicht. Ein Blick in die Bücher zeigt, wo genau beim HSV die Millionen verbrennen – und vor allem, wie atemberaubend schnell.

87. Das scheint die Schicksalszahl des HSV zu sein. In der 87. Minute wendete Keeper Jaroslav Drobny im Relegationsspiel gegen Fürth mit einer Glanzparade den Abstieg ab, und am vergangenen Sonntag waren es 87 Prozent der fast 10.000 anwesenden HSV-Mitglieder, die für das Rettungskonzept rund um die  Ausgliederung des Profifußballs („HSV Plus“) stimmten.

Im Vorfeld waren die Fronten zwischen Befürworten und Gegnern von HSV Plus so verhärtet gewesen, dass man fast schon befürchten musste, die Mitgliederversammlung könne das tumultreichste Event im HSV-Umfeld werden seit der letzten gemeinsamen Silvesterfeier der van der Vaarts. Aber am Ende der Abstimmung dröhnte es „HSV, HSV“ von den Rängen, als hätte der Klub sich nicht gerade in höchster Not externen Geldgebern geöffnet, sondern den Europacup an die Alster geholt.

Experten in die Gremien, Millionen in die Kasse

Jetzt aber ist es Zeit, die Scherben und das Konfetti zusammenzukehren. Trivial wird das nicht. Das Konzept HSV Plus hat zwei Stoßrichtungen: Fußball- und Businessexperten in Vorstand und Aufsichtsrat installieren, die besser als in der Vergangenheit zusammenarbeiten, und auf der anderen Seite die Öffnung des Kapitals für externe Investoren.

Die Sinnhaftigkeit von Punkt 1 des HSV-Plus-Konzepts muss sich erst noch erweisen. Die ausgewählten Persönlichkeiten mögen honorig sein. Aber ob die ständigen Querschüsse zwischen den bisher amtierenden HSV-Granden tatsächlich der Hauptgrund waren für die ständigen Trainerwechsel, die hohen Gehaltskosten und das erkennbare Fehlen von Kondition und Leidenschaft auf dem Platz?

Die Geldbeschaffung ist da schon konkreter – was auch gut ist, denn außer Fußballnostalgikern glauben nur wenige, dass es bei HSV Plus in erster Linie um Strukturen geht. Der Unternehmer Klaus-Michael Kühne steht offenbar schon bereit, um Anteile über 20 bis 25 Millionen Euro zu erwerben – Geld, das der hochverschuldete HSV dringend braucht – auch, um die DFL-Lizenz für die nächste Saison zu bekommen.

Kühnes Einstieg ist de facto ein Debt-to-Equity-Swap

Nur: Der Klub hängt schon jetzt am finanziellen Tropf Kühnes, und trotzdem ging es immer weiter bergab. Kühne hat dem Klub schon fast 20 Millionen Euro geliehen, um Spieler zu verpflichten, die sich anschließend als Fehleinkäufe entpuppten. Allen voran Kühnes Liebling Rafael van der Vaart. Kühne hatte mit van der Vaarts Rückkehr zum HSV vor eineinhalb Jahren zwei Ziele verbunden: Der taumelnden Mannschaft einen starken Leitwolf zu geben und Hamburg ein Glamourpaar, das auch jenseits der Stadtgrenzen für bunte Schlagzeilen sorgen würde. Leider ist ja nur der zweite Teil von Kühnes Plan aufgegangen, wenn auch nicht ganz so, wie der Mäzen es sich gedacht hat.

Nun soll van der Vaart abgeschoben werden. Der Großverdiener steht symptomatisch für das, was aus dem HSV geworden ist. Der frühere Klassemann kassiert ein Wahnsinnssalär, bewegte  sich zuletzt aber mit einer Dynamik über den Rasen wie ein 58-Jähriger bei der Gartenarbeit. Aber auch nach dem Abgang des Holländers würden die Schulden bleiben. Mehr als 2 Millionen Euro Zins und Tilgung muss der HSV Medienberichten zufolge jedes Jahr an Kühne zahlen. Wenn dieser jetzt Anteile erwirbt, ist das nicht in erster Linie ein strategisches Konzept, sondern implizit eben auch ein schlichter Debt-to-Equity-Swap. Gut möglich, dass der HSV einen Teil der frischen Kühne-Millionen nutzt, um seine Außenstände bei Kühne zu begleichen.

