Risiko & IT
27.07.15

Strategischer Hintergrund noch unklar

Deutsche Börse kauft 360T

Von Michael Hedtstück

Die Deutsche Börse steigt in das Treasury-Geschäft ein und übernimmt für 725 Millionen Euro die Devisenhandelsplattform 360T. Für die verkaufenden PE-Investoren ist es ein großartiger Deal – die Wertentwicklung von 360T ist atemberaubend.

Für 725 Millionen Euro kauft die Deutsche Börse dem US-Investor Summit Partners die Devisenhandelsplattform 360T ab. Was will der Dax-Konzern mit dem stark wachsenden Fintech?

Deutsche Börse

Für 725 Millionen Euro kauft die Deutsche Börse dem US-Investor Summit Partners die Devisenhandelsplattform 360T ab. Was will der Dax-Konzern mit dem stark wachsenden Fintech?

Die in Deutschland entstandene Devisenhandelsplattform 360T wechselt den Besitzer. Für 725 Millionen Euro verkauft der US-amerikanische PE-Investor Summit Partners das Unternehmen an die Deutsche Börse, die sich damit dem Vernehmen nach gegen die Mitbieter Nasdaq OMX und CME aus den USA durchgesetzt hat. Beraten wurde die Deutsche Börse von der Kanzlei Linklaters, die Verkäufer von Hengeler Mueller.

360T ist die vielleicht größte Erfolgsgeschichte eines deutschen Fintechs in den vergangenen zehn Jahren. Im Jahr 2000 gründete der frühere Investmentbanker Carlo Kölzer (Dresdner Kleinwort) 360T. Das Software-Tool fand rasend schnell Verbreitung in deutschen Treasury-Abteilungen, da es den Treasurern erstmals die Möglichkeit gab, Transparenz über die Gebühren zu bekommen, die ihnen die Banken bei Devisengeschäften berechnen. Kölzer ist bis heute CEO von 360T und wird seinen verbliebenen Anteil ebenfalls an die Deutsche Börse verkaufen. Verschiedenen Medienberichten zufolge soll Kölzer noch zwischen 6 und 10 Prozent an 360T halten.

Dubai, Bombay, New York: 360T ist auf globalem Expansionskurs

Am Anfang von den Banken unterschätzt, ist 360T inzwischen aus der Corporate-Treasury-Welt kaum mehr wegzudenken: Fast alle großen Unternehmen und auch Mittelständler nutzen die Handelsplattform, um Derivate für die Wechselkursabsicherungen abzuschließen. Auf der Kundenliste sollen 29 der 30 Dax-Konzerne stehen. 360T sorgte dafür, dass die Banken im Devisenhandel einen erheblichen Teil ihrer Gebührenmarge verloren.

Inzwischen haben sich die Programme von 360T weit über die deutschen Grenzen hinaus verbreitet. Die Frankfurter sind mit einem Weltmarktanteil von 15 Prozent hinter Thomson Reuters und State Street der drittgrößte Anbieter von FX-Trading-Software weltweit, die internationale Expansion läuft auf Hochtouren. In den vergangenen Jahren eröffnete 360T Niederlassungen in Finanzmetropolen wie New York, Singapur, Bombay und Dubai.

Summit Partners hat den Wert von 360T fast vervierfacht

Seit 2004 verdient 360T Geld, im Jahr 2009 stieg der Frankfurter Mittelstandsinvestor Brockhaus Private Equity mit 24 Prozent bei 360T ein, und das Fintech entwickelte sich zur Geldmaschine. Im Markt wird vermutet, dass 360T dank seines stark skalierbaren Geschäftsmodells hohe zweistellige Ebitda-Margen erwirtschaftet. Aktuelle Zahlen zu Umsatz und Gewinn von 360T gaben bislang weder die Verkäufer noch die Deutsche Börse heraus.

