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Investmentbanken: CFOs haben weniger Auswahl

Roland Berger zufolge wurden seit Mitte 2011 bereits 15.000 Arbeitsplätze abgebaut, weitere 25.000 Stellenstreichungen sind angekündigt.
Thinkstock / Getty Images, liquidlibrary

Für CFOs in Europa sinkt die Auswahl an globalen Marktakteuren im Investmentbanking. Einer aktuellen Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zufolge werden von den weltweit tätigen Instituten nur fünf bis zehn die nächsten drei bis fünf Jahre in der jetzigen Form überleben. Der Konsolidierungsprozess der Investmentbanken, bei dem rund 15 bis 20 Prozent der Überkapazitäten wegfallen, werde in den nächsten Jahren schneller vorangehen, heißt es dort. „Wir gehen davon aus, dass weniger als zehn globale Marktakteure überleben werden", prognostiziert Roland-Berger-Stratege Markus Böhme. „Dabei werden die Banken ihre Kapazitäten auf unterschiedlichste Weise reduzieren.“ Einige Institute könnten Produktlinien aufgeben, andere möglicherweise ihre internationale Präsenz einschränken oder ein völlig neues Geschäftsmodell definieren und Partnerschaften mit anderen Instituten schließen. Kleinere Banken müssten eventuell verstärkt auf ihre Vertriebsfunktionen und die Zusammenarbeit mit führenden Instituten setzen.

Für die Finanzchefs ist das nicht die schlechteste Entwicklung, da nur die systemrelevanten Global Player am Markt bleiben werden, die ein solides Geschäftsmodell haben und die auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingehen. Denn das Kontrahentenrisiko steht derzeit bei der Bewertung einer Bank bei den CFOs ganz oben auf der Liste. Das Rating und die Systemrelevanz der Banken sind zwei weitere wichtige Faktoren für die Finanzchefs. Allerdings könnten auch die Kosten für die Unternehmen durch diesen Konsolidierungsprozess steigen, da die Institute aufgrund der kleineren Konkurrenz höhere Preise leichter durchsetzen können.

Tausende Banker verlieren ihre Jobs

Aus Sicht der Banker hat diese Konsolidierung einen bitteren Beigeschmack. Weltweit haben zahlreiche Kreditinstitute angekündigt, tausende Stellen insbesondere im Investmentbanking abbauen zu wollen. Die UBS will mindestens 10.000 Stellen streichen. Die Schweizer Großbank will ihr Investmentbanking zurechtstutzen, der Anleihehandel soll in eine neue Einheit ausgegliedert werden. Auch im IT-Bereich sollen Medienberichte zufolge Jobs zur Disposition stehen. Auch die Credit Suisse will in diesem riskanten Geschäftsfeld sparen. Ursprünglich wollte die Nummer zwei der Schweizer Bankenwelt bis Ende des kommenden Jahres 3 Milliarden Schweizer Franken einsparen. Nachdem sie dieses Ziel bereits fast erreicht hat, soll nun bis 2015 eine weitere Milliarde hinzukommen – mehr als die Hälfte davon soll das Investmentbanking beitragen. Deutschlands größtes Geldhaus plant, in diesem Jahr noch knapp 2.000 Stellen zu streichen. Das schreibt die Deutsche Bank in ihrem im Herbst veröffentlichten Quartalsbericht. Davon entfallen früheren Berichten zufolge 1.500 auf die Investmentbankingsparte.

Das sind nur einige wenige der Institute, die ihre Kosten reduzieren wollen. Das ungünstige Umfeld im Handel und bei Transaktionen sowie die schärferen Regulierungen, beispielsweise im Rahmen von Basel III, drücken die Gewinne und das Wachstum bei den Einnahmen. Die internationale Investmentbranche erzielte in den vergangenen Monaten der Studie zufolge zwar bessere Ergebnisse, aber die strukturellen Ertragsprobleme bleiben. Roland Berger zufolge wurden seit Mitte 2011 bereits 15.000 Arbeitsplätze abgebaut, weitere 25.000 Stellenstreichungen sind darüber hinaus angekündigt, um die Profitabilität der Branche zu gewährleisten. Die Strategieberatung geht davon aus, dass in den kommenden zwei Jahren im Vergleich zu Mitte 2011 voraussichtlich weitere 40.000 Arbeitsplätze entfallen werden.

Neue Heimat in Finanzabteilungen?

