Ein neues Wirecard verhindern – das ist das Ziel des Gesetzes zur Stärkung der Finanzmarktintegrität (FISG), das vor ziemlich genau zwei Jahren in Kraft getreten ist. Besonders davon betroffen ist die Branche der Wirtschaftsprüfer. Die wichtigsten Änderungen: Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haften seitdem unbegrenzt schon bei grober Fahrlässigkeit, kapitalmarktorientierte Unternehmen müssen spätestens nach zehn Jahren einen neuen Wirtschaftsprüfer bestellen, und die gleichzeitige Beratung von zu prüfenden Unternehmen wurde massiv eingeschränkt.
Während die unbegrenzte Haftung die Wirtschaftsprüfer vorsichtiger und den Prüfungsmarkt damit übersichtlicher gemacht sowie die Rotationspflicht ihn gehörig durcheinandergewirbelt hat, sorgte die striktere Trennung von Beratung und Prüfung für eine gestiegene Attraktivität der sogenannten Next-Seven-Gesellschaften BDO, Ebner Stolz, Mazars, Rödl & Partner, Baker Tilly, Grant Thornton und RSM Deutschland.
Zumindest Managing Partner Hellmuth Wolf von der Personalberatung Signium beobachtet seit Inkrafttreten des FISG ein gestiegenes Interesse an den Gesellschaften, die auf die Big Four PwC, KPMG, EY und Deloitte folgen. Besonders Steuer- und Rechtsspezialisten der Big Four könnten sich mittlerweile immer öfter einen Wechsel zu einer der dahinter liegenden Gesellschaften vorstellen.
Bei den Next Seven gibt es gutes Geld
„Die Berater wissen, dass Big-Four-Gesellschaften trotz ihres Ausbaus der Beratung nach Dax-Prüfmandaten streben. Und die Tax- und Legal-Experten der Big Four wissen im Zweifel auch, dass sie ihr Beratungsmandat nicht werden behalten können, wenn ihre Gesellschaft die Ausschreibung zur Abschlussprüfung bei einem Dax-Konzern gewinnen sollte“, sagt Wolf. Hinzu komme: „Die Next Seven haben ihre internationalen Netzwerke stark ausgebaut, so dass auch große Mandate bedient werden können.“ Zudem hätten sie fachlich nachgerüstet. Das sei früher ein Schwachpunkt gewesen.
Durch die vermehrte Übernahme von Beratungsmandaten bei Dax- oder anderen großen kapitalmarktorientierten Unternehmen steige auch der Personalbedarf der Next Seven an, so Headhunter Wolf weiter. Zumal sich auch bei den Next Seven gutes Geld verdienen lasse. „Wenn Sie nun Partner bei einem der Big Four oder auch Mitarbeiter auf der Ebene darunter ansprechen, haben Sie deutlich mehr und deutlich bessere Argumente, sie von einem Wechsel zu einer Next-Seven-Gesellschaft zu überzeugen“, weiß Wolf aus seiner Arbeit als Personalberater zu berichten.
Tatsächlich gab es zuletzt einige prominente Wechsel von Big-Four-Partnern, Directors oder Senior Managern zu Next-Seven-Gesellschaften. So wechselte Mathias Birnbaum, zuvor Partner bei KPMG, zu Mazars, der Nummer 8 im deutschen Prüfermarkt. Grant Thornton warb ein 20-köpfiges Team von Deloitte ab, darunter die Partner Michael Falter, Klaus Brisch, Mathias Reif und Oliver Decker. Ludger Wellens, zuvor Partner bei PwC, zog es ebenfalls zu Grant Thornton. Hinzu kommen zahlreiche Directors oder Senior Manager, denen der Wechsel zu einem der kleineren Häuser mit der Ernennung zum Partner versüßt wurde.
„Das FISG hat mit seinen Independence-Regelungen die Auswahl auf der Prüferseite noch stärker eingegrenzt und uns damit gleichzeitig vielfältige Optionen im Beratungsbereich und bei den prüfungsnahen Leistungen eröffnet“, sagt Gernot Hebestreit, Vorstand Clients & Markets bei Grant Thornton. Dass sich Partnerinnen und Partner für Grant Thornton entscheiden, habe aber weniger mit dem FISG zu tun, sondern damit, dass das eigene Haus „grundsätzlich eine attraktive Adresse“ sei, wirbt Hebestreit.
