Bankenfusionen könnten in Finanzzentren wie London für eine Neusortierung sorgen.

Thinkstock / Getty Images

15.07.14
Banking & Berater

Bankenfusionen: „Ab 2015 geht es los“

Die Ertragsrückgänge im Firmenkundengeschäft und die hohen Kostenstrukturen werden Bankenfusionen mit sich bringen, erwartet der Bankenexperte Sam Theodore von der Ratingagentur Scope. Die Bankenregulierung sieht er auf einem guten Weg, allerdings sieht er Risiken an einer anderen Stelle.

Nachdem der Ruf der Banken in der Finanzkrise schwer gelitten hat, wollten viele Unternehmen unabhängiger von Banken werden. Lässt sich dieser Trend noch einmal umkehren?
Banken, die gute Resultate bei den derzeit laufenden Stresstests durch die EZB erzielen und insbesondere eine gute Asset-Qualität nachweisen können, dürften davon profitieren. Politisch ist es ja gewünscht, dass die Banken die Realwirtschaft durch Ausgabe von Krediten ankurbeln. Nur: Die Nachfrage nach Unternehmenskrediten ist vielfach einfach nicht vorhanden. Viele Konzerne nutzen den Bondmarkt als Alternative. Die Portfolien dieser Unternehmen werden nicht in vollem Umfang zu den Banken zurückkehren.

Welche Folgen hat dies für das Bankgeschäft?
Der Wettbewerb um Firmenkunden wird härter. Für viele Banken war die Kreditvergabe ein guter Weg, um die Kundenbeziehung aufzubauen und im Nachgang weiteres Geschäft in margenstarken Bereichen anzudocken. Dieses Cross-Selling geht zurück. Auch die Kosten sind zu hoch – im Bankbereich arbeiten zu viele Menschen.

Wie können Banken sich aufstellen, um in diesem Umfeld zu überleben?
Letztlich gilt: Größe ist der Schlüssel zum Erfolg.

Das klingt nach Konsolidierung und Bankenfusionen.
Ich denke, dass wir in den kommenden Jahren mehr M&A-Deals im Finanzsektor sehen werden. In Großbritannien und Frankreich hat die Konsolidierung schon begonnen. Die Konsolidierung wird innerhalb der Staaten beginnen und sich dann, wenn die Bankenunion in Europa konkrete Züge annimmt, auch über Ländergrenzen hinweg fortsetzen. Ich denke, ab 2015 geht es richtig los.

Bankenunion verändert die Branche

Die Bankenunion dürfte die Finanzbranche ein weiteres Mal nachhaltig verändern. Können Firmenkunden davon profitieren?
Sicherlich. Für ein deutsches Unternehmen mit internationalem Geschäft wird es einfacher, mit einer ausländischen Bank zu arbeiten. Es gelten dann dieselben regulatorischen Rahmenbedingungen wie bei einer deutschen Bank. Die Aufseher sind identisch, der Markt wird dadurch sehr transparent. Das kann den Druck auf die Banken weiter erhöhen, aber auch neue Möglichkeiten bieten, sich als Spezialist in bestimmten Segmenten zu positionieren. Es ist vielleicht nicht sonderlich attraktiv, sich auf Finanzierungen für die Hotelbranche in den Niederlanden zu spezialisieren. Wenn man mit dieser Spezialisierung aber den kompletten europäischen Markt adressiert, kann das anders aussehen.

Auf dem Weg zur Bankenunion müssen aber erst noch die derzeit laufenden Überprüfungen durch die EZB gemeistert werden. Häuser wie die Deutsche Bank und die DZ Bank haben sich mit Kapitalerhöhungen auf die Stresstests vorbereitet, die Testergebnisse werden Spannung erwartet. Rechnen sie mit einem bösen Erwachen?
Ich glaube, es wird zumindest keine Bank als krisenanfällig identifiziert werden, von der man es nicht erwartet. Die nationalen Aufsichtsbehörden haben die Banken in den vergangenen Jahren schließlich schon dazu gebracht, die Bilanzstruktur zu verbessern. Größter Unsicherheitsfaktor am deutschen Bankenmarkt sind meiner Einschätzung nach die Landesbanken. Insgesamt rechne ich im Bankensektor aber nicht mit bösen Überraschungen. Weitaus größere Sorgen bereiten mir Kapitalströme, die nicht von den Banken bereitgestellt werden.

Problemfall Schattenbankensektor

Der Schattenbankensektor ist in den vergangenen Jahren wieder deutlich gewachsen.
Ja, nahezu in ganz Europa lässt sich beobachten, dass der Anteil von Kapital, der von Hedgefonds und anderen Institutionen aus dem Schattenbankensektor bereitgestellt wird, zunimmt. Es könnte daher passieren, dass wir uns über die gelungene Regulierung des Bankensektors freuen, sich während sich an anderer Stelle ein neues Problem zusammenbraut.

Ließe sich das überhaupt noch verhindern? Unserer Beobachtung nach hat sich die Dynamik in der Schattenbankenwelt weitgehend verselbstständigt.
Um den Sektor regulieren zu können, müsste man zunächst genau verstehen, was im Schattenbankensektor vor sich geht. Woher kommt das Kapital? Über welche Größenordnung sprechen wir? Dafür benötigt man eine valide Datengrundlage, die wir zurzeit noch nicht haben. Das ist ein Problem. Aber immerhin eröffnet die aktuell stabile Marktlage den Regulierern ein Zeitfenster zum Handeln. Das sollten sie nutzen.

sabine.reifenberger[at]finance-magazin.de

Zur Person
Sam Theodore leitet seit April 2013 das Bankenteam der Ratingagentur Scope in London. Zuvor war er zuvor bei europäischen verschiedenen Bankenaufsichts- und Regulierungsbehörden tätig: Sam Theodore war Senior Advisor bei der European Banking Authority und Manager des Bankensektorteams bei der britischen Financial Services Authority. Zuvor verantwortete er viele Jahre lang die Ratings europäischer Banken bei der Agentur Moody’s.