Als 2012 Brockhaus Private Equity und diverse Anteilseigner aus dem Umfeld der Unternehmensgründer die Mehrheit an den US-Finanzinvestor Summit Partners verkauften, soll der Kaufpreis bei rund 200 Millionen Euro gelegen haben, was FINANCE-Informationen zufolge damals dem rund 9-fachen Ebitda entsprach. Brockhaus bliebt aber mit 10,7 Prozent an 360T beteiligt und wird diesen Anteil nun mit einem gehörigen Gewinn an die Deutsche Börse verkaufen.

In nur drei Jahren hat Summit Partners durch den Verkauf an die Deutsche Börse den Wert der Treasury-Plattform also nahezu vervierfacht. Den Trend, dass mehr und mehr FX-Trading auf elektronische Handelsplattformen wie 360T wandert, halten die Analysten von Equinet für intakt. Daher sieht Equinet auch noch „gutes Wachstumspotential“ für 360T unter dem Dach der Deutschen Börse. Zudem haben die Währungsturbulenzen, die sich in Folge der Interventionen der Notenbanken am Devisenmarkt häufen, dazu geführt, dass CFOs und Treasurer dem FX-Management eine immer höhere Bedeutung zumessen.   

Deutsche-Börse-CFO Pottmeyer hat viele Refinanzierungsoptionen

Gregor Pottmeyer, CFO der Deutschen Börse, will den Kaufpreis mit einer Mischung aus Eigen- und Fremdkapital finanzieren, um „die Auswirkungen auf das Kreditrating zu minimieren“, wie das Unternehmen schreibt. Eine Finanzierungsquelle liegt auf der Hand. Nach zahlreichen Aktienrückkäufen in den zurückliegenden Jahren hält die Deutsche Börse aktuell rund 4,6 Prozent der eigenen Aktien. Dieses Paket hat einen Marktwert von fast 750 Millionen Euro. Mit einem Verkauf der Aktien könnte Pottmeyer den 360-T-Kauf komplett refinanzieren.

Allerdings braucht Pottmeyer noch mehr Cash, um die Schachzüge des Dax-Konzerns am M&A-Markt zu finanzieren. Die Börse wird parallel auch noch der Schweizer Börse deren 49,9-Prozent-Anteil an dem Indexbetreiber Stoxx abkaufen. Den Mehrheitsanteil kontrollieren die Deutschen bereits. Der Kaufpreis beläuft sich auf 650 Millionen Schweizer Franken, das entspricht gut 610 Millionen Euro. Mit der Emission einer Hybridanleihe hat die Deutsche Börse wenig später 600 Millionen Euro eingenommen, die der Refinanzierung beider Übernahmen dienen.

Was will die Deutsche Börse mit 360T?

Sich schnell selbst refinanzieren dürfte die Übernahme von 360T hingegen kaum, nicht nur wegen der vermutlich sehr hohen Bewertung. Nennenswerte Kostensynergien mit 360T peilt der Dax-Konzern offenbar nicht an, allerdings Umsatzsynergien in zweistelliger Millionenhöhe pro Jahr – augenscheinlich, indem bestehenden Kunden von Handelsprodukten auch die Lösungen von 360T verkauft werden, und umgekehrt.

Der Kauf von 360T ist der erste große strategische Schachzug des neuen Börse-Chefs Carsten Kengeter. Der Ex-Investmentbanker aus dem Führungszirkel der UBS hat sein Amt erst vor wenigen Monaten angetreten. Der strategische Hintergrund des Deals liegt freilich noch im Dunkeln, auch die Deutsche Börse hat sich dazu noch nicht geäußert.

Ein Grund könnte in der Ausweitung des Geschäftsmodells von 360T liegen. Seit einiger Zeit versucht das Fintech-Unternehmen, auch im Asset Management Fuß zu fassen. Seit Anfang 2013 können Treasurer besicherte Geldmarkttransaktionen über die Plattform handeln. Hier kooperiert 360T mit der Deutsche-Börse-Tochter Clearstream – eine Zusammenarbeit, die nun vertieft werden könnte. Dieser Hintergrund würde auch erklären, warum die Deutsche Börse nicht schon früher nach 360T gegriffen hat. Angeklopft bei 360T soll die Börse schon mehrfach haben. Rückblickend betrachtet hätte dies dem Dax-Konzern mehrere hundert Millionen Euro gespart.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de