Ominöse Ausgaben von über 50 Millionen Euro

Das Traurige ist, dass der große Traditionsklub den Rettungsanker HSV Plus eigentlich gar nicht nötig hätte – zumindest wenn man die Einnahmenseite betrachtet: Mit fast 117 Millionen Euro erzielt der Klub den vierthöchsten Umsatz aller Bundesligaklubs. Nur die Bayern, Borussia Dortmund und Schalke 04 kassieren mehr. Trotzdem hat der HSV in den vergangenen Jahren öfter in Fürth und Braunschweig gespielt als in Mailand oder Madrid.

Auch beim HSV verrät ein Blick in die Bilanz des Klubs mehr als jedes Managerinterview. Die Bücher zeigen eindeutig: Zwei dicke Brocken sind es, die dem stolzen HSV das Genick brechen. Erstens die Gehaltskosten: Mit 63 Millionen Euro machen sie mehr als die Hälfte des Umsatzes aus. Selbst beim BVB und bei den Bayern, wo die Edelkicker jeweils über 100 Millionen im Jahr kassieren, ist es nur ein gutes Drittel vom Umsatz.

Der zweite Grund ist der ominöse Ausgabenposten „Sonstige betriebliche Aufwendungen“, der in den vergangenen Jahren fast immer über 50 Millionen Euro lag. Der HSV schlüsselt nicht genau auf, welche Kosten er dort verbucht, aber einen großen Teil dürften die Transferausgaben ausmachen. Gemeinsam mit den Gehältern verfrühstücken diese undurchsichtigen Aufwendungen den gesamten Umsatz. Abschreibungen, Zinsen und Materialaufwand summieren sich dann schon im roten Bereich auf.

Und weil der HSV seit Jahren so über seine Verhältnisse lebt, hat sich ein Schuldenberg von 99,6 Millionen Euro aufgetürmt. 60 Millionen davon sind Finanzverbindlichkeiten. Noch nicht bezahlte Rechnungen für Transfers kommen noch dazu. Besonders bitter: Die 17,5 Millionen Euro, die sich der HSV im Jahr 2012 über eine Fananleihe besorgt hat, um ein neues Nachwuchszentrum zu bauen, sind offenbar in nur einer einzigen Saison im operativen Betrieb verbrannt worden. In der Bilanz fehlt jedenfalls jede Spur sowohl von dem Geld als auch von etwaigen Bauten, die damit finanziert worden sein könnten.

Die Fans sind souverän. Bleiben sie es auch?

Es wird interessant sein zu sehen, wie der HSV dieses Schuldenproblem in den Griff bekommen will. Die 20 Millionen von Kühne sowie der kolportierte Transfererlös von 10 Millionen aus einem möglichen Verkauf von Hakan Calhanoglu, des einzigen Juwels, das die Mannschaft noch hat, wären gerade mal genug, um den sofortigen Exitus abzuwenden.

Mittelfristig muss auf jeden Fall noch mehr passieren. Doch selbst in den fetten Jahren wie 2009/10, als der HSV im Halbfinale der Europa League stand und hohe Transferüberschüsse erwirtschaftete, konnte der nicht durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag nur um rund 10 Millionen Euro abgebaut werden. Inzwischen ist die Bilanzunterdeckung schon wieder auf 17,1 Millionen Euro angeschwollen, um fast 10 Millionen allein in der Saison 2012/13.

Was dem HSV aber Hoffnung machen kann, ist sein Umfeld. Die HSV-Mitglieder haben sich äußerst souverän präsentiert und gezeigt, dass sie das Schicksal ihres Klubs nicht einfach so hinnehmen wollen. Auf hohem Niveau haben sie intensiv über die verschiedenen Lösungsvorschläge gestritten und am Ende mit klarer Mehrheit für HSV Plus, das radikalste aller auf dem Tisch liegenden Konzepte, gestimmt. Das verdient Respekt. Die Frage aber ist, ob die Fans auch dann noch etwas zu sagen haben, wenn sich Kühne mit seinen 20 Millionen erstmal als Teilhaber eingekauft hat.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

Börsenprobleme beim BVB, Schuldenschnitt beim MSV Duisburg, stille Reserven bei Schalke 04: Mehr Beiträge aus dem FINANCE-Blog „3. Halbzeit“ finden Sie hier.

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