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Deutsche Bank: Altlasten bremsen Kapitalaufbau

Bankchefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain: Die Stärkung der Bilanz der Deutschen Bank hat inzwischen Top-Priorität.
Mario Andreya / Deutsche Bank

Mit so vielen negativen Überraschungen hatte am Markt kaum jemand gerechnet, entsprechend drastisch war die Reaktion: Nachdem die Deutsche Bank  heute Morgen ihre Halbjahreszahlen vorgelegt hat, rauschte der Aktienkurs der Bank im frühen Handel gleich um bis zu 5 Prozent in die Tiefe. Der Dax legte demgegenüber sogar leicht zu.

Im Zahlenwerk stecken gleich mehrere Problemfälle, die zum Teil auch die Kunden der Deutschen Bank betreffen: Erträge sind geringer ausgefallen als erwartet, hinzu kommen erneut hohe Rückstellungen für Rechtsstreitigkeiten und ein erstaunlich geringer Anstieg der Kernkapitalquote. Die aktuellen Zahlen zeigen: Trotz diverser Kapitalmaßnahmen und eines solide laufenden Tagesgeschäfts stehen die zum Teil wilden Geschäftspraktiken der Vergangenheit einer Gesundung der Konzernbilanz  nach wie vor im Weg.

Es fehlen mehr als 12 Milliarden Euro

Bei genauer Durchsicht des Zahlenwerks sticht ins Auge, dass das Common-Tier-1-Eigenkapital im zweiten Quartal nur um 2,4 Milliarden Euro gewachsen ist, trotz  einer Kapitalerhöhung über 3 Milliarden Euro im April. Die Tier-1-Eigenkapitalquote stieg von 8,8 auf 10,0 Prozent.

Dabei hat die Deutsche Bank beim Kapitalaufbau keine Zeit zu verlieren, denn im kommenden Frühjahr steht der mit hohen Erwartungen verknüpfte Stresstest durch die Europäische Zentralbank an. Allgemein wird erwartet, dass die EZB, die anschließend zentrale Aufgaben der europäischen Bankaufsicht übernehmen soll, die Bankbilanzen deutlich strenger prüfen wird, als die Europäische Bankaufsicht EBA das in den vergangenen Jahren getan hatte.

Die riesige Bilanz ist nach wie vor die Achillesferse der Deutschen Bank. Zwar sank die Bilanzsumme gemäß IFRS im zweiten Quartal von 2,03 auf 1,91 Billionen Euro. Damit liegt die Leverage Ratio, die das Eigenkapital zur Bilanzsumme (und nicht wie die Tier-1-Quote zu den risikogewichteten Aktiva) in Relation setzt, weiterhin deutlich unter dem von den Regulierern wohl angepeilten Zielwert von 3 Prozent. Laut einer Analyse von JP Morgan liegt die Deutsche Bank aktuell bei 2,4 Prozent. Um bis Ende 2015 auf 3 Prozent zu kommen, müsste die Deutsche Bank der Analyse zufolge eine Kapitallücke von 12,3 Milliarden Euro schließen oder ihre Bilanz um mehr als 400 Milliarden Euro verkürzen.

Deutsche-Bank-CFO Stefan Krause kündigte an, die Bilanz um rund 250 Milliarden Euro kürzen zu wollen. Dies werde die Bank rund 300 Millionen Euro ihres Vorsteuergewinns kosten, rechnete Krause vor.

Zusammen mit den heutigen Quartalszahlen belegen Krauses Pläne, dass die Deutsche-Bank-Führung um Jürgen Fitschen und Anshu Jain das Thema Kapitalaufbau inzwischen konsequenter anpackt als in den ersten Monaten ihrer Amtszeit. In der Telefonkonferenz sagte Jain, dass das Management mit der gleichen Disziplin an der Verbesserung der Leverage Ratio arbeiten wolle, wie sie das bei der Kernkapitalquote getan habe.

Die Halbjahresbilanz zeigt aber auch, dass Jain, Fitschen und Krause tiefe Schnitte in der Bilanz vornehmen und gleichzeitig hoffen müssen, dass die Kapitalmärkte für weitere Nachranganleihen und Kapitalerhöhungen der Deutschen Bank aufnahmebereit bleiben. Nur so können sie die Bilanz der Bank noch rechtzeitig wetterfest machen, bevor in wenigen Monaten die Buchprüfer der EZB anrücken.

DCM-Beratungsgeschäft boomt

Immerhin kann sich die Deutsche Bank auf ein gut laufendes Geschäft mit ihren Firmenkunden stützen, das im zweiten Quartal fast im Alleingang dafür sorgte, dass die Erträge des Konzerns insgesamt um 2 Prozent auf 8,2 Milliarden Euro angewachsen sind. Im Bereich Corporate Banking & Securities (CB&S) stiegen die Erträge um 9 Prozent auf 3,7 Milliarden Euro. Im Geschäft mit Unternehmenskrediten sprangen die Erträge gar um 43 Prozent auf 345 Millionen Euro nach oben – aufgrund „höherer Erträge aus kreditbezogenen Aktivitäten“, wie die Deutsche Bank schreibt. Ein erster Erfolg für Wilhelm von Haller, den neuen starken Mann im Firmenkundengeschäft der Deutschen Bank.

Im Kapitalmarktgeschäft mit Firmenkunden legte die Deutsche Bank um 45 Prozent zu und erwirtschaftete Emissions- und Beratungserträge von 738 Millionen Euro. Angetrieben wurde diese starke Performance insbesondere vom Emissionsgeschäft mit Anleihen und Schuldscheinen, wo es der Deutschen Bank auch gelang, ihre Margen zu verbessern. Schon im ersten Quartal hatte die Deutsche Bank im ECM- und DCM-Geschäft enorm stark abgeschnitten.

Unterm Strich sank der Quartalsgewinn der Deutschen Bank jedoch von 666 auf 335 Millionen Euro, weil die Bank erneut mehr als 600 Millionen Euro für Rechtsstreitigkeiten zurücklegen musste. Die milliardenschweren Altlasten hatten der Deutschen Bank schon im vergangenen Geschäftsjahr die Bilanz verhagelt.

michael.hedtstueck[at]finance-magazin.de

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Michael Hedtstück ist Chefredakteur von FINANCE-Online und FINANCE-TV und verantwortet die Online-Aktivitäten des FINANCE-Magazins. Er ist zweifacher Träger des Deutschen Journalistenpreises.

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