FINANCE: Herr Jahn, wie beeinflusst die derzeit angespannte Wirtschaftslage in Deutschland Ihr Handeln, insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeit?
Felix Jahn: Die letzten Jahre waren für unsere Branche eine echte Achterbahn fahrt: Es gab ein Leben vor und nach Corona. Doch mittlerweile wachsen wir wieder und blicken mit viel Optimismus in die Zukunft. Unser nachhaltiges Handeln wurde durch die widrigen Zeiten nicht beeinflusst. Wir haben die schwierigen Jahre explizit dafür genutzt, um uns in Sachen Nachhaltigkeit noch besser zu positionieren.
FINANCE: Welche Rolle spielt dabei auch Ihr Dasein als langjähriges Familienunternehmen?
Felix Jahn: Die Nachhaltigkeitsabteilung berichtet direkt an die Geschäftsführung, was für alle Nachhaltigkeitsaktivitäten einen echten Mehrwert hat. Ich glaube, der größte Vorteil für uns als Familienunternehmen ist jedoch, dass wir keine externen Investoren haben und damit bei diesem Thema nicht auf andere Interessen Rücksicht nehmen müssen.
FINANCE: Wie ist Nachhaltigkeit in Ihrer Unternehmensstruktur verankert? Welche Ziele setzen Sie, um Nachhaltigkeit in Ihrem gesamten Unternehmen zu integrieren?
Felix Jahn: Unsere CSR-Abteilung wurde offiziell im Jahr 2021 gegründet, doch Nachhaltigkeit war bereits vorher ein fester Bestandteil unserer Arbeit. Seit mehr als zwei Jahrzehnten setzen wir uns intensiv mit Recycling und Kreislaufwirtschaft auseinander und haben im Laufe der Zeit wertvolles Know-how in diesem Bereich aufgebaut. Unsere Herangehensweise an Nachhaltigkeit war von Anfang an praxisorientiert: Anstatt zu Beginn konkrete KPIs festzulegen und dann entsprechende Projekte zu starten, haben wir unsere Messgrößen kontinuierlich aus den Erfahrungen mit unseren nachhaltigen Initiativen entwickelt.
Heute ist das Thema CSR fest in unserem Management Dashboard verankert und wir arbeiten zunehmend datengetrieben. So konnten wir die entscheidenden Hebel in unseren Aktivitäten klar identifizieren und weiter ausbauen. Wir haben den Anspruch, in Sachen Nachhaltigkeit Pionierarbeit zu leisten, weil wir fest daran glauben, dass es der richtige Weg ist.

FINANCE: Welche Herausforderungen sind Ihnen bisher bei der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit begegnet?
Felix Jahn: Wenn etwas neu ist, geht man immer ein gewisses Risiko ein, denn es bestehen noch keine Best Practices. Außerdem kann es bei nachhaltigen Projekten branchenübergreifend herausfordernd sein, ein Budget zu erhalten, wenn der Return on Invest nicht klar messbar ist. Wir handeln an dieser Stelle jedoch aus Überzeugung – nachhaltiges Handeln ist fester Bestandteil unserer Unternehmensstrategie.
FINANCE: In unserer Befragung werden unklare regulatorische Rahmenbedingungen und eine aufwendige Dokumentation als größte Hindernisse bei der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit genannt. Teilen Sie diese Einschätzung?
Felix Jahn: Das ist richtig – die aktuellen regulatorischen Anforderungen führen zu einem Mehraufwand bei der Dokumentation und die Ungewissheit über zukünftige Entwicklungen erschwert die Planung zusätzlich. Dennoch sind viele regulatorische Vorgaben im Kern gut, da sie ein verantwortliches Handeln fördern. Ich bin optimistisch, dass die Rahmenbedingungen auf lange Sicht pragmatischer werden.
„Wir haben den Beweis: Nachhaltigkeit verursacht keinen wirtschaftlichen Schaden.“
Felix Jahn, Head of CSR bei Schwalbe
FINANCE: Ihr CSR-Bericht wurde kürzlich in Form eines Magazins umgestaltet. Was war der Hintergrund dieser Entscheidung?
Felix Jahn: Wir haben frühzeitig begonnen, auf Basis der Global Reporting Initiative (GRI) zu berichten. Das sind weltweit anerkannte Richtlinien für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen, die helfen, deren wirtschaftliche, ökologische und soziale Auswirkungen transparent und vergleichbar darzustellen. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass der klassische Bericht neben dem Fachpublikum nur wenige Menschen erreicht. Daher entwickelten wir die Idee, transparent und nach Standard zu berichten, aber gleichzeitig greifbarer und menschlicher zu kommunizieren.