Für Finanzchefs könnte sich dadurch die Chance auf neue Mitarbeiter ergeben, denn einige der Banker, die ihren Job verloren haben, werden in die Industrie wechseln wollen, auch wenn sie dort deutliche Abstriche im Gehalt werden hinnehmen müssen. Doch die andere Seite der Medaille ist, dass ein Banker nicht unbedingt immer die ideale Besetzung für eine Treasury-Position ist, da gerade in mittelständischen Unternehmen ein Generalist gefragt ist. Spezialisten im Treasury à la Leiter Zinsmanagement sind vorwiegend nur in Großkonzernen mit großen Treasury-Abteilungen gesucht. Das sagte Erik Heinrich, Geschäftsführer der Unternehmensberatung Trifinance, auch in einem Talk mit FINANCE-TV im Juli 2012. „Ob Banker zu Unternehmen werden wechseln können, hängt sehr stark davon ab, in welchen Segment sie tätig sind.“ Die Banker seien sehr gut ausgebildet und sehr spezialisiert, was für manche Unternehmen sehr interessant sei. „Die Chance, zu Unternehmen zu wechseln, wird sich deshalb für einige wenige Banker, beispielsweise aus dem Bereich M&A oder Corporate Banking, ergeben. Für die breite Masse wird es jedoch schwierig.“

Neue Banking-Jobs in Schwellenländern

„Der Arbeitsplatzabbau wird jedoch vor allem die Industrieländer betreffen“, heißt es in der Studie. Denn angesichts des erfolgreichen Wachstums der vergangenen zwei Jahre in den Schwellenländern würden dort weitere Arbeitsplätze im Investmentbanking entstehen. Denn trotz der jüngsten Abkühlung in den Schlüsselländern beurteilen die Experten die mittelfristigen Aussichten für Schwellenländer eher optimistisch. „Schwellenländer sind in den letzten Jahren signifikant gewachsen. Selbst wenn das Wirtschaftswachstum in manchen Ländern derzeit etwas abkühlt, sehen wir noch erhebliches strukturelles Wachstumspotential in dieser Region“, sagt Markus Böhme.

Gerade China bietet hier einiges an Potential. Denn immer mehr europäische Unternehmen wollen in Asien wachsen, die dortigen Gesellschaften müssen aber auch finanziert sein. Ein prominentes Instrument für den chinesischen Markt ist derzeit eine Offshore-Renminbi-Anleihe. Der Dim-Sum-Markt ist Kai Schrickel, Group Treasurer der BSH Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH, zufolge zwar noch kein „vollkommener Markt“, insgesamt werde der Markt aber immer professioneller. „Wenn sich der Markt so weiterentwickelt, werden wir dort noch zum Frequent Issuer“, erkärte Schrickel gegenüber FINANCE. Auch Indien wird für europäische Unternehmen immer interessanter. BMW hatte im Frühherbst bei der Finanzierung in Indien eine Pionierrolle übernommen und eine Rupien-Anleihe platziert. Für die Banken bedeutet das zusätzliche Ertragsmöglichkeiten. Roland Berger zufolge könnten die Schwellenländer bis 2016 einen zusätzlichen Ertrag von über 30 Milliarden Euro generieren. Für die Investmentbanken, die den Konsolidierungsprozess der Branche überleben, wird der Kuchen also größer, sie werden mit steigenden Erträgen rechnen können.

Das ist auch notwendig, um sich im Markt halten zu können, auch wenn sich die Ergebnisse der internationalen Investmentbranche nach der Roland-Berger-Studie in den vergangenen Monaten besser entwickelt haben. Im dritten Quartal erwirtschafteten Investmentbanken demnach einen Ertrag von rund 60 Milliarden Euro, was ein deutliches Plus gegenüber dem schlechten dritten Quartal 2011 bedeutet. Soweit sich die Staatsschuldenkrise nicht wieder verschärft, rechnen Experten mit einem Ertragswachstum von rund 10 Prozent auf 250 Milliarden Euro für das Gesamtjahr 2012. Die Eigenkapitalrendite (RoE) könnte dabei auf 11 Prozent steigen. „Die Restrukturierung dieses Bankensektors wird sich radikal ändern. Es geht nicht mehr um eine taktische Reduktion der Kapazitäten, sondern um eine Umgestaltung der Branche und die Fokussierung auf neue Märkte“, erläutert Markus Böhme.

sabine.paulus[at]finance-magazin.de

sabine.paulus@finance-magazin.de | + posts

Sabine Paulus ist seit 2008 Redakteurin beim Fachmagazin FINANCE und der Online-Publikation DerTreasurer. Ihre Themenschwerpunkte sind Personal, Organisation, Karriere und Finanzierung. Sie ist M.A. und hat an der Universität Konstanz unter anderem das Hauptfach Deutsche Literatur studiert.

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