Die Next Seven im Überblick
| Wirtschaftsprüfer | Umsatz 2022 (in Mio. Euro) | Mitarbeiterzahl 2022 | Prominentes Mandat |
| BDO | 347,0 | 2.500 | SAP |
| Ebner Stolz | 343,5 | 2.100 | Alzchem |
| Rödl & Partner | 335,8 | 2.100 | Adler Real Estate |
| Mazars | 233,1 | 2.000 | Hella |
| Baker Tilly | 192,9 | 1.330 | Deutsche Bundesbank |
| Grant Thornton | 187,0 | 1.600 | Porsche Automobil Holding |
| RSM Deutschland | 102,1 | 780 | Friedrich Vorwerk Group |
Branche leidet am Mangel an Talenten
Christoph Regierer, Sprecher des Management Boards von Mazars, hat ebenfalls ein gesteigertes Interesse von Dax-Unternehmen an den Beratungsleistungen seines Hauses festgestellt, allerdings sieht er weniger das FISG als Treiber für diese Entwicklung, sondern die generelle Ressourcenknappheit auf dem Berater- und Prüfermarkt, „die dazu führt, dass Unternehmen umdenken und in Zeiten der Unsicherheit vermehrt Bedarf am Aufbau weiterer Kapazitäten und an lösungsorientierter, integrierter, länderübergreifender Beratung haben“.
Auch Thomas Edenhofer, Managing Partner Audit & Advisory von Baker Tilly sieht Herausforderungen in puncto Nachwuchs: „Sowohl die Big Four als auch die Next Seven leiden am Mangel an neuen Talenten.“ Regierer nennt vor allem „die Attraktivität der Challenger-Position in Kombination mit der gestalterischen Freiheit“ als Grund für den Gewinn früherer Big-Four-Partner.
Auch bei der Nummer 5 im Markt, BDO, sieht man die eigene Stärke als Grund für die Gewinnung von Big-Four-Partnern und nicht die veränderte Regulatorik. „Wir werden stärker vom Markt wahrgenommen als früher“, sagt Andrea Bruckner, gemeinsam mit Parwäz Rafiqpoor BDO-Vorstandsvorsitzende, und betont noch einen weiteren Grund: „Bei BDO können Partnerinnen und Partner unternehmerisch freier agieren und haben mehr Einfluss- und Entscheidungsmöglichkeiten.“
Auch Ebner Stolz konnte in jüngster Zeit Big-Four-Partner für sich gewinnen. So wechselten Alexander Glöckner und Albina Kladusak als Partner von KPMG zu dem Stuttgarter Haus. Christoph Brauchle, Partner bei Ebner Stolz, hat festgestellt, dass es durch die Prüferrotation für sein Haus leichter geworden sei, prüfungsnahe Beratungsleistungen zu übernehmen.
„Das bietet uns große Chancen, auch bei der Beratung von Unternehmen der Dax-Familie.“ Die Entwicklung hat natürlich auch Auswirkungen auf die Personalgewinnung. „Wir merken, dass wir eine Attraktivität für unternehmerische Partner haben, die von den Big Four kommen“, so Brauchle. Es lägen zurzeit viele Lebensläufe von Big-Four-Partnern auf dem Tisch, doch die Leute müssten zu Ebner Stolz passen. „Nur den Namen einer Big-Four-Company im Lebenslauf stehen zu haben reicht nicht.“
Big Four geben sich unbeeindruckt
Die Big-Four-Gesellschaften wiederum sehen auf FINANCE-Nachfrage keine neuen Muster bei der Arbeitgeberwahl ihrer Tax- oder Legal-Partner. „Wir stellen bei karrierebezogenen Überlegungen von Partnerinnen und Partnern keine Veränderung durch das FISG fest“, teilt etwa EY mit. Der Wechsel zu einer Next-Seven-Gesellschaft sei nach wie vor „eine äußerst seltene Ausnahme“.
Personalberater Wolf begrüßt die Entwicklung, unabhängig davon, was sie ausgelöst hat. „Das tut dem Beratermarkt gut, weil er heterogener und lukrativer wird. Die Mandanten sind nicht mehr nur auf Big-Four-Gesellschaften angewiesen, sondern können auch zu Next-Seven-Companies gehen, weil diese in vielen Bereichen ebenfalls gut aufgestellt sind.“ Und mit jedem neu gewonnenen Beratungsmandat wächst nicht nur die eigene Attraktivität, sondern auch der Bedarf an weiteren Beratern. Der Kampf um die besten Talente wird härter.
Falk Sinß ist Redakteur bei FINANCE. Er hat Soziologie, Politologie und Neuere und Mittlere Geschichte in Frankfurt am Main sowie in Mainz Journalismus studiert, wo er auch einen Lehrauftrag inne hatte. Vor seiner Zeit bei FINANCE war Falk Sinß drei Jahre Redakteur der Zeitschrift Versicherungswirtschaft und zehn Jahre für verschiedene Medien des Universum Verlags tätig.