Unser jetziges CSR-Magazin kombiniert interview einen Story-Teil mit einem Faktenbereich und stößt in unserer Community auf viel positives Feedback. Bei Nachhaltigkeitsthemen kann die Kommunikation herausfordernd sein – mit diesem Magazin möchten wir einen neuen, zugänglicheren Weg gehen.
FINANCE: Inwieweit berücksichtigen Sie Nachhaltigkeit bereits bei der Entwicklung neuer Produkte?
Felix Jahn: Wir haben die CSR-Abteilung ganz bewusst direkt neben die Technik platziert – auch in unseren Büroräumen. Das heißt, bei jeder neuen Entwicklung wird Nachhaltigkeit von Anfang an mitgedacht. Drei Parameter bestimmen bei Schwalbe jede Produktentwicklung: Qualität, Performance – und Nachhaltigkeit.
FINANCE: Wenn wir nun auf die Kernbereiche von ESG blicken, welche Maßnahmen ergreifen Sie im ökologischen Bereich?
Felix Jahn: In der Produktion konnten wir unsere CO2-Emissionen von 2018 bis 2024 um 56 Prozent reduzieren. Gleichzeitig sehen wir in diesen Jahren auch ein starkes wirtschaftliches Wachstum. Das ist bemerkenswert, da sich ja teilweise die Annahme hält, Nachhaltigkeit bedeute wirtschaftlichen Schaden. Wir haben den Beweis dafür, dass dem nicht so ist. Durch wirtschaftlich kluge Maßnahmen in der Lieferkette konnten wir unsere Emissionen massiv reduzieren und trotzdem den Output erhöhen.

FINANCE: Welche Maßnahmen ergreifen Sie im sozialen Bereich?
Felix Jahn: Wir haben vor einigen Jahren einen Kinderbeirat geschaffen, der sich aus den Kindern von Schwalbe-Mitarbeitenden zusammensetzt. Der Kinderbeirat verfügt über ein festes Budget, um gemeinnützige Projekte zu unterstützen. So werden den Kindern demokratischen Prozesse nahegelegt und es wird deutlich, dass Unternehmen nicht nur wirtschaftliche Ziele verfolgen, sondern auch eine wichtige Rolle als Treiber des gesellschaftlichen Wohlstands übernehmen.
FINANCE: Wie wirkt sich die Integration von Nachhaltigkeit auf die Resilienz Ihrer Lieferkette aus?
Felix Jahn: Durch ein umfassendes Screening der Lieferkette – nicht nur mit Blick auf Arbeitsrecht und Arbeitssicherheit, sondern auch auf Umwelt- und Sozialaspekte – erhält man einen klaren Überblick. Auf dieser Basis lassen sich potentielle Risikobereiche frühzeitig erkennen und wirksame Ansatzpunkte für Verbesserungen ableiten. Im Nachhaltigkeitskontext wird häufig betont und wir können das bestätigen: Mehr Transparenz erhöht tatsächlich die Resilienz der Lieferkette.
„Nachhaltigkeit sollte von Anfang an selbstverständlich mitgedacht werden.“
Felix Jahn, Head of CSR bei Schwalbe
FINANCE: Was würden Sie Unternehmen raten, die sich stärker im Bereich Nachhaltigkeit engagieren möchten?
Felix Jahn: Vor allem zu Beginn ist es wichtig, sich nicht zu viel vorzu nehmen, da die Themen viel Zeit in Anspruch nehmen können. Sofort perfekt nachhaltig zu sein, geht nicht – ein Stück nachhaltiger zu werden, reicht für den Start. Es gilt, Erfahrungen zu sammeln, Prozesse zu testen und daraus Schlüsse zu ziehen, um sich weiterzuentwickeln. Nachhaltigkeit sollte als ein natürlicher Bestandteil des Unternehmens verstanden werden, der von Anfang an genauso selbstverständlich mitgedacht wird wie alle anderen relevanten Faktoren
FINANCE: Sie haben eine CSR-Vision bis 2040. Nehmen Sie uns mit in die Zukunft: Wo steht die Ralf Bohle GmbH im Jahr 2040 mit Blick auf Nachhaltigkeit?
Felix Jahn: Wir streben weiterhin danach, ein Vorreiter im Bereich Nachhaltigkeit zu sein, und möchten als Treiber nachhaltiger Innovation agieren. Unser Ziel ist es, die sogenannte Netto-Null zu erreichen. Daran arbeiten wir derzeit sehr intensiv. Daneben möchten wir die soziale Teilhabe möglichst vieler Menschen verbessern. Zudem streben wir eine voll ständige Kreislaufwirtschaft an und möchten hundertprozentige Transparenz in unserer Lieferkette schaffen – vom Kautschukbaum bis zum fertigen Reifen.